Polen

Vorsichtig herantasten

Scheue Blicke: Juden und Deutsche sind dabei, Berührungsängste abzubauen. Foto: pr

Ein solches Minderheiten‐Treffen hat es in Polen noch nicht gegeben. Kein Politiker arrangierte die Begegnung, keine Stiftung und auch keine Kirche oder Synagoge. Zum ersten Mal seit 1945 trafen sich kürzlich in Polen lebende Deutsche und Juden, um »neue Perspektiven« einer künftigen Zusammenarbeit auszuloten. Das Wort »Versöhnung« fiel kein einziges Mal.

»Wir kennen uns kaum«, erklärt Artur Hofman (51), der Vorsitzende der Sozialkulturellen Gesellschaft der Juden in Warschau. »Die Schoa hat einen Abgrund zwischen uns aufgerissen. Über Jahrzehnte herrschte zwischen Juden und Deutschen in Polen nur Leere und Sprachlosigkeit.« Es sei nun an der Zeit, den Dialog wieder aufzunehmen. »Wir wissen zu wenig voneinander. Das wollen wir ändern«, so Hofman. »Vielleicht finden wir Wege der Zusammenarbeit.«

Ähnlich vorsichtig drückte es auch Bernhard Gaida (52), der Vorsitzende des Verbands der Deutschen in Polen, aus: »Die deutsch‐polnisch‐jüdischen Beziehungen sind auch 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer kompliziert. Während die Staaten Israel, Polen und Deutschland längst partnerschaftlich zusammenarbeiten, ist es rein emotional für Deutsche, Juden und Polen noch immer schwierig, das Erbe der Geschichte anzunehmen und wieder aufeinander zuzugehen.«

Angst Im oberschlesischen Opole (Oppeln) fand Anfang November das erste Treffen statt, einige Wochen später in Polens Hauptstadt Warschau das zweite. Im Oppelner Raum leben bis heute die meisten Deutschen in Polen, in Warschau zentriert sich das Leben der polnischen Juden. Jede Minderheit sollte sich als Gastgeber in »ihrer Stadt« präsentieren dürfen, sich aber auch bei den anderen eingeladen und freundlich aufgenommen fühlen. »Wir Organisatoren hatten natürlich Angst, dass dieses erste Treffen im Streit enden könnte oder mit gegenseitigen Vorwürfen, die aus der Geschichte herrühren«, erläutert Piotr Piluk (35) von der Zeitschrift Slowo Zydowskie – Dos jiddische Wort. »Wir haben daher im Vorfeld alles ganz genau abgeklärt. Die Stadtspaziergänge, die Liederabende, die Vorträge. Es geht erst mal nur darum, die Angst voreinander zu überwinden.«

Die wissenschaftlichen Vorträge über das Zusammenleben von Juden, Deutschen und Polen in Schlesien sowie die Dia‐Präsentation über das jüdische Posen lösten heftige Diskussionen aus. Ständig wurde verglichen: Wie ist unsere Situation heute? Wie war sie vor dem Zweiten Weltkrieg, der Schoa und dem Massenexodus der Deutschen nach 1945? Im Mittelpunkt stand die Frage, ob es in der deutsch‐polnisch‐jüdischen Geschichte auch Momente gab, die die heute in Polen lebenden Minderheiten verbinden könnten. Wo war die Brücke über den Abgrund?

Olsztyn, das einstige Allenstein, fiel als Stichwort. Dann Wroclaw (Breslau) und schließlich auch Opole (Oppeln). Hier hatten vor dem Krieg namhafte deutsche Juden gelebt, die auch von den heute dort lebenden Polen längst in das Pantheon der berühmten Söhne und Töchter ihrer Stadt aufgenommen wurden.

In Allenstein ist es der Architekt Erich Mendelsohn, dessen Gesellenstück, eine reich mit Intarsien verzierte Totenhalle, von der Kulturgesellschaft Borussia renoviert wird. Im künftigen Kulturzentrum »Mendelsohn‐Haus« sollen jüdische Themen einen breiten Raum einnehmen.

Ehrengalerie In Breslau hängen die Bilder der deutsch‐jüdischen Nobelpreisträger ganz selbstverständlich in der Ehrengalerie im Rathaus. Die Edith‐Stein‐Gesellschaft erforscht das Leben der deutschen Juden vor der Schoa in Breslau und das der polnischen Juden in Wroclaw nach 1945. Die jüdische Bente‐Kahan‐Stiftung führt jedes Jahr im November ein Theaterstück mit dem Titel »Wallstraße 13 Breslau‐Wroclaw, 1933–1968« auf.

Und im oberschlesischen Opole wächst das Bewusstsein, dass das heutige liberale Judentum seine Wurzeln nicht nur in Berlin und Breslau, sondern auch in Oppeln hat. Hier wirkte zehn Jahre lang der später weltbebekannte Rabbiner Leo Baeck. Hier schrieb er sein Buch Das Wesen des Judentums, das bis heute als sein wichtigstes gilt. Bislang hat sich die deutsche Minderheit, die ihren Hauptsitz in Opole hat, kaum mit dem deutsch‐jüdischen Erbe der Stadt beschäftigt. Doch die Gesamtschule TAK, deren Schüler täglich an der Gedenktafel zur Erinnerung an die frühere Synagoge vorbeigehen, veröffentlichten vor Kurzem ein Comic: Leo Baeck. Der Rabbiner aus Oppeln.

Experiment Artur Hofman von der Sozialkulturellen Gesellschaft der Juden in Polen ist froh über dieses erste Treffen. »Eine Schwalbe macht zwar noch keinen Frühling. Aber ein Anfang ist gemacht. Das Experiment ist gelungen.« Dem nächsten Treffen würde er gerne einen höheren Rang geben. Bernard Gaida nickt zustimmend. Bislang habe man vor allem mit den Ukrainern, den Litauern und den Roma in Polen eng zusammengearbeitet und sich ausgetauscht. Der fehlende Kontakt zu den Juden in Polen habe ihn immer geschmerzt. »Am spannendsten ist die Frage unserer jeweiligen Identität.« Darüber würde er gerne weiterdiskutieren. »Und ich würde gerne unsere Jugendlichen zusammenbringen«, sagt Gaida, »denn das ist doch unsere Zukunft: die Welt in den Köpfen unserer Kinder.«

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