Polen

Warschau in Schwarz-Weiß

Auf rund 200 Seiten hält Jérémie Dres seine Eindrücke und Begegnungen in Warschau und Zelechow fest. Foto: MF Studio

Viel weiß Jérémie Dres nicht über Polen, als er eine Reise in das Geburtsland seiner gerade verstorbenen jüdischen Großmutter plant. Auschwitz liegt bei Krakau. Aber sonst? Polen sind antisemitisch. Oder vielleicht doch nicht? Leben in Polen überhaupt noch Juden? In Jérémies Familie unterstützt kaum einer die Idee des jungen Franzosen, sich auf Spurensuche in Polen zu begeben. Nur Martin, sein älterer Bruder, will mitkommen.

Jérémie führt ein Reisetagebuch der besonderen Art: Er zeichnet einen Schwarz-Weiß-Comic. Auf rund 200 Seiten hält er seine Eindrücke und Begegnungen in Warschau und Zelechow fest, einem ehemaligen Schtetl südöstlich der Hauptstadt. Dort lebte bis zu seiner Emigration nach Frankreich im Jahr 1921 sein Großvater Simcha Dres. Eines ist für Jérémie von Anfang an klar: Nach Auschwitz will er nicht. Vielleicht später einmal. Irgendwann.

Heimat Die erste Seite zeigt Jérémie am Sonntag, den 27. Juni 2010, kurz nach 14 Uhr auf Warschaus Prachtstraße Krakowskie Przedmiescie. Er hält einen Stadtplan in den Händen und versucht, sich zu orientieren. Wenig später erreicht er das Königsschloss mit der berühmten Sigismund-Säule, geht ein paar Gassen weiter und steht schon vor seinem ersten Ziel: der Freta-Straße 27. Hier wohnte bis 1930 seine Großmutter Therese. Damals hieß sie noch Tema Barab. Jérémie erinnert sich an ihre Erzählungen von der alten Heimat und an die jiddischen Einsprengsel in ihrem Französisch.

Anders, als er sich es vor der Reise ausgemalt hatte, geht er aber nicht ins Haus, klingelt an keiner Tür und lässt nirgends den Namen seiner Großmutter fallen. Stattdessen steht er wie angewurzelt vor dem Haus, macht ein paar Fotos und wundert sich, dass es nicht sechs Stockwerke hoch ist, wie seine Großmutter erzählt hatte, sondern nur drei. Dass die von den Nazis 1944 fast vollständig zerstörte Altstadt Warschaus nach dem Krieg in idealisierter Form wiederaufgebaut wurde, erfährt der Leser nicht. Wahrscheinlich hat es keiner dem jungen Franzosen erklärt.

Kurz darauf trifft sich Jérémie mit Jan Spiewak und dessen Freundin Danka. In Le Monde hatte Jérémie über die Renaissance des polnischen Judentums gelesen, auch über Jan, Mitglied der polnisch-jüdischen Studentenorganisation ZOOM. Nach der Ankunft seines Bruders Martin in Warschau besuchen Jérémie und Martin die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Juden, gehen zur Synagoge, um mit einem der Rabbiner zu sprechen, und auf den jüdischen Friedhof. Im Jüdischen Historischen Institut (ZiH) findet eine Mitarbeiterin der Genealogischen Auskunftsstelle die Namen der Großmutter und ihrer Schwester in einem Adressverzeichnis.

Atmosphäre Die Brüder fahren später mit einem Leihwagen nach Zelechow, dem Geburtsort des Großvaters. Dort finden sie einen verwahrlosten jüdischen Friedhof. Doch da sie weder Hebräisch noch Polnisch lesen können, bleibt die Suche nach Gräbern von Vorfahren ergebnislos. Die kleine Stadt, in der vor dem Krieg Juden die Bevölkerungsmehrheit stellten, wirkt auf die Franzosen abweisend. Die Atmosphäre ist eine völlig andere als im quirligen und weltoffenen Warschau.

Zeichnung für Zeichnung breitet Dres die Gespräche vor den Lesern aus. Das Comic-Tagebuch hat keinen Höhepunkt. Vielmehr registriert der junge Mann jeden Moment seiner fünftägigen Reise mit seinem Zeichenstift, so wie dies andere Touristen mit dem Fotoapparat tun. Für Insider hat das Längen. Aber für Polen-Neulinge, die sich auf Spurensuche zu jüdischen Vorfahren machen möchten, gibt der Comic viele hilfreiche Tipps und Anregungen. Außer auf Französisch liegt der Reise-Comic bereits auf Englisch, Italienisch und Polnisch vor. Höchste Zeit, ihn auch ins Deutsche zu übersetzen.

Englischsprachige Ausgabe: Jérémie Dres: »We Won’t See Auschwitz«, SelfMadeHero, London 2013, 208 S., 14,99 £

Jerusalem

Wie viele Juden weltweit gibt es?

Die Jewish Agency for Israel hat ihre neue Statistik vorgestellt

 28.09.2022

Interview

»Kanonenfutter für Putin«

Der israelische Historiker Samuel Barnai über die Folgen von Putins Teilmobilisierung und der Scheinreferenden in den besetzten ukrainischen Gebieten

von Michael Thaidigsmann  28.09.2022

Italien

»Parallelen zu den 30er-Jahren«

Vor den Wahlen äußern sich Juden in Südtirol besorgt und wütend über die postfaschistische Partei »Fratelli d’Italia«

von Blanka Weber  25.09.2022

USA

Süße Frucht fürs süße Jahr

Im Süden Kaliforniens werden Granatäpfel angebaut – auch für Rosch Haschana

von Daniel Killy  24.09.2022

USA

Honig von Herzen

Wie aus einer Idee in Atlanta eine landesweite Spendenaktion für die Hilfsorganisation ORT erwuchs

von Jessica Donath  24.09.2022

Russland

Mit besonderer Grausamkeit

Der jüdische Oppositionelle Leonid Gosman ist schwer krank – und wurde dennoch zu Arrest verurteilt

von Michael Thaidigsmann  23.09.2022

Schweden

Das Ende von Bullerbü

Die jüdische Gemeinschaft ist nach der Parlamentswahl besorgt über den Rechtsruck im Land

von Elke Wittich  22.09.2022

Fernsehen

TV-Tipp: »Judenhass und das Feindbild Israel«

Welche Gefahren birgt der muslimische Antisemitismus? Eine neue ZDF-Reportage geht dieser Frage nach

von Lilly Wolter  21.09.2022

USA

Erstmals Rosch Haschana im Weißen Haus

Präsident Joe Biden lädt am 30. September zum Neujahrsempfang

 21.09.2022