»Limmud Europe«

»Wir sind offen für alle jüdischen Strömungen«

Will vernetzen: Judith Orland Foto: Christian Wyrwa / Isernhagen

»Limmud Europe«

»Wir sind offen für alle jüdischen Strömungen«

Judith Orland über Diversität, Vernetzung und den »Eruv Hub«

von Tobias Kühn  09.06.2022 07:58 Uhr

Frau Orland, am 12. Juni soll im Rahmen eines internationalen Limmud-Tags in Berlin die Organisation »Limmud Europe« gegründet werden. Was verbirgt sich dahinter?
Limmud wurde in den 80er-Jahren in England gegründet und ist zu einem erfolgreichen jüdischen Lernprojekt geworden, das von Freiwilligen getragen wird. Weil es inzwischen in vielen Ländern Limmud-Vereine gibt, haben wir beschlossen, sie ins­titutionell zu vernetzen und die Dachorganisation »Limmud Europe« zu gründen.

Wie entstand die Idee?
Die Idee schlummerte schon länger, aber letztendlich ist sie auch ein Ergebnis der Pandemie. Als wir Anfang 2020 alle in den Lockdown mussten, haben wir gemerkt, dass wir nicht vereinzeln wollen. Wir haben uns deshalb online getroffen und vernetzt. So entstand eine Gruppe, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern von Limmud-Vereinen aus neun verschiedenen Ländern zusammensetzte. Wir haben uns in den letzten zwei Jahren regelmäßig mittwoch­morgens getroffen, um über die Leitsätze von Limmud zu diskutieren und verschiedene Projekte dazu zu entwickeln. Die Initiative nannten wir »Limmud Europe Values« – abgekürzt LEV, was auf Hebräisch »Herz« heißt. Wir haben uns also mit unserem Kern beschäftigt.

Was sind die Leitsätze Ihrer Organisation?
Einer ist zum Beispiel »Diversität/Vielfalt«. Limmud ist offen für alle jüdischen Strömungen, von sehr religiös bis säkular. Darüber hinaus sind wir offen für ganz unterschiedliche Lebensentwürfe. Ein an­derer Leitsatz ist »Argumente um der Argumente willen«. Es geht also darum, voneinander zu lernen und die Positionen der anderen kennenzulernen. Wir haben uns auch ganz praktisch gefragt, wie wir Partizipation besser online gestalten können. Das war ja für uns neu und wurde durch die Pandemie plötzlich ganz aktuell.

Was planen Sie für die Zukunft?
Wir starten mit dem Projekt »Memory Futures«, für das wir EU-Fördergelder einwerben konnten. Dabei geht es um die Fragen, wem Erinnerung gehört, wie sie erzählt wird und welche Rolle sie spielt. Mit dabei sind Limmud-Vereine aus sieben europäischen Ländern. In diesem Rahmen wird es Limmud-Verstaltungen über jüdisches Leben entlang des Rheins geben, ebenfalls in Planung sind »Limmud Donau« und ein »Limmud Ostsee«.

Was steht auf dem Programm für den Limmud-Tag am Sonntag in Berlin?
Er findet diesmal im Eruv Hub statt, dem jüdischen Co-Working-Space in Kreuzberg. Die Location besticht durch ihren großen offenen Innenraum. Er lädt zum Vernetzen und zum Verweilen ein, und man kann dort gut miteinander ins Gespräch kommen. Das Programm ist vielfältig: Es wird Sessions zur Demokratisierung des Weltraums, der Digitalisierung der deutschen Mischna-Übersetzung oder Kreislaufwirtschaft und Modeindustrie geben, aber auch Biertasting sowie ein Comic-Konzert. Man kann sich noch anmelden unter www.limmud.de.

Wie werden Sie nach dem internationalen Lerntag nächste Woche das neue Projekt »Limmud Europe« weiterhin mit Leben füllen?
Neben den Verstaltungnen zu Limmud Rhein, Donau und Ostsee sind wir auch auf der Suche nach künstlerischen Projekten. Wir könnten uns vorstellen, mit Künstlergruppen zu kooperierenWir könnten uns vorstellen, mit Künstlergruppen zu kooperieren Judith Orland, die sich mit jüdischen Themen beschäftigen. Darüber hinaus wollen wir intern schauen, welche Bedürfnisse kleinere Limmud-Vereine haben. Wir wollen sie unterstützen und auch bei der Gründung von Limmud-Vereinen in weiteren Ländern helfen.

Mit der Gründungsdirektorin von »Limmud Europe« sprach Tobias Kühn.

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Albanien

Flamingos gegen Kushner

In Tirana wächst der Widerstand gegen einen Inselverkauf. Präsident Edi Rama wirft den Demonstranten Antisemitismus vor. Zu Recht?

von Adelheid Wölfl  16.06.2026