Coronavirus

Vernunft und Menschlichkeit

Amerikas Juden bemühen sich um einen besonnenen Umgang

von Katja Ridderbusch  12.03.2020 12:57 Uhr

Hygienemaßnahme: Desinfektionsmittel und Psalmzitat am Eingang zur Gemeinde »The Temple« in Atlanta Foto: Susanna Capelouto

Amerikas Juden bemühen sich um einen besonnenen Umgang

von Katja Ridderbusch  12.03.2020 12:57 Uhr

Seit Kurzem stehen auf einem Tisch im Eingangsbereich von The Temple in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia ein paar Plastikflaschen mit Desinfektionsgel – und daneben ein Schild mit einem Auszug aus Psalm 24: »Wer wird auf den Berg des Herrn steigen? (…) Der reine Hände hat.« Mit »rein« ist zwar eher »unschuldig« gemeint, aber – egal. Wer auch immer in diesen Tagen die größte Reform­synagoge im amerikanischen Süden betritt, folgt pflichtbewusst der Anweisung von König David.

Globus Das neuartige Coronavirus, das sich rasant rund um den Globus ausbreitet, hat auch jüdische Gemeinden in den USA in akute Alarmbereitschaft versetzt. Georgia zählt bislang zwar zu den weniger stark betroffenen Bundesstaaten mit – Stand Montagabend – 15 Infizierten.

Noch haben Synagogen, jüdische Schulen und Gemeindezentren nur wenige Gottesdienste, Unterrichtsstunden, Kultur- oder Sportveranstaltungen abgesagt. Auch die Purimfeiern fanden dort weitgehend wie geplant statt. »Aber wir beobachten die Lage genau und folgen den Empfehlungen der CDC«, der US-Behörde für Seuchenkontrolle und -prävention, sagt Peter Berg, Oberrabbiner des Temple in Atlanta. Die reichen von detaillierten Anleitungen zum gründlichen Händewaschen bis hin zu transparenter Kommunikation mit Gemeindemitgliedern.

Rabbiner beraten darüber, ob angesichts des Virus das Prinzip Pikuach Nefesch gelten kann.

In anderen jüdischen Gemeinden in den USA ist die Lage ernster. Der Bundesstaat New York vermeldete am Dienstag 173 Infizierte, Gouverneur Andrew Cuomo hatte zuvor den Notstand ausgerufen.

In New York und New Jersey schlossen zahlreiche Schulen. An einer jüdischen High School in der Bronx testeten 29 Schüler und Lehrer positiv auf das Virus. Am Dienstag erklärte Cuomo einen Teil der Stadt New Rochelle etwa 50 Kilometer nördlich von New York zu einer »Eindämmungszone«. Alle Menschenansammlungen sind untersagt, die Nationalgarde beliefert die Bevölkerung mit Lebensmitteln.

New Ro­chelle ist mit rund 108 Infizierten das Zentrum des Ausbruchs in New York. Vor allem ein orthodoxes Wohnviertel um die Young-Israel-Synagoge ist betroffen, hier testeten zahlreiche Menschen positiv auf Covid-19. Die meisten der Infizierten befinden sich in Heimquarantäne. »Das ist ein drastischer Schritt«, begründete Cuomo auf einer Pressekonferenz die Einrichtung der Eindämmungszone. Aber New Rochelle sei »das größte Infektionscluster im Land«.

Angst Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen liegt weltweit bei etwa 119.000, in den USA bei knapp 1000 (Stand Dienstagabend). Die Zahlen würden weiter ansteigen, und Covid-19 werde sich weiter ausbreiten, in New York und anderswo, sagte Cuomo. »Je mehr wir testen, desto mehr Infizierte werden wir finden. Das ist schlichte Mathematik.« Die meisten Krankheitsverläufe seien mild, betonte er, und die Behörden praktizierten mit ihren Maßnahmen »extreme Vorsicht«.

Zu den Vorsichtsmaßnahmen gehört, dass mehrere Synagogen in New York und New Jersey bis auf Weiteres ihre Türen schlossen. Größere Purimveranstaltungen wurden abgesagt. Bar- und Batmizwa-Feiern sind ebenfalls betroffen.

Auch in anderen Teilen des Landes hat die Coronavirus-Epidemie jüdisches Leben aus der Bahn geworfen oder gar zum Erliegen gebracht. Bei der Jahreskonferenz der größten pro-israelischen Lobbyorganisation, dem American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) in der vergangenen Woche in Washington kamen mehrere Teilnehmer mit zwei Infizierten aus Westchester County in Kontakt, die allerdings keine Symptome zeigten. Inzwischen jedoch wurde ein dritter Konferenzteilnehmer aus Los Angeles positiv auf das Virus getestet.

Kalifornien In Kalifornien sagten einige Synagogen auf Anweisung der örtlichen Behörden ihre Schabbatgottesdienste für die kommenden Wochen ab. Im Bundesstaat Washington, einem Zentrum des Infektionsausbruchs in den USA, wurden mehrere Purimfeiern für diese Woche abgesagt, darunter auch eine Reihe von Großveranstaltungen in der Reformsynagoge Temple De Hirsch Sinai in Seattle.

Bereits in der vergangenen Woche hatten amerikanische Rabbiner verschiedener Strömungen ausgiebig darüber diskutiert, ob angesichts des Coronavirus das Prinzip Pikuach Nefesch (»ein Leben retten«) gelten könne. Es basiert auf dem Grundsatz, dass die Erhaltung des menschlichen Lebens nahezu jedes jüdische Religionsgesetz außer Kraft setzt. Konkret ging es bei der Debatte der Rabbiner darum, ob Pikuach Nefesch eine großzügige Auslegung bei dem Gebot erlaube, an Purim einer Lesung der Megilla, der Geschichte der Königin Esther, beizuwohnen.

Wenn Gemeindemitglieder wegen Covid-19 diesem Gebot nicht nachkommen könnten, »dann sei es auch zulässig, die Megilla live über Telefon oder Video zu hören«, entschied der orthodoxe Rabbiner Hershel Schachter, Leiter der Yeshiva University in New York City und ein angesehener Posek, ein jüdischer Rechtsgelehrter. Mehrere Studenten und Lehrbeauftragte an der Universität sind von der Quarantäne-Anordnung der Stadt betroffen.

Mesusot Das Rabbinical Council of America, der größte orthodoxe Rabbinerrat in den USA, sowie die Rabbinical Assembly, eine Organisation konservativer Rabbiner, veröffentlichten jeweils Listen mit Verhaltensrichtlinien angesichts des Coronavirus-Ausbruchs. Danach sollen Rabbiner ihre Gemeindemitglieder anhalten, die Torarollen in den Synagogen und Mesusot an den Türpfosten nicht anzufassen oder gar zu küssen und auch das Händeschütteln und Umarmungen bei Begegnungen mit anderen Gemeindemitgliedern zu vermeiden.

»Wer beim Gebet ein bisschen schnieft, soll nicht nach Hause gejagt werden.«
Rabbi Baruch Epstein

Jenseits aller präventiven Maßnahmen und Hygienevorschriften hat der Chabad-Rabbiner Baruch Epstein in Chi­cago noch eine weitere Anweisung für seine Gemeindemitglieder: »Wenn jemand in die Synagoge kommt und ein bisschen schnauft, dann sollten wir ihn nicht wie einen Leprakranken behandeln und gleich nach Hause jagen.« Epstein ermahnte die Beter: Sie sollten sich ordentlich die Hände waschen und in die Armbeuge husten – und ansonsten Vernunft und Menschlichkeit im Umgang miteinander walten lassen.

Washington D.C.

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