Indien

Tor der Gnade

Erst nach dem dritten Klopfen kommt er. Dann öffnet sich das schwere, blaue Tor zur Gate-of-Mercy-Synagoge im Herzen von Mumbai. Vorsichtig steckt Shri Emanuel Chandgaonkar seinen kleinen Kopf mit der viel zu großen braunen Kippa in den Türspalt und fragt freundlich, aber bestimmt, wer der Gast sei – und was er wolle. Es kommt nicht oft vor, dass Shri Emanuel und Elis Solomon Talkar Besuch haben in der Synagoge, die sie montags bis freitags von 17 bis 20 Uhr ehrenamtlich betreiben.

Jüdisches Leben in Indien ist versteckt und findet privat statt. Im Stadtteil Mandvi, in dem die Gate-of-Mercy-Synagoge liegt, gibt es sogar ein zweites jüdisches Gotteshaus. »Aber da sowieso kaum mehr Juden da sind, wird nur noch diese hier erhalten«, sagt Shri Emanuel.

Am Schabbat bekommen sie manchmal nur mit Not einen Minjan zusammen. Im alten, dicken Gästebuch der Synagoge fällt auf, dass die meisten ausländischen Gäste junge Israelis sind, die in Indien Urlaub machen. Der 82-jährige Rentner Chandgaonkar und der 46-jährige Angestellte Talkar schlürfen vor den Stufen zum Eingang des Gebetshauses heißen Tee, um sich die Zeit zu vertreiben.

Stämme Die Gate-of-Mercy-Synagoge ist eine von neun Synagogen in Mumbai, 33 sind es in ganz Indien. Das 1796 erbaute Gotteshaus ist nach dem in Kochi in Südindien auch das zweitälteste des Landes. Es feierte 1996 ein glamouröses 200-Jahr-Jubiläum. Diese Synagoge wurde erbaut, als die ersten sieben jüdischen Familien vor etwa 2100 Jahren mit dem Schiff in Alibag anlandeten, heute ein Vorort von Mumbai. Auf etwa 4000 Personen schätzt man die Gemeinde der Bnei Israel, einem von fünf jüdischen Stämmen in Indien, in Mumbai heute. Der Großteil nutzte die Möglichkeit, nach Israel auszuwandern.

Etwa 70.000 indische Juden leben heute in Israel. Aaron Kandlekar indes würde niemals Alija machen. Der 76-jährige Ingenieur mit der goldenen Brille hat wie viele Juden in Mumbai eine Universität besucht und spricht gut Englisch, in den 80er-Jahren hat er in Dortmund für Siemens gearbeitet. Er ist Vorsteher der Tepheret-Synagoge, die zu den besser besuchten in Mumbai zählt. Sein Großvater hatte 1924 das Grundstück für den Bau der Synagoge und die Tora gekauft. Während an der Decke die Ventilatoren ächzen, erzählt er enthusiastisch davon, wie lebendig das Judentum in Mumbai sei.

»Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern auf der Welt kann man hier noch offen Jude sein und muss sich nicht verstecken. Wir Juden waren in Indien immer vollwertige Mitglieder der Gesellschaft«, sagt Kandlekar. Er sitzt entspannt auf der »Ehrenbank« der Synagoge, auf der die Ehrenplakette seines Großvaters angebracht ist, und betont stolz, die Tephereth-Synagoge sei eine von ganz wenigen, die ökonomisch erfolgreich seien. »Das liegt daran, dass sie gut besucht ist und die Familien hier noch zusammenhalten.«

Strenge Etwa 60 bis 70 Menschen kommen am Schabbat noch zum Abendgebet. Dass die Gemeinde seiner Synagoge so integer sei, führt Kandlekar auch darauf zurück, dass er sie strenger und orthodoxer als andere in Mumbai leitet. Über den »Verfall« von traditionellen Werten in anderen Gemeinden erzählt er: »Wir erlauben hier zum Beispiel keine Fotos, und wir achten sehr darauf, dass die Regeln der Halacha eingehalten werden. Im Gegensatz zur Magen-Hassidim-Synagoge erlauben wir auch keine Eheschließung zwischen Juden und konvertierten Juden.«

Aufgrund der kleinen Gemeinde werden sehr viele Ehen in Mumbai bereits im Kindesalter arrangiert, damit jeder einen Partner hat. Aarons Kinder wurden selbst durch arrangierte Ehen verheiratet; seine Tochter Saniya, die mit ihrem Mann in die USA emigriert ist, mit 23. »Viele andere Gemeinden lösen das Problem, indem sie unerlaubterweise Nichtjuden vorher konvertieren und dann mit ihren Partnern verheiraten. Wir machen das nicht.«

Ein Geheimnis jedoch verrät er: Der Hausmeister seiner Synagoge hat einen jüdischen Vater, aber eine muslimische Mutter. Damit wird er, weil er der Gemeinde so lange schon gute Dienste leistet, zwar geduldet, zur Alija, dem Aufruf zur Tora, ist er aber nicht zugelassen. »Eigentlich hätten wir auch gerne einen jüdischen Metzger, aber es gibt schon lange keine mehr. Deswegen holen wir unser Fleisch bei einem muslimischen Metzger.«

Mikwe In der Magen-Hassidim-Synagoge, nur 15 Fußminuten von Aaron Kandlekars Synagoge entfernt, wird gerade eine Hochzeit vorbereitet. Die Fassade des Hauses strahlt dank üppiger Spenden, der Zustand und die Innenausstattung sind über jeden Zweifel erhaben. Sogar eine Mikwe, ein rituelles Bad, gibt es hier.

