Argentinien

Wahlkampf mit Tora

»Por la Ciudad« (Für die Stadt): Ein Wahlkampfplakat wirbt für Rabbi Sergio Bergman. Foto: privat

Rabbi Sergio Bergman, einer der prominentesten religiösen Vertreter in Buenos Aires, ist nun auch einer der bekanntesten politischen Kandidaten in der argentinischen Hauptstadt. Auf Vorschlag des amtierenden Bürgermeisters Mario Macri führt Rabbi Bergman dessen Liste der PRO (Propuesta Republicana) für die Kommunalwahlen am 10. Juli an. Als Spitzenkandidat der Mitte-Rechts-Partei ist ihm ein Platz im Abgeordnetenhaus der Stadt sicher.

Macris mächtigster Konkurrent im Rennen um das Amt des Bürgermeisters ist ebenfalls jüdisch: Daniel Filmus, ehemaliger Bildungsminister, fordert Macri bereits zum zweiten Mal heraus. Argentiniens Präsidentin Cristina Fernandez de Kirchner hatte Filmus als Kandidaten ihrer Mitte-Links-Partei FPV (Frente para la Victoria) auserkoren.

Schock Dass sowohl die Präsidentin als auch der Bürgermeister sich in der größten argentinischen Stadt Juden als wichtigste politische Partner wählen, stößt in der jüdischen Gemeinschaft des Landes nicht nur auf Zustimmung. »Das ist ein schockierender Moment, eine noch nie dagewesene Situation«, sagt Aldo Donzis, Präsident der größten Dachorganisation jüdischer Institutionen in Argentinien, DAIA. »In meiner Jugend hätte eine solche Konstellation die jüdische Gemeinde in Angst und Schrecken versetzt.« Werde einer der Kandidaten tatsächlich in ein Regierungsamt gewählt und mache dort Fehler, werde der Antisemitismus rapide zunehmen, befürchtet Donzis.

Bergman, leitender Rabbiner der traditionellen Gemeinde Congregacion Israelita Argentina, ist Gründer von Active Memory, einer Gruppe, die zehn Jahre lang jeden Montag vor dem Gebäude des argentinischen Obersten Gerichts demonstrierte, um Gerechtigkeit für die Opfer des Bombenattentats auf das Jüdische Zentrum AMIA im Jahr 1994 einzufordern.

Gefragt, warum er sich politisch engagiere, sagt Bergman, die argentinische Gesellschaft befinde sich »in einer tiefen Wertekrise«. Er glaube, »dass die Tora auch im Parlament gelehrt werden kann«. Dass seine Kandidatur die jüdische Gemeinde gefährden könne, hält Bergman für abwegig. Im Gegenteil: »Wenn die Gesellschaft mehr über uns weiß, wird es weniger Antisemitismus geben«, so Bergman.

Dass ein Gericht am Wochenende entschied, Sergio Bergman dürfe auf dem Stimmzettel nicht den Titel »Rabbiner« führen, werten einige Beobachter als gutes Signal. Denn die Richter begründeten ihr Urteil damit, dass der Titel »Rabbi« eine positive Konnotation habe und die Wähler beeinflussen könnte.

Kontrahent Die gegnerische Partei stellte Daniel Filmus auf, der Macri als Bürgermeister ablösen soll. Unter dem früheren Präsidenten Nestor Kirchner hatte Filmus als Bildungsminister gedient. Er ist säkularer ausgerichtet als Bergman, aber auch er leugnet seine jüdische Identität nicht.

Er schickte seine jüngste Tochter auf die jüdische ORT-Highschool und organisierte als Bildungsminister 2005 eine Feier zum Holocaustgedenktag. Daneben verkündete Filmus die Absicht der argentinischen Regierung, »Kinder an allen Schulen des Landes über den Holocaust zu unterrichten, denn so können wir dazu beitragen, eine bessere Gesellschaft zu errichten, und verhindern, dass die Geschichte sich wiederholt«.

Ein weiterer jüdischer Hoffnungsträger ist Jorge Telerman. Er kandidierte bei den Wahlen im Jahr 2007 und kam damals auf den dritten Platz hinter Macri und Filmus. Laut einer Ende Mai veröffentlichten Wählerumfrage führt Macri mit 32,9 Prozent der Stimmen, gefolgt von Filmus mit 24,9 Prozent. Weit abgeschlagen, erzielte Telerman den vierten Platz mit 4,8 Prozent.

Juden sind eine kleine Minderheit in dem überwiegend katholischen Argentinien. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sie sich in einem Land wieder, das sich einen berüchtigten Namen machte, weil es bereitwillig Nazis aufnahm, die vor der gerichtlichen Verfolgung in Europa flohen. Unter der Militärjunta, die das Land von 1976 bis 1983 regierte, wurden auch jüdische Dissidenten und Linke verfolgt.

Während argentinische Juden sich im Geschäfts-, Kultur- und akademischen Leben des Landes hervortaten, hielten sie sich traditionellerweise in der Politik zurück. Zwei dramatische Ereignisse rückten die jüdische Gemeinde ins Licht der Öffentlichkeit: die Bombenattentate auf die israelische Botschaft 1992 und auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA 1994. Nach den Ermittlungen der argentinischen Staatsanwaltschaft wurden beide Attentate von der Hisbollah verübt. Die Forderungen, die Täter vor Gericht zur Rechenschaft zu ziehen, trugen wesentlich dazu bei, dass die argentinischen Juden in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wurden.

Heute sind prominente jüdische Politiker in Argentinien nicht mehr ungewöhnlich. Auch der amtierende Außenminister Hector Timerman ist Jude. Die jüdischen Politiker profitierten vom Wandel, den die Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten er- lebte, argumentiert der Soziologe Daniel Scarfo von der Universität Buenos Aires. Im Zuge der Verfassungsreform 1994 wurde die Forderung gestrichen, dass der Präsident des Landes Katholik sein müsse. Scarfo betont, es sei gut für das politische Leben in einer Demokratie, dass jüdische Stimmen, die während der Diktatur gewaltsam unterdrückt wurden, wieder zu hören sind.

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