Niederlande

Weltoffenes Maastricht

Maastricht ist eine der ältesten Städte der Niederlande. Die Römer nannten den Ort »Mosa Trajectum« – dort, wo man die Maas überqueren kann. Foto: Getty Images

Seit dem Vertrag von Maastricht 1992, der Geburtsurkunde der EU, hat wohl jeder schon einmal von der Stadt Maastricht gehört – ganz gleich, ob man Befürworter der Europäischen Union ist oder nicht.

Die Stadt ist eine der ältesten der Niederlande und hat römische Wurzeln. Der Name Maastricht ist abgeleitet vom lateinischen »Mosa Trajectum«: dort, wo man die Maas überqueren kann.

eigenständigkeit In Maastricht ist die südlichste jüdische Gemeinde der Niederlande zu Hause. Etwa 200 Kilometer entfernt vom selbst erklärten Zentrum Amsterdam, beharrt sie auf ihrer Eigenheit und Eigenständigkeit und setzt alles daran, lebendig, weltoffen und gleichzeitig örtlich gut vernetzt zu sein. Und sie hat auch einen eigenen Rabbiner.

Die Gemeinde ist attraktiv genug, um neue Mitglieder anzuziehen. Und das ist nicht selbstverständlich in der niederländischen Provinz, im holländisch-jüdischen Jargon gemeinhin »Mediene« genannt. »Unsere Gemeinde ist, wenn man so sagen möchte, gediegen orthodox – was nicht verwunderlich ist mit einem Chabad-Rabbiner«, erzählt Johan van de Walle, der stellvertretende Vorsitzende.

Rabbiner Avraham Cohen stelle seit vier Jahren die religiösen Weichen, dies sei auch seine Aufgabe, so de Walle. »Aber letzten Endes soll sich hier jeder willkommen fühlen. Unsere Mitglieder sind mehrheitlich orthodox, aber leben mehr oder weniger liberal. Und das funktioniert.«

infrastruktur Die Gemeinde zählt derzeit etwa 50 Haushalte und verfügt über eine gute Infrastruktur, um jüdisches Leben zu ermöglichen: Neben einer Synagoge und dem eigenen Rabbiner gibt es für Gemeindemitglieder einen kleinen koscheren Laden, doch es fehlen eine jüdische Schule und ein rituelles Bad, eine Mikwe. Und die wird es wahrscheinlich auf absehbare Zeit auch nicht geben.

»Eine Mikwe zu bauen, kostet Unsummen«, sagt Johan van de Walle. Man müsse mit einigen Hunderttausend Euro rechnen. »Das Geld hat unsere Gemeinde nicht. Da heißt es: hoffen auf einen Geldgeber.« Bis dahin müssten Gemeindemitglieder, die eine Mikwe benutzen wollten, nach Antwerpen oder Brüssel fahren.

Die beiden Städte liegen zwar nicht so weit entfernt wie Amsterdam, doch ist man mit dem Auto immerhin auch anderthalb Stunden unterwegs.« Ein Aspekt für den Vorstand ist die Frage, wie viele Mitglieder letztendlich eine Mikwe vor Ort benutzen würden und ob es den finanziellen Aufwand überhaupt wert ist.

UNIVERSITÄT Eine eigene Mikwe könnte die Anziehungskraft der Maastrichter Gemeinde für observante Juden durchaus erhöhen, doch wahrscheinlich bleibt es ein frommer Wunsch.

Es gibt andere Wege, um neue Mitglieder zu gewinnen. Eine wichtige Rolle dabei spielt die Universität. Sie zieht viele Studenten und Akademiker aus dem In- und Ausland in die Stadt, unter ihnen auch jüdische. Einige werden Gemeindemitglieder.

»Unser Rabbiner gibt sich da viel Mühe«, sagt Johan van de Walle. Dies sei auch nötig, denn die Kerngemeinde schrumpfe – zwar nicht alarmierend, aber es sei zu bemerken. »Die Uni bringt neue Menschen in die Gemeinde. Wir haben Italiener, Portugiesen, einen Südafrikaner gehabt. Mitglieder aus Ungarn, Israel.« Ihm sei dabei aufgefallen, »dass vor allem die Italiener in jüdischer Hinsicht sehr gut geschult sind«, lobt van de Walle. Dies hänge wahrscheinlich damit zusammen, dass sie jüdische Grund- und weiterführende Schulen besucht haben. »Einrichtungen, die es bei uns in Maastricht nicht gibt.«

studenten Nachteil ist jedoch, dass die meisten Studenten nach einer gewissen Zeit wieder gehen. Sie nehmen an einem Bachelor- oder Masterprogramm teil und ziehen dann weiter.