Jewel und Haim, beide gebürtige Juden, werden am nächsten Tag in dieser Synagoge heiraten. An diesem Abend findet ein Essen mit Freunden und Familie statt, die hellblauen Plastikstühle im Hof vor der Synagoge sind alle besetzt. In einer kurzen Pause zwischen zwei Liedern aus der Stereoanlage, die auf Mahrati gesungen werden – dem lokalen Hindi-Dialekt in Mumbai –, hört man den Adhan, den islamischen Ruf zum Gebet, aus den nahen Moscheen. Die Synagoge liegt mitten in einem Viertel mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil.

Benjamin Daniel Divekar, der Vorsteher der Gemeinde dieser Synagoge, sieht darin aber kein großes Problem. »In unserer Gemeinde wurde noch nie jemand beleidigt und gar verletzt.« Doch einigen seiner Freunde seien die Autotüren zerkratzt worden. Deswegen, und weil es zu wenige Parkplätze gibt, seien die meisten Gäste des heutigen Abends mit dem Taxi gekommen.

Minderheit Im Verhältnis zu den anderen Religionen spielen Indiens Juden nur eine untergeordnete Rolle. In einem Land mit 1,2 Milliarden Menschen ist die jüdische Minderheit mit etwa 5000 Angehörigen verschwindend klein. Doch bei der pompösen Hochzeitsfeier von Jewel und Haim sind fast 1000 Gäste anwesend. Mit Blick auf die gerade einmal 4000 Bnei Israel in Mumbai verrät Solomon Talkar, der Onkel des Bräutigams: »Vielleicht die Hälfte der Gäste ist jüdisch. Viele unserer Freunde sind Hindus, und sie sind heute selbstverständlich auch eingeladen.«

In Indien gibt es zwar immer wieder religiöse Konflikte, aber vorrangig zwischen Hindus und Muslimen. Juden waren nie Teil von religiösen Auseinandersetzungen. »Wir sind sehr stolz darauf, dass wir in Indien das Judentum in Frieden ausleben können«, sagt Yael Jhirad, die Präsidentin der Women’s International Zionist Organization (WIZO) Indiens.

Am nächsten Abend hat sich die ganze Gemeinde in der Synagoge versammelt und erwartet die Ankunft des Brautpaares. Die prächtige Chuppa wurde über der Bima aufgespannt. Frenetisch jubeln die Familienangehörigen Jewel und Haim zu. Nach dem Austauschen der Ringe und dem Küssen der Tora werden zwei Gläser zerbrochen und gemeinsam sieben Kerzen entzündet, eine lokale indische Tradition. »Hochzeiten wie diese sind selten geworden, aber ein Teil des lebendigen Judentums in Mumbai. Noch seltener sind Beschneidungen von Neugeborenen, sie finden höchstens alle zwei Monate statt«, sagt Elis Solomon Talkar.

Anschlag Aber das jüdische Leben in Indien kennt auch schreckliche Stunden. In Colaba, dem touristischsten Stadtteil Mumbais, steht die Keneseth-Eliyahoo-Synagoge, die 1884 erbaut wurde. Zum 125-jährigen Jubiläum war auch der damalige Bundespräsident Horst Köhler zu Besuch. Rabbiner der Synagoge war Gavriel Holtzberg, der am 26. November 2008 den Terroranschlägen in Mumbai zum Opfer fiel.

Das Chabad-Zentrum im Nariman-Gebäude, etwa zehn Autominuten von der Synagoge entfernt, diente ihm und seiner Frau als Wohnhaus. Bis heute sieht man die Einschusslöcher. Die Anschläge von 2008 sind auch der Grund, warum heute vor jeder Synagoge in Indien rund um die Uhr Polizei steht – und warum für jüdische Einrichtungen eigens eine Telefonnummer eingerichtet wurde.

Doch Elis Solomon ist sich sicher, dass die jüdische Gemeinde genauso eine Zukunft in Indien haben wird, wie sie eine Vergangenheit hat. »Auch nach 2008 fühlen wir uns sicher. Und die Juden, die heute noch hier leben, werden Indien nicht verlassen. Zu viele sind schon gegangen, aber wir sind gekommen, um zu bleiben. Wir werden niemals gehen.«

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