Indien

Um Mitternacht am Kai

Alfred Rosenfeld mit seinem Sohn Peter in den 40er-Jahren Foto: Privat/ Peter Roland

Indien

Um Mitternacht am Kai

Auf einem Friedhof in Mumbai erinnert eine Gedenktafel daran, wie Alfred W. Rosenfeld jüdischen Flüchtlingen half

von Iris Völlnagel  21.12.2022 13:33 Uhr

Es ist Frühjahr 1939. Nach dem Einmarsch deutscher Soldaten in Prag sucht der Journalist Willy Haas eine Möglichkeit, den Nazis zu entkommen. Ein schwieriges Vorhaben, denn viele Länder nehmen zu diesem Zeitpunkt keine Juden mehr auf. Auf Rat von Freunden reist Haas zunächst nach Italien und von dort mit dem Schiff ins indische Bombay, das heutige Mumbai.

In seinen Literarischen Erinnerungen erzählt Haas von seiner Ankunft in Bombay: »Etwas ängstlich ging ich in den Salon. Da saß der Engländer mit seinen indischen Clerks – hinter ihm stand in der Tat der andere Europäer. Ich nannte laut und deutlich meinen Namen. Mr. Rosenfeld sagte zu dem Landungsoffizier: ›Wir kennen diesen Mann sehr gut, very well indeed. Die Gemeinde übernimmt die Garantie für ihn.‹« Haas darf an Land gehen und überlebt so den Holocaust. Nach Kriegs­ende kehrt er zurück und wird später Feuilletonchef der überregionalen deutschen Tageszeitung »Die Welt«.

holocaust »Schätzungsweise 5000 europäische Juden flohen während des Holocaust ins heutige Indien«, meint die Grazer Zeithistorikerin Margit Franz. Seit einigen Jahren forscht sie über die Rolle Indiens im
Holocaust.

»Die britische Kolonie war alles andere als ein einfaches Exil«, erzählt Franz. Ohne die Zustimmung der britischen Behörden sei niemand ins Land gekommen. »Gefragt waren vor allem Menschen mit medizinischen oder technischen Berufen. Arme Flüchtlinge und allein reisende Frauen waren nicht erwünscht«, so die Historikerin. Außerdem mussten die Flüchtlinge nachweisen, dass sie genügend Geld besaßen oder jemand für sie bürgte. Nicht selten entschieden diese Bürgschaften, sogenannte Affidavits, über Leben und Tod.

»Ich weiß nicht genau, wie viele Menschen die britischen Behörden abwiesen, aber ich denke, das war einer der Gründe, warum mein Vater da sein wollte, wenn ein Schiff ankam«, erzählt Peter Roland. Der 85-Jährige lebt heute in Großbritannien. Sein Vater Alfred war jener Mr. Rosenfeld, von dem der Journalist Haas berichtet.

Später erzählte ihm seine Mutter, dass der Vater oft um Mitternacht zum Hafen ging.

Er sei damals noch zu klein gewesen, um mitzubekommen, was sein Vater machte, sagt Roland. Doch später habe seine Mutter ihm erzählt, dass der Vater oft um Mitternacht zum Hafen ging.

handelsvertreter Viele der Flüchtlinge sprachen von Alfred Rosenfeld auch von dem »Mann am Kai«. Geboren und aufgewachsen im württembergischen Heilbronn wurde Rosenfeld als 20-Jähriger von seinem Arbeitgeber als Handelsvertreter nach Indien geschickt, um dort den Textilhandel mit aufzubauen. Das war 1928. Als fünf Jahre später in Deutschland die Nazis an die Macht kommen, wird Rosenfeld britischer Staatsbürger.

Noch im selben Jahr gründete er zusammen mit einigen Männern der jüdischen Gemeinde die Jewish Relief Association, eine Hilfsorganisation. Rosenfeld war eines der führenden Mitglieder der Vereinigung. Mit ihrer Hilfe bekamen die Flüchtlinge die benötigten Bürgschaften.

»Gerade in Bombay waren einige Juden sehr wohlhabend, wie die Sassoons zum Beispiel. Am Anfang haben sie große Geldmengen zur Verfügung gestellt«, so Margit Franz. Später sei die Jewish Relief Association immer mehr zur Selbsthilfeorganisation geworden, die Spenden sammelte und versuchte, Kinder in Schulen und Kindergärten unterzubringen und den Leuten Arbeitsplätze zu besorgen.

AGITATION Für viele Flüchtlinge war es nicht einfach, sich eine neue Existenz aufzubauen. Immer wieder, so wird berichtet, soll Rosenfeld vor allem die deutschen Juden ermahnt haben, sich auf der Straße nicht als solche zu erkennen zu geben. Bombay war für die jüdischen Flüchtlinge kein sicherer Ort, sagt die Historikerin Margit Franz: »Die Auslandsorganisation der NSDAP war hier sehr stark. Die haben sehr viele Protokolle und Dateien von Flüchtlingen geführt und ihnen gedroht, wenn sie auffällig oder zu antideutsch werden, wären ihre Familien in Deutschland gefährdet. Es hat in Bombay auch sehr heftige Agitation gegeben. Es sind Berichte von Aufmärschen zu Hitlers Geburtstag überliefert.«

Als Manager eines großen Textilunternehmens reist Rosenfeld viel, sowohl innerhalb Indiens als auch nach Europa und Deutschland. Als sein Sohn Jahre später den Pass seines Vaters findet, erstaunt ihn vor allem, wie häufig Rosenfeld noch in Deutschland und Österreich war. »Der letzte Eintrag stammt von 1938. Mit seinem britischen Pass reiste er auch immer nach Deutschland und Österreich, wenn er in Europa war.«

Er war als Vertreter nach Indien geschickt worden, um dort den Textilhandel mit aufzubauen.

Mit dem Kriegseintritt der Briten am 3. September 1939 änderte sich die Situation, auch für die Deutschen in Indien. Alle Ausländer wurden interniert, egal ob Flüchtling oder nicht. In den Lagern trafen die Juden auf deutsche Nationalsozialisten. »Die haben sich auch in der Internierung ganz stark organisiert. Dort haben sie Dateien von ihren Mithäftlingen geführt, und es hat auch viele Drohungen sowie verbale Aggression und Übergriffe gegeben«, so die Historikerin.

»Mein Vater reiste in die Camps und nach Neu-Delhi, wo die Briten ihren Regierungssitz hatten, um dort zu intervenieren, dass die Flüchtlinge freigelassen werden«, erzählt Peter Roland. Wohl mit Erfolg, wie er aus Erzählungen von Flüchtlingen weiß.

wiedersehen Auch nach Ende des Krieges setzte sich Rosenfeld weiter für jüdische Flüchtlinge ein. Im Juni 1946 reiste er geschäftlich nach New York. Seiner Familie schrieb er, wie sehr er sich auf ein Wiedersehen freut. Dazu sollte es nicht kommen. Auf dem Rückweg erlitt der Manager einen Herzinfarkt und stirbt im Alter von 38 Jahren. Sohn Peter ist damals neun Jahre alt.

In Indien zeichnet sich ab, dass das Land unabhängig werden soll. Wie viele Ausländer verlässt auch Rosenfelds Frau mit ihrem Sohn das Land. Jahrelang bekommt die Familie noch Post von Menschen aus aller Welt, denen der Jude aus Heilbronn geholfen hat. Doch mit dem Weggang aus Indien verschwindet das Wissen, dass das Land vielen Juden Zuflucht bot. Heute erinnert nur noch der jüdische Friedhof Chinchpokli im Herzens Mumbais an das Leben im indischen Exil.

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