USA

Wenn Hass tötet

Noch weiß niemand, warum sie niedergeschossen wurde, aber alle sind entsetzt und schockiert: Gabrielle Giffords, die erste jüdische Kongressabgeordnete von Arizona, wurde vor einem Supermarkt in Tucson von einer Kugel in den Kopf getroffen. Giffords liegt nun im Krankenhaus, und ob sie überleben oder auch nur völlig gesund werden wird, steht in den Sternen. Giffords’ ebenfalls jüdischer Mitarbeiter Gabriel Zimmerman wurde von Jared Loughner, dem Attentäter, erschossen, zusammen mit fünf anderen Menschen.

Nun fragen sich viele: Hat das Attentat einen antisemitischen Hintergrund? Immerhin listete Loughner auf seiner Facebookseite Mein Kampf als eines seiner Lieblingsbücher auf, zusammen allerdings mit dem Kommunistischen Manifest und Peter Pan. Und einiges von dem, was über ihn durchgesickert ist – etwa seine Klage, dass der Dollar nicht mehr auf dem Goldstandard beruht oder Beschwerden über »Gedankenkontrolle und Gehirnwäsche« durch die Regierung, oder auch die mutmaßliche Nähe zu der rassistischen Anti‐Immigrantengruppe American Renaissance – sprechen für ein rechtes Weltbild.

Liberal Giffords stammt aus einem liberalen Elternhaus. Ihr Vater ist jüdisch – und übrigens verwandt mit der Schauspielerin Gwyneth Paltrow –, die Mutter gehört den Christian Scientists an, einer amerikanischen Sekte. Giffords’ Großvater, Akiba Hornstein, war der Sohn eines orthodoxen Rabbiners aus Litauen. Er hatte in den USA seinen Namen geändert, um sich vor Antisemitismus zu schützen. Giffords brauchte lange, um sich für ihr Judentum zu entscheiden. Erst 2001 geschah das, nach einem Besuch in Israel, der vom American Jewish Committee gesponsort wurde. »Ich wurde erzogen, nicht über meinen Glauben zu reden«, sagte sie einmal dem Jewish Woman Magazine. »Aber nach Israel zu gehen, ließ mich begreifen, dass es viele Menschen gibt, die meinen Glauben teilen.« Sie sagte auch: »Wenn du etwas zuverlässig erledigt haben willst, wende dich an eine jüdische Frau.«

Bald darauf trat die tatkräftige 31‐Jährige der Congregation Chaverim bei, einer Reformsynagoge in Tucson. Vor deren Toren stehen nun Blumen, und es brennen Kerzen, Gemeindemitglieder beten für die schwer verletzte Politikerin. Am Sonntag hatte die Rabbinerin Stephanie Aaron, eine Vertraute von Giffords, einen »Heilgottesdienst« abgehalten, zu dem mehr als 200 Beter gekommen waren. Giffords war auch Mitglied der Anti‐Defamation League in Arizona, des United States Holocaust Memorial Council und der zionistischen Frauenorganisation Hadassah.

Giffords, die mit dem Space‐Shuttle‐Astronauten Mark Kelly verheiratet ist, hat in Harvard, Cornell und im mexikanischen Chihuahua studiert. Dort lernte sie Spanisch, praktisch für eine Politikerin in einem Bundesstaat wie Arizona, wo ein Drittel der Einwohner hispanisch ist. Nachdem sie ein paar Jahre die Reifenfirma ihres Großvaters geleitet hatte, ging sie in die Politik; erst in Phoenix, der Hauptstadt von Arizona, wo sie zunächst Abgeordnete und dann Senatorin wurde. 2007 gelangte sie nach Washington, wo sie Arizona im Kongress vertritt. Gerade erst hatte sie die Wiederwahl gewonnen – obwohl Sarah Palin, die Republikanerin aus Alaska, dazu aufgerufen hatte, sie »ins Visier zu nehmen«. Das sei nur symbolisch gemeint gewesen, meint Palin nun.

Konservativ In Washington zählt man Giffords zu den »Blue Dog Democrats«, dem eher konservativen Flügel der Demokraten. Ursprünglich war sie gar Republikanerin gewesen, wechselte aber die Partei, als sie zur Wahl antrat. Obwohl sie sich gegen das umstrittene neue Einwanderungsgesetz von Arizona ausgesprochen hat – das es der Polizei erlaubt, ausländisch aussehende Menschen auf der Straße anzuhalten und nach ihren Papieren zu fragen –, vertritt sie in der Einwanderungspolitik eine relativ harte Linie: Sie ist dafür, die Grenzmauer zu Mexiko zu festigen und mehr Posten aufzustellen. Allerdings tritt sie auch dafür ein, ein Gastarbeiterprogramm zu schaffen und die Zahl der Visa zu erhöhen.

Innenpolitisch ist sie hingegen eher liberal – sie setzt sich für das Recht auf Abtreibung ein, für mehr Kindergärten und bessere Schulen, und für Gesundheitsvorsorge. Als der Schütze auf sie zutrat, sprach sie gerade mit einem älteren Ehepaar über die neue Krankenversicherung, die Obama durchgesetzt hat. Giffords war aber immer auch für das Recht, Waffen zu tragen – was ihr nun womöglich zum Verhängnis wurde.

Auch weil Giffords eine entschiedene Unterstützerin Israels ist – so sprach sie sich im Kongress dagegen aus, Flugzeugteile an den Iran zu verkaufen –, glauben manche, dass ihr Attentäter antisemitische Motive hatte. Die Anti‐Defamation‐League rief dazu auf, zu untersuchen, ob Loughner von Hate Speech, der Sprache des Hasses, oder von extremistischer Literatur beeinflusst wurde. »Es gibt einen Verdächtigen, der nun in Haft ist«, hießt es vom National Jewish Democratic Council. Aber bei dem heutigen, aggressiven politischen Klima gebe es viele, die zu der Atmosphäre beigetragen haben, die zu der Tat führte.

MJ Rosenberg von der linken jüdischen Lobbyorganisation JStreet meinte, es sei zwar unklar, ob der Attentäter antisemitische Motive habe, es gebe aber derartige Tendenzen bei einigen konservativen Medienleuten, zu deren Zuschauern Loughner wohl gehört habe, etwa Glenn Beck von Fox News. Beck hatte den Aktienhändler und Philanthropen George Soros als finsteren »Marionettenspieler« hinter den Kulissen bezeichnet.

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