USA

Wenn aus Werbung Wohlfahrt wird

Houston im Bundesstaat Texas, die viertgrößte Stadt der Vereinigten Staaten, ist für ihre pulsierende Restaurantszene bekannt. Die 2,3 Millionen Einwohner machen regen Gebrauch von den mehr als 10.000 Lokalen, Bars und Cafés. Einer Studie zufolge essen sie fast siebenmal pro Woche außer Haus. Der Durchschnitts­amerikaner tut dies nur knapp fünfmal.

Doch die Corona-Pandemie hat diesen Lebensstil auf den Kopf gestellt. Auch Texas – mit mehr als 55.000 bestätigten Covid-19-Fällen im Mittelfeld der Corona-Rangliste gelegen – verhängte Mitte März eine Kontaktsperre, die Inhaber, Mitarbeiter und Kunden im Gaststättengewerbe gleichermaßen verunsicherte.

»Wir haben vier Überschwemmungen, ein Feuer und einen Hurrikan überstanden«, sagt Janice Jucker, Mitinhaberin der Three Brothers Bakery. Doch von allen Katastrophen, die das Unternehmen heimgesucht hätten, sei die Pandemie die schlimmste. »Nach einer Flut bekommt man wenigstens etwas Geld von der Versicherung, man macht sauber und eröffnet das Geschäft nach ein paar Tagen wieder«, sagt sie.

RESTAURANTS Eine Kampagne namens Mensch Out will notleidenden jüdischen Unternehmern wie den Juckers helfen. Dazu schlossen sich drei in der jüdischen Gemeinschaft der Stadt verwurzelte PR-Agenturen (LikeMinds Communications, Integrate und Tippit & Moo) zusammen, kauften eine Internetadresse und veröffentlichten eine Liste mit Restaurants, Geschäften, Dienstleistungsangeboten und Firmen, deren Inhaber jüdisch sind.

Die meisten teilnehmenden Unternehmen spenden dann fünf bis 15 Prozent der Einnahmen aller Montage im Mai an den gemeinsamen Covid-19-Notfallfonds der Jewish Federation of Greater Houston und der Houston Jewish Community Foundation.

Ziel ist es, Bedürftigen eine Brücke zu bauen, damit sie wieder am Leben teilhaben können, erklärt Allie Danziger von Integrate, die während eines Brainstorming auf den Namen kam: »Sei ein Mensch, geh aus (go out) – Mensch Out war geboren!« Sie mache seit 15 Jahren PR, sagt die 35-Jährige, »doch das war die einfachste Namensfindung«.

EINTRÄGE Die ersten Einträge im Verzeichnis von Mensch Out basierten auf einer Liste, die die Rentnerin Martha Barvin für Freunde und Familie erstellt hatte. Sie wollte jüdischen Unternehmen unter die Arme greifen. »Wir alle gehen essen, warum nicht gleichzeitig die jüdische Gemeinschaft unterstützen?«, fragte sie sich.

Auf einem Blatt Papier sammelte Barvin, die seit 1980 in Houston lebt, Restaurants und Cafés. Einer ihrer drei Söhne nannte das Ergebnis Jelp, in Anlehnung an Yelp, einen beliebten Online-Ratingdienst.

Barvin schickte ihre Liste an Freunde und Familie. Eine der Adressaten war Jenny Gustafson, Gründerin von LikeMinds Communications. Die 32-jährige Mutter eines sieben Monate alten Sohnes, für den sie inzwischen Lätzchen von einem Mensch-Out-Geschäft gekauft hat, postete zunächst in einer Facebook-Gruppe für jüdische Mütter und erhielt große Resonanz.

Drei PR-Agenturen haben eine Liste mit notleidenden jüdischen Firmen ins Netz gestellt.

»Die Leute fingen an, Nachhilfelehrer, Klempner und Schwimmschulen zu nennen«, erzählt sie. »Bald kam ich nicht mehr hinterher.« Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Melina Soroka erkannte sie, dass eine Art Branchenverzeichnis fehlte.

Gustafson und Soroka kennen einander seit ihrer Kindheit, als beide den Hebräischunterricht der Gemeinde Beth Yeshurun besuchten. Soroka ist noch heute aktives Mitglied der konservativen Synagoge.

CORONA »Diese Krise wurde für viele unserer Kunden von jetzt auf gleich zur Realität«, sagt Soroka. Und damit auch für die PR-Agentur. LikeMinds Communications arbeitet für viele karitative Organisationen und Betriebe aus dem Gaststättengewerbe.

Eine davon ist die Konditorei Dessert Gallery von Sara Brook. Die Liebhaberin von Süßspeisen ist studierte Soziologin. »Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich noch im Geschäft bin«, sagt sie. Ihre 47 Angestellten haben den Schwerpunkt ihrer Arbeit von Geschäftskunden auf die Versorgung derer verlagert, die an vorderster Front gegen Corona kämpfen.

So sandten sie 500 Mahlzeiten an das medizinische Personal in fünf Notaufnahmestationen von Kliniken und backten 200 Kekse für die Polizei. Brook weiß aus eigener Erfahrung sehr gut, dass die Krise nervenaufreibend ist und der Körper nach Zucker verlangt. »Ich bin nicht die Einzige, die jetzt mehr Schokolade isst«, sagt sie. Die Teilnahme an der Aktion hat sich für die Dessert Gallery gelohnt. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Bestellungen an den ersten Mai-Montagen um rund 20 Prozent.

ÜBERLEBEN »Es war so nett von den Agenturen, diese Liste zu erstellen«, finden Janice und Bobby Jucker von der Three Brothers Bakery. Bei der Bäckerdynastie liegt das Überleben in der Familie. Ihre Geschichte begann vor 200 Jahren in Chrzanow in Polen. Bobby Juckers Vater, heute 98, und sein Zwillingsbruder Sol stiegen als Zehnjährige in das Familien­geschäft ein, weil die Mitarbeiter des Betriebs streikten.

1941 wurden die Mitglieder der Fami­lie in Konzentrationslager deportiert. Sigmund, Sol, ihr Bruder Max und ihre Schwester Janie überlebten die Schoa und wanderten 1949 nach Amerika aus. In Houston kauften die Geschwister eine bereits bestehende Bäckerei gegenüber der Beth-Israel-Synagoge und hielten sie in den ersten Jahren mehr schlecht als recht am Laufen.

Danach zog das Unternehmen noch einige weitere Male um, wuchs um zwei Filialen und wird seit rund 20 Jahren von Sigmund Juckers ältestem Sohn Bobby und dessen Frau Janice geführt.

MIETE Die Juckers waren berührt, als sie von Mensch Out erfuhren. »Das ist das erste Mal, dass die jüdische Gemeinschaft etwas speziell für Unternehmer tut«, sagt Janice. »Verständlicherweise wurde in der Vergangenheit nach Umweltkatastrophen eher Privatpersonen geholfen«, fügt sie an.

Über die Spenden der teilnehmenden Unternehmen freut sich Taryn Baranowski, Chief Marketing Officer der Jewish Federation. »Es leiden zurzeit so viele Menschen«, sagt sie. Das Geld werde an Bedürftige ausgezahlt, damit sie davon Lebensmittel, Miete oder ihre Stromrechnung bezahlen können.

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