USA

Streiter für soziale Gerechtigkeit

Seit 1994 am Supreme Court: Stephen Breyer Foto: imago images/MediaPunch

USA

Streiter für soziale Gerechtigkeit

Stephen Breyer will seinen Sitz im Supreme Court abgeben, um Platz für eine schwarze Nachfolgerin zu machen

von Daniel Killy  03.02.2022 08:29 Uhr

Stephen Breyer, seit 1994 Richter am Supreme Court, dem Obersten Gericht der Vereinigten Staaten, will im Juni, wenn das laufende Gerichtsjahr zu Ende geht, zurücktreten. Dies tut der 83-Jährige aber nicht aus Altersgründen, sondern er möchte Platz machen für eine linke Wunschkandidatin von US-Präsident Joe Biden.

Und er möchte dies möglichst schnell tun, denn er will garantieren, dass dies noch vor den Midterm-Wahlen im Herbst geschieht – nach all den Erfahrungen mit der Trump-Administration und den Republikanern, die gegen die Gepflogenheiten jeweils vor Antritt eines neuen Präsidenten noch schnell Vakanzen am Supreme Court mit Personen ihrer Wahl besetzen.

Und da im Herbst bei den Midterms mit dem Verlust der Zweikammer-Mehrheit der Demokraten zu rechnen ist, ist Breyers Vorhaben durchaus realpolitisch. Ihm nachfolgen soll die erste schwarze Richterin – ein Wahlversprechen Joe Bidens, das seine Position bei den afroamerikanischen Wählern für die kommenden Urnengänge wahrscheinlich stärken würde.

»Der jüdische Stuhl« Breyers Rückzug würde den Anteil jüdischer Richter auf Elena Kagan reduzieren und den Stuhl Breyers, der »der jüdische Stuhl« genannt wurde – er wird seit 1916 fast ausschließlich mit jüdischen Richtern besetzt –, vielleicht vakant werden lassen. Dieser Rückzug wäre dennoch im Sinne der eigenen Sache – und im Sinne der Demokraten. Die konnten seit 2010, zunächst wegen der Blockade der Republikaner zu Obama-Zeiten und zuletzt unter Trump, keine Richterposten mehr im Supreme Court besetzen.

»Mein bevorzugter Blick auf die Dinge folgt dem Ausspruch Hillels«, sagte Breyer einmal und spielte damit auf die Weltsicht seines Vaters an. »›Wenn ich nicht für mich selbst bin, wer wird dann für mich sein? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Wenn nicht jetzt, wann dann?‹ Das fasst es für mich recht gut zusammen.« Dies sei auch sein Grundverständnis von Recht und Gesetz, sagte Breyer einmal – auch wenn sein Jüdischsein und seine Erziehung keinen Einfluss auf seine juristischen Entscheidungen haben.

Breyer, der aus einer jüdischen Familie aus San Francisco mit rumänischen Wurzeln stammt, ist seiner religiösen Heimat bis heute treu geblieben.

»Das Vermächtnis der Rechtsprechung in diesem Land ist es, das Leben der Menschen besser zu machen, sicherzustellen, dass ein hinreichendes Niveau von sozialer Gleichheit existiert, und die Wahrung der Grundrechte des Einzelnen zu garantieren«, so Breyer. »Jeder Richter in den Vereinigten Staaten führt diese Grundsätze auf die Gründung dieser Nation zurück, und den Juden ist natürlich klar, dass dieses Erbe viel weiter zurückreicht.«

HERKUNFT Breyer, der aus einer jüdischen Familie aus San Francisco mit rumänischen Wurzeln stammt und in der dortigen Reformsynagoge Temple Emanu-El seine Barmizwa hatte, ist seiner religiösen Heimat bis heute treu geblieben, wenn er das Lernen von Gerechtigkeit in seiner Gemeinde betont. »Ich denke an Zedaka, die (…) weder ausschließlich Wohlfahrt bedeutet, also durch Liebe zu geben, noch die Herrschaft des Gesetzes. Aber es ist der Ausdruck des Strebens, eine bessere Welt zu schaffen.«

Dieses Zitat verdeutlicht den Einfluss seiner Erziehung und sein Ethos. Deshalb macht Breyer jetzt sowohl seinen »jüdischen Stuhl« im Supreme Court frei als auch seinen Platz als geschätzter und unermüdlicher Streiter für Gesetz und soziale Gerechtigkeit.

Und sollte wirklich Joe Bidens Favoritin Leondra Kruger, Richterin an Kaliforniens Supreme Court, Breyers Nachfolgerin werden, so bliebe der jüdische Stuhl doch nicht gänzlich unbesetzt. Denn Kruger hat jamaikanische und jüdische Wurzeln. Das wäre dann wohl Zedek, ganz im Geiste Breyers.

Kommentar

Eine unheilvolle Allianz

Wenn wie in Frankreich die radikale Linke und Islamisten Juden für Israels Politik verantwortlich machen, ist eine Grenze überschritten

von Simone Rodan  20.10.2026

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

Diaspora

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026