USA

Umworbenes Florida

Wer dieser Tage nach Fort Lauderdale in Florida fliegt und gleich nach der Landung den Blick nach rechts aus dem Fenster wendet, sieht dort ein riesiges Plakat, auf dem steht: »Freunde lassen nicht zu, dass Freunde mit Atombomben zerstört werden. Stoppt Obama!« Darunter ist eine Landkarte von Israel in den zionistischen Farben Blau und Weiß mit einem Davidstern abgebildet, auf die eine Atomrakete zielt.

Wer dann auf der Straße mitten ins Herzland von Südflorida fährt, sieht mehr bunte Plakate; auf ihnen ist zu sehen, wie Barack Obama sich vor dem saudischen König verneigt. Die Botschaft ist deutlich: Dieser Präsident ist eine Marionette der Muslime, er wird Israel seinen Todfeinden ausliefern. Nur Mitt Romney kann uns noch retten. Verantwortlich für die Plakataktion ist eine Organisation mit dem Namen »American Principles SuperPAC«, die man wohl als obskur bezeichnen darf. Auf Anrufe bekam diese Zeitung keine Antwort, auch E-Mails führten zu keiner Reaktion.

wahlmänner Florida ist ein sogenannter Swing State. Das heißt, hier steht – im Unterschied zu den linksliberalen Staaten an der Küste und den konservativen Bundesstaaten in der Mitte und im Süden – nicht von vornherein fest, ob Demokraten oder Republikaner gewinnen. In Amerika wird der Präsident nicht direkt gewählt, sondern von einem Gremium von Wahlmännern; in Florida sind es immerhin 29, keine vernachlässigbare mathematische Größe. Darum ist dieser Bundesstaat der Schatz, die Krone, um die heftig gerangelt wird.

Anno 2000 entschied hier George W. Bush die Wahl ganz knapp für sich. Seine Kritiker sprachen hinterher von Wahlbetrug – ein Gerücht, das längst widerlegt ist. Besondere Bedeutung kommt im Swing State den Juden zu. Auf ganz Amerika gerechnet, stellen Juden nur etwas mehr als zwei Prozent der Bevölkerung – eine winzige Minderheit. In Florida ist ihre Zahl aber ein bisschen größer, weil ältere Juden sich gern hierher zurückziehen, um ihren Lebensabend zu verbringen: 3,4 Prozent der Floridianer sind also jüdisch, die meisten leben im Süden des Bundesstaates. Und die überwältigende Mehrheit – nämlich 95 Prozent jener 3,4 Prozent – hat sich registrieren lassen, um bei den Präsidentschaftswahlen mitabstimmen zu können. Das ist ungewöhnlich; in der allgemeinen Bevölkerung lassen sich für Präsidentschaftswahlen nur 64 Prozent registrieren.

waage Aus drei Gründen können Floridas jüdische Wählerstimmen genau jene Feinunze Gold sein, deretwegen die Waage sich in die eine oder in die andere Richtung neigt: weil Florida ein »Swing State« ist; weil in Florida viele Juden leben; weil diese Juden in überdurchschnittlich hohem Maß politisch interessiert sind.

Das bedeutet: Die Juden in Florida gehören zu den am heißesten umworbenen Wählergruppen im Lande. Es ist kein Zufall, dass die dritte Fernsehdebatte zwischen Mitt Romney und Barack Obama ausgerechnet in Baton Roca stattfand (einem Ort, der ein bisschen nördlich von dem anfangs erwähnten Fort Lauderdale liegt). Und es ist kein Zufall, dass Romney und Obama dort beide beteuerten, wie sehr ihnen Israels Sicherheit am Herzen liegt. Die Plakate, die Obama als Feind Israels darstellen, versuchen genau an diesem Punkt anzusetzen. Werden sie Wirkung haben?

kandidaten Werfen wir, um diese Frage zu beantworten, einen Blick auf den 22. Kongressdistrikt, der sich von Fort Lauderdale nördlich bis nach Palm Beach erstreckt. Dort treten zwei Kandidaten gegeneinander an, die beide gern Florida in Washington als Senatoren vertreten würden: Lois Jane Frankel (63) für die Demokraten und Adam Hasner (42) für die Republikaner. Beide stammen aus New York und sind jüdisch.

In einer Gesprächsrunde vor jüdischem Publikum, die neulich von der Internetzeitschrift »Slate« protokolliert wurde, versuchte Hasner, der Republikaner, wie folgt zu punkten: »Ich habe zu den ersten im Land gehört, die sagten ›Kein Geld mehr für eine von der Hamas geführte Palästinensische Autonomiebehörde, kein Geld mehr für ein von der Muslimbruderschaft geführtes Ägypten‹.« Und als »der Parteitag der Demokraten beschloss, Jerusalem als Hauptstadt Israels zu streichen, habe ich Lois Frankel gebeten, mir beizustimmen, dass es sich hier um ein überparteiliches Thema handelt. Sie hat geschwiegen«. Wie reagierte Lois Frankel in der Debatte darauf? Sie lachte und sagte: »Mr. Hasner, ich hasse es, dass ich das zugeben muss: Aber ich habe Israel schon unterstützt, da waren Sie noch gar nicht auf der Welt.«

israel Wenn die Republikaner sich gegenüber den Demokraten in Florida durch besondere Israelfreundschaft profilieren möchten, fällt ihnen das schwer. In Wahrheit sind sich beide Parteien in dieser Frage weitgehend einig. Und was alle anderen Themen betrifft – Wirtschaftspolitik, die Gesundheitsfürsorge –, denken Juden in ihrer Mehrheit nun einmal linksliberal.

Gewiss, man kann über Bruchteile von Prozentpunkten grübeln. An der Grundwahrheit ändert dies nichts: Juden haben seit Menschengedenken die Demokraten gewählt; sie werden das auch diesmal tun. Der Multimilliardär und Casinobesitzer Shelly Adelson aus Las Vegas, der Mitt Romney unterstützt, ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Sollte es für Obama rechnerisch eng werden, dann ist gut möglich, dass die Juden Floridas ihm seine Präsidentschaft retten. Plakataktionen in Fort Lauderdale und Umgebung werden daran nichts ändern.

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert