Interview

»Wir mussten alles renovieren«

Rabbiner Angel Kreimann Foto: Jürgen Vogt

Rabbi Kreimann, vor einem Jahr wurde Chile von einem schweren Erdbeben erschüttert. Das Epizentrum lag in der Nähe von Concepción, der zweitgrößten Stadt des Landes. Wie geht es Ihrer Gemeinde heute?
Unsere Synagoge war stark beschädigt. Doch heute sieht es so aus, als wäre nichts geschehen. Wir mussten alles renovieren. Zum Glück gab es unter den Gemeindemitgliedern keine Toten. Aber es war alles sehr traumatisch. Manche mussten ihre Häuser mit Stöcken vor Plünderern verteidigen. Ich selbst habe alles verloren, was aus Glas und Porzellan ist.

Wie groß ist Ihre Gemeinde?
Sehr klein. Wir sind rund 60 Personen. Orthodoxe gibt es bei uns nicht. Ich bin der Einzige, der sein Fleisch in der Hauptstadt kauft, weil es nur dort koscheres gibt.

In vielen Ländern sind die Orthodoxen auf dem Vormarsch. Auch in Chile?
In den 70er- und 80er-Jahren gab es fünf starke liberale Gemeinden und nur einige wenige orthodoxe. Mindestens ein Viertel der Juden, die früher zu den liberalen Gemeinden gehörten, haben sich der Orthodoxie zugewandt. Es besteht eine große Kluft zwischen der Orthodoxie, die stark zunimmt, und dem liberalen und konservativen Judentum.

Wie hat sich die Situation der Gemeinde seit dem Amtsantritt von Präsident Sebastián Piñera vor einem Jahr verändert?
Es wurde erstmals im Präsidentenpalast Chanukka gefeiert, und Piñera kam am Tag des Vaterlandes in die Synagoge. Zudem ist der gegenwärtige Vizepräsident und Innenminister Rodrigo Hinzpeter ein orthodoxer Jude. Die Gemeinde ist seit Langem voll integriert.

Chile hat jüngst, wie viele andere südamerikanische Staaten, Palästina als Staat anerkannt. Der Vizepräsident akzeptiert das?
Chile hat den Staat mit der Formel anerkannt, dass Israel und Palästina die Grenzen aushandeln müssen. Es gibt 250.000 Chilenen palästinensischer Herkunft. Das ist die weltweit größte Gemeinschaft außerhalb Palästinas. Fast alle sind Christen. Die Geschäftsbeziehungen zwischen ihnen und der jüdischen Gemeinschaft sind sehr gut. Der Vizepräsident versteht es gut, sich zwischen seinem Judentum und den politischen Erfordernissen zu bewegen.

Mit dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Concepción sprach Jürgen Vogt.

Jerusalem

Großeltern umgebettet: Theodor Herzls letzter Wille ist erfüllt

Die Überreste von Schimon und Rikva Herzl, Vorfahren väterlicherseits des Zionismus-Begründers und prägende Gestalten in Theodor Herzls Jugend, wurden von Serbien nach Israel überführt und auf dem Herzlberg beigesetzt

 06.08.2026

Palma

Michael Douglas ist Ehrenbotschafter Mallorcas

Der Hollywood-Star mit jüdischem Familienhintergrund wird für seine enge Verbindung zu der spanischen Insel und sein Engagement für deren kulturelles Erbe geehrt

 06.08.2026

Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Nach 41 Jahren verlässt der anerkannte Journalist Jean Quatremer die beliebte Tageszeitung »Libération«. Er wirft Kollegen einen »entfesselten Antisemitismus« und eine ideologische Schreckensherrschaft vor

 06.08.2026

USA

Seitenwechsel

In Stanford hetzte Taryn Thomas auf Studentenprotesten gegen Israel. Dann sah sie die Nova-Ausstellung – und wurde zur »Verräterin«

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  06.08.2026

Großbritannien

Tories wegen Nominierung von Ex-Neonazi in der Kritik

Die Chefin der Konservativen Partei hält ihn für resozialisiert, doch die jüdische Labour-Politikerin Luciana Berger ist skeptisch, was eine Kandidatur des früheren Rechtsextremisten Joshua Bonehill-Paine bei der Kommunalwahl 2027 anging

von Michael Thaidigsmann  06.08.2026

Litauen

Bima der Großen Synagoge von Vilnius endlich freigelegt

Während die Ausgrabungen voranschreiten, geht die Debatte über die Zukunft des Ortes weiter. Soll dort ein Gemeindezentrum entstehen, ein religiöses Zentrum oder eine Erinnerungs- und Bildungsstätte?

 05.08.2026

Nachruf

Holocaust-Überlebender und Historiker Marģers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben

Seine Eltern und Brüder und weitere Angehörige werden 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Er selbst überlebte als einziges Familienmitglied. Nach dem Krieg wurde er Historiker

 03.08.2026

Frankreich

Rückkehr nach Rennes

Unweit vom Dreyfus-Museum führen Schüler am Originalort den Prozess auf. Neben beeindruckenden Landschaften bietet die Bretagne auch eine Lektion in jüdischer Geschichte

von Mark Feldon  02.08.2026

Russland

Der schweigende Oligarch

Roman Abramowitsch ist immer wieder Ziel antisemitischer Propaganda. Doch er ist auch regelmäßig zu Gast im Kreml. Eine Annäherung

von Alexander Friedman  02.08.2026