Interview

Tarnow, Teheran, Tel Aviv

Mordechai Palzur über seine Kindheit in Polen und die abenteuerliche Flucht über den Iran nach Israel

von Michael Thaidigsmann  08.11.2019 10:33 Uhr

Mordechai Palzur (90) in Israel Foto: © Jose Andres Lacko

Mordechai Palzur über seine Kindheit in Polen und die abenteuerliche Flucht über den Iran nach Israel

von Michael Thaidigsmann  08.11.2019 10:33 Uhr

Herr Palzur, wie haben Sie als jüdisches Kind im polnischen Tarnow das Jahr 1939 erlebt?
Am 28. August 1939 platzierte ein deutscher Saboteur im Bahnhof der Stadt eine Bombe. Bei der Explosion kamen 20 Menschen ums Leben, unter ihnen auch Juden, denn Tarnow hatte damals einen jüdischen Bevölkerungsanteil von ungefähr 50 Prozent.

Erinnern Sie sich an diesen Anschlag?
Ja, mein Vater Alexander Plutzer war Maler und Kunstprofessor. Außerdem war er Reserveoffizier der polnischen Armee. Am Nachmittag jenes 28. August 1939 klopften zwei Soldaten an unsere Haustüre und überbrachten meinem Vater die Nachricht, dass der Armeekommandant in Tarnow ihn sofort zu sehen wünsche. Er ging hin und bekam mitgeteilt, dass ein Krieg mit Deutschland unmittelbar bevorstehe, weswegen das Militär die Kontrolle über die Eisenbahnen des Landes übernommen habe. So wurde mein Vater zum Befehlshabenden des Bahnhofs Tarnow ernannt. Er ging nach Hause, zog sich um und machte sich zum 1,5 Kilometer entfernten Bahnhof auf. Doch schon ein paar Momente später hörten wir von dort eine laute Explosion. Mein Vater fand nur noch einen zerstörten Bahnhof vor, es gab viele Tote und Verletzte. Jeder dachte, der Krieg habe schon begonnen.

Wie konnten Sie den schnell näher rückenden deutschen Truppen entkommen?
Am frühen Morgen des 6. September kam mein Vater in Armeeuniform nach Hause. Er sagte uns, wir müssten fliehen, die Deutschen seien schon vor den Toren der Stadt. Mein Vater war mit einem Mann gekommen, der ein einfaches Pferdegespann dabeihatte. Meine Mutter und ich packten schnell das Notwendigste zusammen und verließen die Stadt. Eine Viertelstunde später donnerten Messerschmidt-Kampfflugzeuge über uns hinweg. Sie bombardierten die Straße Richtung Osten, die wir eigentlich nehmen wollten. Wir fuhren weiter Richtung Nordosten, tagelang. Nach knapp zwei Wochen sagte uns jemand, dass fünf Kilometer entfernt russische Panzer auf dem Vormarsch seien. Und tatsächlich, eine Stunde später sahen wir sowjetische Panzer. Plötzlich fanden wir uns auf der russischen Seite wieder.

Das war der Beginn der russischen Besatzung Ostpolens. Waren Sie überrascht?
Das Vorrücken war Teil des Nichtangriffspaktes, den der deutsche Außenminister Ribbentrop und sein sowjetischer Amtskollege Molotow ein paar Wochen zuvor unterzeichnet hatten. Ein geheimes Zusatzprotokoll sah die Aufteilung Polens zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion vor. Das alles wussten wir damals natürlich nicht. Wir waren wie alle in Polen überrascht, plötzlich russische Truppen zu sehen.

