New York

Warum orthodoxe Frauen in New York in den Sexstreik treten

Seit Wochen demonstrieren religiöse und nicht religiöse Frauen gemeinsam. Nun erklimmt ihr Protest eine neue Stufe. Foto: Adina Sash

New York

Warum orthodoxe Frauen in New York in den Sexstreik treten

800 Frauen schlossen sich dem Streik an. Die Aktion hat einen ernsten Hintergrund

von Sasha Klein  12.03.2024 14:15 Uhr

Was tun, wenn Männer ihre Macht rückhaltlos ausnutzen, sich blind bekriegen, und der Welt und ihren Frauen das Leben schwermachen? Im zwanzigsten Jahr des Peloponnesischen Krieges schreibt der griechische Dichter Aristophanes eine Komödie, die einen Vorschlag macht, der es sich in sich hat: Seine Heldin Lysistrata besetzt mit den Frauen der verfeindeten Lager die Akropolis und macht eine Ansage: Sie verweigern ihren Männern jede Intimität – bis sie aufhören, sich zu bekämpfen.

Das Motiv des »Sexstreiks« taucht fortan immer wieder in Kunst und Kultur auf, fand aber auch in modernen Zeiten praktische Anwendung: 2003 rief die Frauenrechtlerin Leymah Gbowee dazu auf, um den 14 Jahre andauernden Bürgerkrieg in Liberia endlich zu beenden.

Seit vergangener Woche ist die antike Idee auch in der amerikanischen charedischen Welt angekommen und sorgt dort für reichlich Wirbel: Die orthodoxe Influencerin Adina Sash, im Internet bekannt als »flatbushgirl«, hatte den weiblichen, verheirateten Teil ihrer immerhin 68.000 Follower dazu aufgerufen, das Ehebett am Schabbat zu bestreiken: Der Freitagabend, der im orthodoxen Judentum als besonderer Zeitpunkt für die eheliche Erotik gilt, sei »abgesagt«, schrieb sie. Über 800 Frauen hätten sich bereits verpflichtet, den Boykott mitzumachen, sagte sie dem »Forward«.

Seit vier Jahren verweigert ein Mann seiner Frau die Scheidung

Der Hintergrund für den Streikaufruf ist ein ernster: Damit soll der Druck auf die religiöse Gemeinschaft erhöht werden, sich des Falls einer getrennt lebenden Frau im Bundesstaat New York anzunehmen, deren Ehemann ihr seit mehr als vier Jahren die religiöse Scheidung verweigert. Nach der Halacha muss ein jüdischer Mann seiner Frau einen sogenannten »Get« gewähren, so dass die Scheidung auch für sie wirksam wird, bevor sie zum Beispiel einen neuen Mann heiraten kann. Verweigert er jene Scheidungsurkunde, wird die Betroffene zur »Aguna« – einer »Angeketteten«: Sie bleibt an einen Mann gefesselt, mit dem sie nicht mehr zusammenlebt. Genau das erlebt derzeit die 29-jährige Malky Berkowitz.

Seit Monaten schon setzen vor allem orthodoxe Frauen Berkowitzs widerwilligen Ehemann und dessen Familie unter Druck. In der Satmarer Gemeinde »Kiryas Joel«, eine gute Autostunde von New York City entfernt, demonstrierten sie unter anderem vor dem Haus der Familie, sie protestierten in Synagogen und schickten Briefe an die Rabbiner. All das hat bisher wenig geholfen. Nun erklimmen die Frauen mit dem Sexstreik am Schabbat die nächste Proteststufe.

Kritik von Rabbinern

Sashs Aufruf sorgte online auch für Kritik. Unter vielen verärgerten Männern meldeten sich einige besorgte Frauen und auch Rabbiner zu Wort. So warnte eine Nutzerin davor, Intimität als Waffe zu missbrauchen, anstatt den Ehemann auf Augenhöhe darum zu bitten, sich ebenfalls für den Fall einzusetzen. Und der berühmte Podcast-Host Rabbi David Bashevkin kritisierte auf X: Der Weg, kaputte Beziehungen zu thematisieren, sei nicht, mehr kaputte Beziehungen zu kreieren.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Inzwischen ist der Fall auch auf den Schreibtischen halachischer Autoritäten gelandet: Der Rosh Yeshiva Hershel Schachter veröffentlichte einen Brief, in dem er den öffentlichen Aufruf zum Streik verurteilte – aber auch einwand, dass eine solche Aktion in kleinen Gemeinden in der Vergangenheit durchaus effektiv gewesen wäre.

Die Initiatorin des Sexstreiks Adina Sash entgegnete der Kritik bereits im Vorhinein auf ihrem Instagram-Account: »Einen Get verweigern ist okay, aber Sex verweigern nicht? Männer können keine Nacht ohne Intimität aushalten, aber die getrennten Frauen sollen Jahre darauf warten?«

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  21.10.2026

Interview

»Die Situation in Irland ist besonders dramatisch«

Daniel Botmann, der Geschäftsführer des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht über seine jüngsten Besuche in Irland und Großbritannien und die Zusammenarbeit innerhalb der J7-Gruppe der großen jüdischen Gemeinden weltweit

von Michael Thaidigsmann  21.10.2026

London

Jüdinnen auf offener Straße angegriffen

Die Opfer wurden im Stadtteil Clapton Common ins Gesicht geschlagen

 21.10.2026

Israel

»So wollte ich nicht sterben«

Der indische Kapitän des »Fly Dubai«-Fluges schildert erstmals ausführlich, was sich an Bord abspielte

 20.10.2026

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026