Und dann gibt es im Moment auch noch die Corona-Pandemie. Ausländische Studenten und Akademiker bleiben entweder ganz weg oder studieren im Homeoffice, in ihrer Heimat. Dann kann man als engagierter Rabbiner ein noch so attraktives Programm anbieten – die Pandemie streut Sand ins Werbegetriebe.

Eine große Bereicherung sind die ausländischen Studierenden – doch sie bleiben nicht lange.

Abschreckend mögen für manchen auch einzelne Fälle von Antisemitismus wirken. So war kürzlich ein Maastrichter Student betroffen. Als er in seine Wohnung in einem Studentenwohnheim zurückkehrte, lag die Mesusa zerschmettert am Boden, und in die Wohnungstür war ein Hakenkreuz geritzt.

Um dem in Zukunft vorzubeugen, regte die führende rechtsliberale Regierungspartei VVD vor einiger Zeit an, das Amt eines Nationalen Koordinators für die Bekämpfung des Antisemitismus einzurichten. Vor wenigen Tagen gab das Justizministerium in Den Haag bekannt, dass Eddo Verdoner das neue Amt ab 1. April bekleiden soll. Verdoner ist Vorsitzender der jüdischen Dachorganisation CJO (Centraal Joods Overleg).

Wahlen Ein großes Thema sind dieser Tage auch unter Maastrichts Juden die Parlamentswahlen am 17. März. Die VVD ist die weitaus größte Partei und wird Umfragen zufolge an der Regierung bleiben. Sie gilt als israelfreundlich, das ist den niederländischen Juden wichtig. Bei ihrer Stimmabgabe werden sie außerdem darauf achten, was die Parteien gegen Antisemitismus unternehmen.

Dass sie am 18. März in einem ganz anderen Land aufwachen werden, halten die Maastrichter Juden für unwahrscheinlich. Die meisten glauben, dass die VVD wieder stärkste Partei wird und eine Regierung bildet.

Neben Studenten und Akademikern bedeuten auch immer wieder Übergetretene Zuwachs für die Gemeinde, selbst wenn es nur ganz wenige sind. Das Judentum, so van de Walle, ist nun mal keine missionierende Religion.

leitfigur Doch ob jemand, der sich die Mühe macht zu konvertieren, ausgerechnet in Maastricht bleibt und nicht lieber in eine Stadt oder in ein Land zieht, wo sich ohne Einschränkungen jüdisch leben lässt? Van de Walle ist optimistisch: »Das muss nicht automatisch der Fall sein. Der Rabbiner, der jemanden in diesem Prozess begleitet, wird gewissermaßen zu einer Art spirituellen Leitfigur, der man die Treue hält.«

Außerdem sei das orthodoxe Leben zum Beispiel in Amsterdam »auch nicht so toll«. Viel häufiger komme es vor, »dass ein Konvertit zu einem überzeugten Zionisten wird und nach Israel auswandert. Das habe ich schon mehrfach erlebt.«

Von Bedeutung für die Gemeinde ist auch die Tatsache, dass Maastricht der geografische Mittelpunkt der Euroregion Maas-Rhein ist. Mit Städten wie Aachen und Lüttich erstreckt sie sich über Teile der Niederlande, Belgiens und Deutschlands.

grenzen Für die Bewohner der Region gibt es die Grenzen im täglichen Leben fast nicht. Ein Maastrichter fährt wie selbstverständlich zum Wochenmarkt nach Lüttich oder zum Einkaufen nach Aachen. Doch so durchlässig die Grenzen im Alltag auch sein mögen, für die jüdischen Gemeinden scheinen sie noch zu bestehen.

»Vielleicht spielen da die Sprachunterschiede mit«, vermutet van de Walle. Die Landessprache ist eben auch Umgangssprache in der Synagoge. »Wer in Maastricht in die Schul kommt, muss Niederländisch können.« Zur Gemeinde nach Lüttich bestehe ein etwas engerer Kontakt als zu der nach Aachen. »Das hat auch einen praktischen Grund: In Belgien gibt es die unbefristete Grabesruhe nicht.«

Daher lassen sich viele Lütticher Juden in den Niederlanden begraben, zum Beispiel auf dem kleinen jüdischen Friedhof im Dörfchen Eijsden südlich von Maastricht. Er persönlich würde sich über mehr Kontakt zwischen den verschiedenen Gemeinden im Dreiländereck sehr freuen, sagt van de Walle. »Aber it takes two to tango.«

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