»Wir waren wie alle in Polen überrascht, plötzlich russische Truppen zu sehen.«

Wie erging es Ihnen und Ihren Eltern im sowjetisch besetzten Gebiet?
Da wir unter russischer Besatzung waren, musste sich mein Vater schnell seiner polnischen Uniform entledigen, was er auch tat. Einige Tage blieben wir, wo wir waren, denn die Russen mussten erst den Fahrdienst der Eisenbahn wiederaufnehmen. Als die Züge wieder fuhren, gingen wir dann nach Stanislawow, dem heutigen Iwano-Frankiwsk. Dort gab es ein großes Haus, das der Familie gehörte. Kurze Zeit später wurden wir aber aufgefordert, uns zur örtlichen Polizeistation zu begeben. Dort teilte man uns mit, dass jedermann die sowjetische Staatsangehörigkeit bekommen würde. Mein Vater sagte, er komme aus Tarnow und sei polnischer Bürger, und wenn der Krieg vorüber sei, würde er dorthin zurückkehren. Er wolle deshalb nicht Sowjetbürger werden. Einige Zeit später klopfte ein Polizist oder Soldat an unsere Haustür und teilte uns barsch mit, wir müssten sofort gehen. Man gab uns 30 Minuten, um schnell noch etwas einzupacken. Dann wurden wir zum Bahnhof der Stadt gebracht und in einen dort stehenden Viehwaggon gepackt. Der Zug stand noch zwei oder drei Tage lang auf den Gleisen. Irgendwann setzte sich der Zug dann in Bewegung. Es ging Richtung Norden. In Lemberg standen wir einen halben Tag lang auf dem Bahngleis. Meine Mutter hatte eine Tante dort. Durch einen Schlitz in der Waggontür bat sie jemanden, die Tante herbeizurufen. Wir konnten dann allerdings nur durch den Spalt in der Türe mit ihr sprechen. Als wir fragten, wohin sie uns bringen würden, sagten die Sowjets: »Ihr wolltet keine Sowjetbürger sein, also schicken wir euch nach Deutschland.« Wir erschraken uns sehr.

Was wussten Sie damals über das Schicksal der Juden in Ihrer Heimatstadt Tarnow?
In Lemberg wussten wir schon, dass die Gestapo in Tarnow bereits gewesen war und auch nach meinem Vater gesucht hatte. Die Tarnower Juden waren alle im Ghetto und einige bereits ermordet. Wir wollten also wirklich unter keinen Umständen nach Deutschland. Aber wir hatten ja niemanden, dem wir das sagen konnten. Aber als der Zug dann in Lemberg losfuhr, bemerkten wir erleichtert, dass es Richtung Osten ging und nicht gen Westen.

»Im sibirischen Winter fiel die Temperatur auf bis zu minus 54 Grad Celsius.«

Die Zustände in diesem Zug müssen schlimm gewesen sein.
Ja. Es gab da auch kranke und alte Menschen, selbst schwangere Frauen. Morgens und abends hielt der Zug an einigen Bahnhöfen an. Man gab uns eine Winzigkeit zu essen und zu trinken. Die Türen waren meist von außen verriegelt und wurden nur ein, zwei Mal am Tag geöffnet. So fuhren wir vielleicht zwei oder drei Wochen immer Richtung Osten. Es gab viele solcher Züge mit Polen, die so nach Russland gebracht wurden.

Welches Ziel hatte die Fahrt?
Sie endete mitten in Sibirien. Wir hatten bereits den Ural und die Städte Tomsk, Omsk und Nowosibirsk passiert, als der Zug plötzlich in Richtung Norden drehte, bis irgendwann Endstation war und es zu Fuß weiterging.

Sie kamen in ein Arbeitslager?
Ja. Die Leute, die dort lebten, sagten uns, dass wir dort zu arbeiten hätten. Mein Vater musste wie alle anderen Holz schlagen. Niemand komme von da lebend wieder weg, so sei das schon seit den Zeiten des Zaren, sagte man uns. Sie brachten niemanden um, aber die Bedingungen waren sehr hart. Von den Polen, die mit uns dorthin verschleppt worden waren, war die Hälfte nach einem Jahr tot. Es gab keine Ärzte und auch nicht genug zu essen, und im Winter fiel die Temperatur auf bis zu minus 54 Grad Celsius. Und die Toiletten waren draußen im Freien. Jeden Tag starben Menschen. Mein Vater hatte einen Herzanfall, danach durfte er als Nachtwächter arbeiten. Irgendwie überlebten meine Eltern und ich. Ich war ihr einziger Sohn, wir waren zu dritt, und wir schafften es.

