USA

Was weiß Ivanka Trump über den Sturm auf das Kapitol?

Familienbande: Jared Kushner mit Ivanka und Donald Trump (v.l.) Foto: imago

Als Donald Trump am Morgen des 6. Januars erneut versuchte, Mike Pence unter Druck zu setzen, waren sie und der Nationale Sicherheitsberater des Vize-Präsidenten im Raum. Per Telefon forderte der damalige US-Präsident seinen Stellvertreter ein weiteres Mal auf, im Kongress die Bestätigung des Wahlausgangs zu verweigern – obwohl dieser dazu gar keine Befugnis gehabt hätte. Wie reagierte die Präsidenten-Tochter? Und welche Rolle hatte sie in den folgenden Stunden?

»Sie haben nicht den Mut, eine harte Entscheidung zu treffen«, sagte Trump laut Erkenntnissen des Untersuchungsausschuss im US-Kongress zu Pence. Doch der Vize blieb bei seiner Haltung, auch nachdem der Präsident ihn als »Weichei« bezeichnet hatte. Nach dem Anruf soll sich Ivanka Trump an den Pence-Berater Keith Kellogg gewandt und gesagt haben: »Mike Pence ist ein guter Mann«. Dieser antwortete nach eigenen Angaben: »Ja, das ist er.«

Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses würden gerne noch mehr darüber wissen, was Ivanka Trump an dem verhängnisvollen Tag alles hörte und sah. Als radikale Anhänger des abgewählten Präsidenten gewaltsam das Kapitol erstürmten, sollen viele von seinen damaligen Beratern versucht haben, ihn zu einem Eingreifen zu drängen. Und einige von ihnen setzten dabei offenbar auf den besonderen Einfluss der Tochter.

Während ihrer gesamten Zeit im Weißen Haus galt Ivanka Trump als eine der wenigen, die den Präsidenten im Zweifel umstimmen und von schlechten Entscheidungen abhalten konnten. Seit ihr Vater nicht mehr im Amt ist, hat sie sich in bemerkenswerter Weise öffentlich zurückgehalten. Zum Teil hat sie sich auch von ihrem Vater und seiner Politik distanziert. Doch am 6. Januar war sie an seiner Seite. Somit könnte sie direkt bezeugen, was er in den kritischen drei Stunden tat.

»Ivanka Trump kennt Details darüber, was im Vorfeld und am 6. Januar selbst passiert ist – und darüber, was der ehemalige Präsident dachte, als die Ereignisse ihren Lauf nahmen«, sagt Stephanie Murphy, demokratische Abgeordnete und Mitglied des Ausschusses, der Nachrichtenagentur AP. Es ist zwar sehr ungewöhnlich, dass Kongress-Ermittler auch Mitglieder einer Präsidentenfamilie ins Visier nehmen. Aber die Tochter hatte im Weißen Haus eben auch eine formale Rolle als Beraterin.

Kellogg hat den kurzen mündlichen Austausch nach dem heiklen Telefonat zu Protokoll gegeben. Ivanka Trump selbst hat sich bisher aber nicht vor dem Gremium geäußert. Man sei zuversichtlich, dass sie sich bald auf einen Termin einlassen werde, hieß es. Sollte sie tatsächlich aussagen, hätte das womöglich massive Auswirkungen nicht nur für Donald Trump, der ein politisches Comeback im Jahr 2024 anstreben könnte, sondern auch für viele andere Republikaner, die die Rolle des Ex-Präsidenten bei den Unruhen öffentlich heruntergespielt haben.

Eine Sprecherin von Ivanka Trump ließ mehrere Anfragen der AP zum Thema unbeantwortet. In einer Stellungnahme Ende Januar hatte sie nur erklären lassen, dass sie jeden Verstoß gegen die Sicherheit oder Missachtung der Polizei inakzeptabel fände. Am 6. Januar war sie gegen Mittag dabei gewesen, als Trump seine Anhänger in einer Rede aufforderte, »wie wild zu kämpfen« (»fight like hell«). Gegenüber Mitarbeitern soll sie allerdings gesagt haben, dass sie nur deswegen mitgekommen sei, weil sie gehofft habe, den Präsidenten beruhigen zu können.

Nach dieser Rede, während ein Mob bereits die Absperrungen der Polizei am Kapitol durchbrach und dort Fenster einschlug, schrieb Trump auf Twitter, Pence habe nicht den Mut gehabt, »das zu tun, was hätte getan werden müssen, um unser Land und unsere Verfassung zu schützen«. Dieser Tweet trug laut Aussagen vor dem Untersuchungsausschuss wesentlich dazu bei, die Randalierer weiter anzustacheln.

Innerhalb des Weißen Hauses soll Trump die Fernsehbilder von den Ereignissen genau mitverfolgt haben. Laut seiner damaligen Pressesprecherin Stephanie Grisham nutzte er sogar die Wiederholungstaste, um sich bestimmte Szenen mehrfach anzusehen.
»Schaut euch all die Leute an, die für mich kämpfen«, sagte er Grisham zufolge. Bei einer Gelegenheit habe er sich verwirrt darüber gezeigt, dass seine Mitarbeiter nicht so begeistert gewesen seien wie er selbst.

Kellogg sagte aus, dass Mitarbeiter des Weißen Hauses den Präsidenten aufgefordert hätten, sofort einzuschreiten, um die Gewalt zu beenden.
Doch Trump habe dies abgelehnt. Der republikanische Senator Lindsey Graham rief schließlich Ivanka Trump an – und bat sie, ihren Vater zu überreden, dass er die Leute zum Rückzug auffordere. »Wir arbeiten daran«, antwortete sie. Aussagen zufolge unternahm die Tochter mindestens zwei »beharrliche« Versuche, mit dem Präsidenten zu reden.

Kellogg riet derweil energisch davon ab, Trump in den Presseraum treten zu lassen, wo Reporter auf ihn gewartet hätten. »Offensichtlich glaubten bestimmte Mitarbeiter des Weißen Hauses, dass ein improvisierter Live-Pressetermin des Präsidenten während der Gewalt auf dem Capitol Hill die Lage hätte verschlimmern können«, schrieben Abgeordnete in einem Brief an Ivanka Trump.

Am Ende entschied sich Trump für ein Video-Statement. Die ersten Aufnahmen wurden nicht verwendet, weil der Präsident es dem Untersuchungsausschuss zufolge versäumte, die Randalierer darin zum Rückzug aufzufordern. Die finale Version wurde schließlich um 16.17 Uhr über Twitter veröffentlicht. »Es war eine betrügerische Wahl, aber wir dürfen diesen Leuten nicht in die Hände spielen«, sagte Trump in dem Video. »Wir müssen Frieden haben. Also geht nach Hause. Wir lieben Euch; Ihr seid etwas ganz Besonderes.«

Insgesamt hat der Untersuchungsausschuss im US-Kongress bereits fast 500 Zeugen befragt. Vorgeladen sind inzwischen auch Mark Meadows, der zum Zeitpunkt der Ereignisse Stabschef im Weißen Haus war, und Trumps ehemaliger persönlicher Anwalt Rudy Giuliani. Bei Ivanka Trump hofft der Ausschuss auf ihre freiwillige Kooperation. ap

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