Ukraine

Wenig Hoffnung im Osten

Morgengebet in der Synagoge von Donezk Foto: REUTERS

Seit fünf Jahren wird in der ostukrainischen Industrieregion Donbass gekämpft. Nachdem Russland im März 2014 die südukrainische Halbinsel Krim annektiert hatte, wurde es wenige Wochen später auch im Donbass unruhig. In den wichtigsten Städten Donezk und Luhansk besetzten prorussische Separatisten Verwaltungsgebäude und riefen zwei Volksrepubliken aus, die jedoch international nicht anerkannt werden.

Trotz Bemühungen unter anderem Deutschlands und Frankreichs ist es lediglich gelungen, die Kriegshandlungen bis auf die rund 420 Kilometer lange Frontlinie zu reduzieren. Das traurige Zwischenergebnis: 13.000 Opfer laut neuesten Angaben der Vereinten Nationen sowie 1,6 Millionen Binnenflüchtlinge aus dem Donbass und von der Krim, die sich offiziell bei ukrainischen Behörden registriert haben.

Politisch befindet sich der Konflikt schon lange in einer Sackgasse. Die Ukraine will die Kontrolle über die ukrainisch-russische Grenze im Donbass übernehmen, Russland stellt sich jedoch dagegen – und alle Verhandlungen über eine mögliche UN-Blauhelmmission führten bisher zu keinem Kompromiss.

Geschichte Für die Juden im Donbass, die ohnehin immer ein schwieriges Schicksal hatten, ist der blutige Krieg in der Region ein weiterer trauriger Rückschlag. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts machten Juden mehr als 20 Prozent der Bevölkerung des heutigen Donezk aus.

In Jusowka, so hieß der Ort damals, gab es drei Synagogen – das jüdische Leben blühte, wenn auch nicht so stark wie in Odessa oder in einigen westukrainischen Städten.

In den 30er-Jahren veränderte sich jedoch alles, zuerst durch die Sowjetmacht unter Josef Stalin – Jusowka wurde übrigens in Stalino umbenannt – und dann durch das deutsche NS-Regime.

Für die Juden im Donbass ist der Krieg 
ein trauriger Rückschlag.

Die Sowjets verurteilten den örtlichen Rabbiner wegen angeblicher antisowjetischer Tätigkeit zum Tode, die Synagoge wurde zerstört. Dann kam die Schoa, und Tausende Juden wurden ermordet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte es lange, bis sich die Juden in Donezk Ende der 80er-Jahre wieder offiziell organisieren konnten. In den 90ern öffneten eine Synagoge und weitere jüdische Einrichtungen.

Vor dem derzeitigen Krieg im Donbass habe die örtliche jüdische Gemeinde zu den stärksten in der Ukraine gezählt, sagte der Oberrabbiner von Donezk, Pinchas Wyschedski, kürzlich in einem Interview mit der Nachrichtenagentur UNIAN. »Was wir erlebt haben, schmerzt sehr. Es ist nach wie vor nicht einfach, all das zu verarbeiten«, sagt er. »Unsere Gemeinde war eine der größten und einflussreichsten im ganzen Land. Oft gab es in der Synagoge keinen freien Platz.«

Nachdem Wyschedski die Gemeinde mehr als 20 Jahre lang aufgebaut hatte, ging er 2014 mit seiner Familie und zwei Koffern nach Kiew. Inzwischen seien die Gemeindemitglieder auf der ganzen Welt verteilt, sagt er, »etliche haben Alija gemacht« – und Wyschedski versucht, mit möglichst vielen Kontakt zu halten.

Zukunft Der 35-jährige Danylo, der aus einem Vorort von Donezk stammt, gehörte zu Wyschedskis Gemeinde, auch wenn er sich nur selten bei Veranstaltungen blicken ließ. Er lebt inzwischen in Kiew und versucht, sich als Kleinunternehmer durchzuschlagen. »Ich habe den Donbass Anfang 2015 verlassen, als ich merkte, dass ich dort keine Zukunft mehr habe.« Seine Eltern, erzählt Danylo, lebten nach wie vor dort. »Sie berichten nichts Gutes, was das jüdische Leben angeht, auch wenn die Synagoge in Donezk nach wie vor geöffnet ist.«

Es gibt keine vertrauenswürdigen Daten darüber, wie stark der Antisemitismus in dem besetzten Gebiet ist, doch sei es mehrmals zu besorgniserregenden Zwischenfällen gekommen, wie dem Mord an Georgij Silberbord, einem prominenten Mitglied der jüdischen Gemeinde, im August 2014, erzählt Danylo. Er und seine Bekannten glauben nicht, dass sie bald wieder in ihre Heimat zurückkehren werden. »Ich halte das vorerst für ausgeschlossen«, sagt Danylo. »Trotz aller Probleme fühle ich mich in Kiew wohl und möchte, nur um in den Donbass zurückzugehen, keine Kompromisse eingehen.«

In der Politik, sagt er, werde es jedoch ohne Kompromisse – auch von ukrainischer Seite – keine Lösung geben, »auch wenn der Hauptschuldige in Moskau sitzt«.

Differenzen Emilia, ebenfalls Mitte 30 und Kleinunternehmerin, kommt aus der Hafenstadt Mariupol, der drittgrößten Donbass-Stadt, die noch unter Kontrolle der Kiewer Regierung steht. Die junge Frau sieht die Sache ähnlich wie Danylo. Zwar gedeihe offenbar das jüdische Leben in Mariupol, wo jede Woche verschiedene Veranstaltungen stattfinden, sagt sie. Doch wie sie hätten auch die meisten ihrer Bekannten die Region längst verlassen.

»Natürlich ist das ein großer Verlust für die Gemeinde. Leider gehen auch die politischen Meinungen auseinander, deswegen pflege ich bei Weitem nicht mit allen die besten Beziehungen«, sagt Emilia, die grundsätzlich auf der Linie des politischen Mainstreams in Kiew ist. »Leider glaube ich auch nicht, dass Donezk und Luhansk bald wieder von der ukrainischen Regierung kontrolliert werden. Ich denke, wir müssen uns damit arrangieren, dass die heutige Lage wohl noch lange so bleibt.«

Demonstrierende schwenkten am Montag israelische und iranische Flaggen vor der israelischen Botschaft in Berlin und riefen „Danke, IDF!“.

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