Können Sie die politischen Hintergründe schildern?
Von 1939 bis 1941, als die Deutschen dann die Sowjetunion angriffen, brachten die Russen ungefähr 2,5 Millionen polnische Bürger nach Sibirien. Als dann 1941 der Krieg mit Deutschland begann und sich die Situation an der Front für die UdSSR schnell verschlechterte, bat Stalin Churchill um Hilfe. Dieser sagte ihm, er könne ihm keine britischen Soldaten im Winter nach Russland abkommandieren, er habe selbst nicht genug Leute, um sein Land zu verteidigen. Aber was denn mit den 2,5 Millionen Polen sei, die er in seinen Lagern habe und die von rund 200.000 russischen Soldaten bewacht würden? Und nach einiger Zeit entließ Stalin tatsächlich alle polnischen Bürger in die Freiheit. Für uns war das Problem nur, dass wir mitten in der Taiga waren. Wir suchten nach der nächstgelegenen Bahnstation, um noch vor dem Einbruch des Winters Richtung Süden zu kommen. Das war gar nicht so einfach, denn wir waren Hunderte von Kilometern vom nächsten Bahnhof entfernt.

»In der Sowjetunion hatte man uns wie Tiere behandelt. Plötzlich, im Iran, fühlten wir uns wieder wie Menschen.«

Wohin gingen Sie?
Überall in Europa war ja Krieg. Deswegen schlugen wir uns nach Tadschikistan durch. Dort und in Usbekistan wurde sogleich mit dem Aufbau einer polnischen Exil-Armee begonnen, unter dem Kommando von General Wladyslaw Anders, der selbst Gefangener in der Sowjetunion gewesen war. Auch mein Vater wurde wieder in die polnische Armee aufgenommen. Er und die anderen Soldaten bekamen britische Uniformen.

Mitten in Stalins Sowjetunion wurde eine polnische Armee aufgebaut? Wie kam es dazu?
Churchill fragte wieder bei Stalin an und wollte wissen, was eigentlich mit den ganzen polnischen Soldaten auf sowjetischem Boden passiere und warum sie nicht bewaffnet würden. Churchill machte deutlich, dass er die Polen für den Kriegseinsatz brauche, und zwar sofort. Stalin willigte schließlich ein. Eigentlich kam zu jener Zeit fast niemand aus der Sowjetunion heraus. Aber die polnischen Soldaten wurden herausgelassen. Die Armee von General Anders bewegte sich zum Kaspischen Meer hin und wurde dort Richtung Iran eingeschifft. Sie sollte zunächst die persischen Ölfelder bewachen.

Waren Sie als Angehöriger mit dabei?
Ja, wir wurden zur Hafenstadt Krasnowodsk gebracht, und anderthalb Tage später gingen wir im Iran von Bord, in Pahlavi Beach, wie der Ort damals hieß. Das war eine andere Welt. Dort herrschte kein Krieg. Die Leute standen morgens auf und gingen zur Arbeit. Es gab bunte Geschäfte. So etwas hatten wir schon jahrelang nicht mehr gesehen. In der Sowjetunion hatte man uns wie Tiere behandelt. Plötzlich, im Iran, fühlten wir uns wieder wie Menschen. Wir blieben ein Jahr dort, mein Vater sollte eine polnische Schule in Teheran aufbauen.

