Einfluss

Volle Kraft voraus

Karrierefrau und Mutter mit durchdringendem Blick: Irene Rosenfeld gilt als unnahbar aber feinfühlig. Foto: Reuters

Irene Rosenfeld hat es in sich. Die 57‐Jährige mit dem energischen Kinn und den wachen, beinahe stechenden Augen ist nicht nur seit 2007 Vorstandsvorsitzende des weltweit zweitgrößten Lebensmittelkonzerns Kraft Foods, sondern verdrängte auch Angela Merkel vom zweiten Platz auf der aktuellen Forbes‐Liste der mächtigsten Frauen. Nur Michelle Obama, die Frau des US‐Präsidenten, rangiert noch vor der Managerin.

Fragen über das Dauerthema Karriere und Familie pflegt die zweifache Mutter stets energisch abzubügeln. Obwohl sie eine Menge zu erzählen hätte. Laut ihrer Mitarbeiter schrieb sie ihre Doktorarbeit hochschwanger und nahm ihre Kinder mit auf Geschäftsreisen. Doch die Verbindung von Karriere und Familie scheint Rosenfeld einfach nicht zu interessieren. Zumindest führt diese Debatte weg von dem, wo mit sich Rosenfeld vor allem beschäftigt: den Produkten von Kraft Foods.

Mayonnaise Damit die sprichwörtlich in aller Munde bleiben, muss ihre Einzigartigkeit beständig angepriesen werden, ansonsten könnten Milka, Miracel Whip und Co. in Zeiten steigenden Gesundheitsbewusstseins und wirtschaftlicher Krisen den Status lieb gewonnener Haushaltsbegleiter schnell verlieren. Rosenfeld beherrscht diese Übung. Die schlanke, fast sehnige Frau, der man den Dauerverzehr ihres Leibgerichtes Makkaroni und Käse nicht so recht abkaufen will, kann sich durchsetzen.

Eine Ausnahme zur privaten Verschwiegenheit bildet ihre Liebe zum Judentum. Die Betonung eines wertbezogenen Hintergrunds ist in der Lebensmittelbranche, die traditionell das idyllische Heim beschwört, sicherlich nicht von Nachteil. Die spannende Frage, ob sie selbst einen koscheren Haushalt führt, hat sie nur einmal mit einem Ja beantwortet, später aber relativiert.

Dennoch hat Rosenfeld viel dafür getan, dass die Erzeugnisse ihres Konzerns dabei nicht unter den Tisch fallen müssen: So sorgte sie für eine Kennzeichnung der koscheren Kraft‐Produkte in den USA und initiierte die Veröffentlichung von Pessach‐Rezepten auf der Homepage des Konzerns. Schließlich steht seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2006 in der Firmenzentrale neben dem Weihnachtsbaum auch eine Chanukkia. So hat sie wohl selbst einiges dazu beigetragen, um ausrufen zu können: »Gerade ist eine großartige Zeit in der Lebensmittelindustrie, um jüdisch zu sein.«

Unternehmerinstinkt Rosenfelds Er‐ folg ist die Krönung einer fast furchteinflößenden Bilderbuchkarriere, die alle Kapitel des amerikanischen Traums zu beinhalten scheint. Aufgewachsen in der New Yorker Vorstadt als Kind eines Buchhalters und einer Hausfrau, deren Eltern aus Deutschland eingewandert waren, verfolgte die Ehrgeizige zunächst eine vielversprechende Karriere als Basketballerin. Als ein Trainingsunfall diesen Traum zunichte machte, stürzte sie sich in ihr Psychologie‐Studium, durch das sie die Fähigkeiten erlangen sollte, für die sie heute in der Geschäftswelt hoch geschätzt wird. Ein früherer Kraft‐Manager lobte in der Tageszeitung Handelsblatt ihren »fast laserähnlichen Fokus, Geschäfte zu verbessern«.

Stets wird ihre Brillanz hervorgehoben, wenn es darum geht, sich in den Kunden einzufühlen, seine Wünsche exakt zu erfassen, zu analysieren und daraus Schlüsse für die Produktpalette zu ziehen. »Ich war immer davon fasziniert, wie Menschen ticken. Ich kann Stunden auf Flughäfen verbringen und Leute beobachten, um darüber nachzudenken, wer sie sind und was sie motiviert«, berichtet sie über ihren Blick auf die Welt. So gläsern andere Menschen für Rosenfelds Augen sind, so undurchschaubar ist sie für andere.

Die Kraft‐Chefin gilt unter Kollegen als typisches Beispiel dafür, dass stille Wasser tief sind. Trotz ihrer über 20‐jährigen Karriere in der Geschäftswelt weiß Irene Rosenfeld den Schutzpanzer, der in ihrer Position wohl zur Berufskleidung zählt, immer noch nicht richtig zu kaschieren. Das fällt besonders auf, wenn sie ihrem Gesicht in Gesprächen und Interviews ohne erkennbaren Anlass ein scheinbar mechanisches Lächeln abringt. Dies sind vermutlich die Momente, in denen ihr die spürbare Distanz zum Gegenüber bewusst wird.

Kein Wunder, dass die tschechoslowakische Weltklasse‐Tennisspielerin Martina Navrátilová ihr Vorbild ist – eine Sportlerin, die den Weg zum Erfolg mit eisernem Willen beschritt, aber nie besonders viele Worte darüber verlor und Medienvertreter durch das völlige Ausbleiben von Extravaganz oft verdutzt zurückließ.

Schokolade Ihre Zurückhaltung hätte Rosenfeld bei dem riskantesten Schachzug ihrer Karriere, der Übernahme des britischen Schokoladenriesen Cadbury Anfang des Jahres, aber fast das Genick gebrochen. Gegen den Aufkauf der Traditionsmarke, die für viele Engländer eine Art Nationaleigen‐ und -heiligtum darstellt, formierte sich in Großbritannien eine öffentlichkeitswirksame Kampagne von unerwarteter Brisanz. Besonders, als sich auch noch der Kraft‐Hauptaktionär Warren Buffett gegen das Geschäft aussprach und es vor Medienvertretern als »dumm« abkanzelte.

Sogar während dieses fünfmonatigen Zweifrontenkrieges hielt sich Rosenfeld eher bedeckt, was viele Kommentatoren mit dem Unkenruf quittierten, ihr würde das Geschäft entgleiten. Dass sie dieses Trommelfeuer stoisch durchstand und am Ende dennoch bekam, was sie wollte, nötigt auch ihren damaligen Gegnern Respekt ab.

sparen Die Arbeiter von Cadbury haben die Resolutheit der drahtigen Frau schon kennengelernt: Kurz nach der Übernahme verfügte sie die Schließung eines Werkes, dessen Weiterbetrieb vor dem Kauf noch zugesichert worden war. Bei einem Konzern, der seine Managementziele als »Sparen und Wachsen« definiert, steht nach dem kostspieligen Einkauf also zunächst das Sparen an.

Irene Rosenfeld geht unbeirrt ihren Weg. Vielleicht trifft man die Konservative ja auch eines Tages in Washington. Ihr Berufswunsch zu Kinderzeiten – Präsidentin der USA – lässt zumindest noch Entwicklungsspielraum nach oben.

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