Belgien

Wer jung ist, geht nach Brüssel

Es glitzert und glänzt, wenn sich die Sonne am gläsernen Zeltdach des neuen Bahnhofs Liège Guillemin bricht. Die beeindruckende Konstruktion des Architekten Santiago Calatrava strahlt eine Eleganz aus, die im Gegensatz steht zum Schmuddel-Image der charmanten, aber heruntergekommenen Stadt, ausgezehrt von Kohle, Hochöfen und Arbeitslosigkeit. 2009 wurde der Bahnhofs-Prachtbau fertiggestellt. Mit dem Anschluss an das Hochgeschwindigkeitszugnetz will Lüttich auch den Anschluss an eine neue Zeit schaffen.

Jacques Rothenbach hat eine andere Geschichte zu erzählen. Ihr Spannungsbogen verläuft umgekehrt. Es ist die Geschichte der jüdischen Gemeinde in der 200.000 Einwohner großen Industriemetropole an der Maas, deren Schatzmeister er seit 18 Jahren ist. Im 19. Jahrhundert blühte die Gemeinde durch die vielen Migranten aus Osteuropa auf, die vor den dortigen Pogromen flohen. In den Kohlegruben und Stahlfabri- ken gab es reichlich Arbeit. Auch unter jüdischen Studenten war die Universität der Stadt beliebt.

geschichte Der Zustrom hielt auch nach dem Ersten Weltkrieg an. Dabei half die Geografie. »Viele alte Juden erzählten mir, dass sie sich in den 1920er-Jahren hier niederließen, weil es die erste Station hinter Deutschland war. Eigentlich wollten sie weiter nach Westen, nach Paris, aber viele blieben hier«, sagt Rothenbach. Der ehemalige Modedesigner ist auch einer dieser polnischen Juden. In Lodz geboren, kam er 1946 als 19-Jähriger Auschwitz-Überlebender nach Lüttich, wo er Verwandte hatte. Die Nähe zu Deutschland habe dem jüdischen Leben der Stadt auch nach der Schoa keinen Abbruch getan, sagt er. »Bis in die 50er-Jahre gab es hier 800 Juden, sportlich und kulturell war eine Menge los. Danach begann die Emigration nach Israel, in die USA und Mexiko.«

Mit einer Mischung aus Routine und Wehmut erzählt der 83-Jährige vom Zahn der Zeit, der an seiner Gemeinde nagt. Vom Sportverein Maccabi, den es schon seit 25 Jahren nicht mehr gibt. Vom Kinderchor, der zu Chanukka sang. Von den 150 offiziell verbliebenen Gemeindemitgliedern, Kabbalat-Schabbatfeiern im kleinen Kreis von 15 oder 20 Menschen. Rothenbachs Enkel sind nach Brüssel gezogen, »wie alle jungen Juden in Belgien«. Der Gemeinde in Lüttich bleiben nur die Beerdigungen. »Keine Geburten, keine Barmizwa, keine Hochzeiten. Und keine Neuzugänge.«

Eine Ausnahme ist Rabbiner Joshua Nejman. Der 34-Jährige könnte Rothenbachs Enkel sein. Der alte Herr hält große Stücke auf den jungen Rabbi, der bereits seit zehn Jahren in der Stadt lebt. Für ihn war Lüttich anfangs eine andere Welt. Geboren und aufgewachsen ist er in Brüssel, wo es sieben jüdische Gemeinden gibt. Sein Rabbinatsstudium absolvierte er in Paris. Von der kleinen Gemeinde im Osten Belgiens hatte er noch nie gehört. Die Fahrtzeit von einer Stunde täuscht darüber hinweg, dass die geistige Entfernung groß ist. Brüsseler Juden kennen die Probleme der kleineren Gemeinden nur vom Hörensagen.

blickwinkel »Ich kam hierher, um bei der Entwicklung zu helfen«, sagt Nejman. Er weiß, dass es leichter sein kann, nur das Jetzt zu kennen, ohne die Bilder, die Erinnerungen von früher. Der Blickwinkel wird ein anderer: »Es ist keine große Gemeinde, aber sie lebt, und das ist das Wichtigste«, sagt er nüchtern. Wo Rothenbach resigniert feststellt, dass die Jugendlichen einfach weg sind, will er die Probleme angehen, mit den Jungen und den Alten reden, hören, weshalb sie nicht mehr zur Synagoge kommen. Dann, so sein Plan, will er das Gemeindeleben wieder aufbauen und Konferenzen, gemeinsame Mahlzeiten und Besuche organisieren.

Vorläufig aber muss sich Joshua Nejman mit den Gegebenheiten abfinden. Er bringt seine Kinder jeden Morgen mit dem Zug zur jüdischen Schule nach Brüssel und holt sie nachmittags wieder ab.

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  12.06.2026

Norwegen

Wenn die Sonne weder unter- noch aufgeht

Warum der Schabbat und manche Feiertage im hohen Norden eine Herausforderung sein können

von Elke Wittich  12.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

WM 2026

Schweizer Fußball-Stars begeistern jüdische Kinder

Kinder und Jugendliche einer jüdischen Schule in San Diego haben mit der Schweizer Nationalmannschaft Fußball gespielt

von Nicole Dreyfus  09.06.2026

Daniel Jositsch, Zürcher SP-Ständerat, am letzten Donnerstag, dem Tag seines Austritts aus der Partei

Meinung

Daniel Jositsch und der Preis der Klarheit

Daniel Jositsch verlässt nach seiner Nichtnomination in den Ständerat die SP. Der Fall zeigt, wie eng der Raum für sozialliberale und proisraelische Stimmen in der Linken geworden ist, nicht nur in der Schweiz

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.06.2026

Frankreich

Shosanna rennt weiter

»Inglourious Basterds«-Star Mélanie Laurent ist zurück – und nimmt in »Fauda 5« Rache

von Sophie Albers Ben Chamo  07.06.2026

Großbritannien

Grünen-Chef will Ermittlungen gegen Briten, die in Israels Armee dienen

Zack Polanski gehört ebenso wie Jeremy Corbyn zu den Unterstützern einer Kampagne, die sich gegen britische Staatsbürger im israelischen Militär richtet

 05.06.2026

Meinung

Entlarvte Gesinnung

Ausgerechnet jener Schweizer Politiker, der sich im Parlament gegen das Hamas-Verbot stellte, lädt die französische Abgeordnete und Israelhasserin Rima Hassan nach Bern ein

von Nicole Dreyfus  04.06.2026

Großbritannien

Unterhausabgeordneter unterstellt Israel »Blutdurst«

In einer Parlamentsdebatte zu Israels Krieg gegen die Hisbollah im Libanon verstieg sich ein Parlamentarier zu antisemitischen Aussagen

 04.06.2026