Und wie gelangten Sie nach Palästina?
Es gab natürlich unter den Polen im Iran auch einige Juden. Nach einiger Zeit kamen Emissäre der Jewish Agency for Israel, um zu sehen, wie man helfen konnte. Wir bekamen ein Visum. Nach einigen Wochen wurden wir drei auf ein Schiff gebracht, das uns erst nach Bombay in Indien und später nach Aden brachte. Anschließend ging es ins Rote Meer bis Port Suez, das liegt am südlichen Ende des Suezkanals. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Ort bombardiert. Deshalb wurden wir dann in einen Zug gesteckt, der uns über Nacht nach Palästina brachte. Am 20. Dezember 1943 kamen wir in Tel Aviv an.

Eine ziemliche Odyssee ... Waren Sie denn mit dem Zionismus vertraut?
In Tarnow hatte ich einen privaten Hebräischlehrer gehabt, und so wusste ich schon etwas über das Heilige Land und das alles. Aber ich erinnere mich an keine Unterhaltung in meiner Familie, in der wir je über Alija gesprochen hätten. Wir waren eine jüdische Familie in Polen. Unsere Wurzeln waren in Galizien. Mein Urgroßvater war der Schriftsteller Mordechai David Brandstetter. Er war einer der Ersten, die nichtreligiöse Texte auf Hebräisch schrieben. Meine Eltern studierten beide an der Universität Krakau. Zu Hause sprachen wir Polnisch.

»Wer behauptet, alle Polen seien Antisemiten, redet Unsinn. Das stimmt einfach nicht.«

Ihr Vater hat 1944 in seinem Gemälde »Rettung der Torarollen aus der brennenden Synagoge im Ghetto« eine Szene aus seiner Heimatstadt Tarnow festgehalten.
Ja. Die Deutschen haben die Synagoge am 9. November 1939, genau ein Jahr nach der »Kristallnacht«, niedergebrannt. Ein Überlebender berichtete meinem Vater davon. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Eltern mich vor dem Krieg oft mitnahmen in diese Synagoge. Vor Kurzem sagte mir der Bürgermeister von Tarnow, dass die Stadt an diesem 9. November eine Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Ereignisses plant. Das Gemälde meines Vaters soll dabei groß auf eine Wand projiziert werden.

Halfen Ihnen Ihre polnischen Wurzeln, als Sie 1986 als erster israelischer Diplomat seit Abbruch der bilateralen Beziehungen 1967 nach Warschau entsandt wurden?
Als ich dort ankam, wussten die Polen nichts mit mir anzufangen. Ich hatte ja einen hebräischen Namen. Sie sprachen mich zunächst auf Englisch an, und ich sagte dann: »Lassen Sie uns doch Polnisch reden.« Das überraschte die dann doch sehr, vor allem, weil ich Polnisch – im Gegensatz zu einigen anderen polnischstämmigen Juden – akzentfrei spreche. Es ist ja meine Muttersprache. Ich muss sagen, dass die Zusammenarbeit mit der polnischen Regierung damals sehr gut war. Polen war auch das erste Land des Ostblocks, das wieder Beziehungen zu Israel aufnahm. Und 1987, als die Sowjetunion endlich unserem Drängen nachgab und die sowjetischen Juden ausreisen ließ, hat man in Warschau eine sehr positive Rolle gespielt. Ich war damals der erste israelische Diplomat, der von der Entscheidung Moskaus erfuhr, und konnte das selbst erst gar nicht glauben.

Wie sehen Sie heute die Beziehungen zwischen Polen und Juden und zwischen Jerusalem und Warschau?
Sie sind sehr vielschichtig und voller Emotionen. Seit 1000 Jahren leben Juden in Polen, und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs waren es ungefähr 3,5 Millionen, damals die zweitgrößte jüdische Gemeinde weltweit nach den USA. Wenn in Polen alles schlecht gewesen wäre, wären es sicher nicht so viele geworden. Eines möchte ich festhalten: Wer behauptet, alle Polen seien Antisemiten, redet Unsinn. Das stimmt einfach nicht.

Mit dem ehemaligen israelischen Botschafter in Polen sprach Michael Thaidigsmann.

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