USA

Stimmen ausgezählt

Die Wahl ist entschieden: 77 Prozent der jüdischen Wähler haben für Joe Biden gestimmt. Foto: Reuters

Am Ende ging es dann doch sehr schnell. Als CNN-Urgestein Wolf Blitzer am Samstagmittag (Ortszeit) die Prognose verkündete, die Joe Biden als nächsten US-Präsidenten sieht, war die Hawdala in Deutschland gerade fünf Minuten vorüber, in Amerika aber war der Schabbat noch in vollem Gange. Deshalb dauerte es mit jüdischen Reaktionen auf den Wahlsieg des 77-jährigen Politikveteranen noch ein bisschen.

Bereits im Verlauf der Auszählung wurde jedoch klar, dass Amerikas Juden ein gewichtiges Wort beim Wahlergebnis mitgesprochen hatten. 77 Prozent hatten ihre Stimme für Biden abgegeben, 21 Prozent für Trump. Das ist das schlechteste jüdische Wahlergebnis für die Republikaner seit 2008.

Jüdische Wähler sorgten für Bidens Sieg in den heiklen Swing States.

Manche, wie etwa die Republican Jewish Coalition (RJC), stehen allerdings wider besseres Wissen in politischer Nibelungentreue weiter zum abgewählten Präsidenten Donald Trump und seinen Verschwörungstheorien einer »gestohlenen Wahl« und eines groß angelegten »Betrugs«.

integrität »Wenn sich eine Partei nach einer Wahl dazu entschließt, die Gerichte anzurufen, um die Wahlergebnisse prüfen zu lassen sowie die Integrität des Wahlvorgangs, dann sollte man diese Abläufe doch erst einmal abwarten. Das ist Demokratie, und deshalb wurde das System so strukturiert«, sagte Matt Brooks, Executive Director des RJC, dem »Jewish News Syndicate« (JNS).

»Nur weil ein Haufen von Computer-Typen an einem Studiotisch entscheidet, einen Staat als ›entschieden‹ zu vermelden, bedeutet das noch nicht, dass die Wahl entschieden ist. Nur der entsprechende Minister des jeweiligen Bundesstaates kann das bestätigen«, sagte Brooks.

Was er allerdings nicht erwähnte, war die Tatsache, wie lange die großen Sendeanstalten genau diese Verkündung im Falle des entscheidenden Staates Pennsylvania vermieden hatten, um ganz sicherzugehen, dass das Ergebnis nicht später noch korrigiert werden müsste.

Israel Sarah Stern, Gründerin und Präsidentin der konservativen Stiftung für Wahrheit im Nahen Osten (»Endowment for Middle East Truth«, EMET), sagte der JNS, »die Flitterwochen zwischen Israel und den USA werden aller Voraussicht nach vorbei sein«. Allerdings warnte sie auch davor, den künftigen Präsidenten als Katastrophe für Israel zu betrachten.

»Joe Biden ist nicht gegen Israel, er repräsentiert den gemäßigten Flügel der Demokraten. Wir können wohl mehr Bemühungen in Richtung der Palästinenser für eine Zweistaatenlösung erwarten und mehr Versuche, mit dem Iran in einen Dialog zu kommen. Das Verhältnis wird nicht so geräuschlos sein wie unter Trump, aber es wird auch nicht so verräterisch und tödlich sein, wie jetzt einige vorhersagen.«

Joe Biden gilt als treuer Freund Israels, wie auch seine Stellvertreterin Kamala Harris.

Davon kann auch nicht die Rede sein. Joe Biden gilt als treuer Freund Israels, wie auch seine Stellvertreterin Kamala Harris. Selbst mit Benjamin Netanjahu, der gern als Verlierer der US-Wahl dargestellt wird, verbindet Biden eine jahrzehntelange Freundschaft.

freund »Wir sind persönlich seit fast drei Jahrzehnten befreundet«, sagte Netanjahu, als er 2010 den damaligen Vizepräsidenten Biden in Jerusalem empfing. »Und während dieser ganzen Zeit warst du mir, Israel und dem israelischen Volk ein wahrer Freund. Ich hoffe, du fühlst dich hier wohl, denn die Israelis betrachten dich als Teil der Familie«, so Natanjahu.

Biden antwortete damals, wie die Jewish Telegraphic Agency (JTA) ausgegraben hat, wie folgt: »Es stimmt, dass Premier Bibi und ich einen langen gemeinsamen Weg hinter uns haben. Vor langer Zeit, als du im israelischen Konsulat (in New York) warst, haben wir uns auf einem Parkplatz vor einem Restaurant getroffen, in dem ich mit einigen jüdischen Repräsentanten verabredet war«, erinnerte sich Biden.

»Wir wurden enge Freunde, und später habe ich dir ein Bild signiert und im Scherz hinzugefügt: ›Bibi, ich bin bei keiner deiner verdammten Äußerungen einer Meinung mit dir, aber ich mag dich.‹« Biden gilt zwar als Kritiker der Siedlungspolitik Netanjahus und sieht auch Trumps Botschaftsverlegung nach Jerusalem als schiere Symbolpolitik skeptisch, will die US-Vertretung aber am neuen Standort belassen.

Bereits im Juni 1986 sagte Biden im US-Senat: »Es ist an der Zeit, dass wir aufhören damit, uns für die Unterstützung Israels zu entschuldigen. Da gibt es absolut nichts, wofür wir uns entschuldigen müssten – gar nichts. Das sind die bestinvestierten drei Milliarden Dollar. Gäbe es kein Israel, die Vereinigten Staaten müssten es erfinden, um amerikanische Interessen in der Region zu verteidigen.«

Anstand Halie Soifer, Executive Director des Jewish Democratic Council of America, war naturgemäß stolz und glücklich. »In dieser historischen Wahl haben die Amerikaner Einheit statt Spaltung gewählt, Anstand statt Hass und Wissenschaft statt vager Annahmen« (»science over fiction«), sagte die streitbare Publizistin und Sicherheitsexpertin auf JNS.

Soifer, die auch schon Sicherheitsberaterin bei der kommenden Vizepräsidentin Kamala Harris war, weist auf einen demografisch wichtigen Punkt der Wahlen hin: »Wir sind entschlossen, mit dem künftigen Präsidenten Joe Biden die Seele unserer Nation wieder zu heilen, und wir sind ungeheuer stolz auf die überwältigende Unterstützung amerikanischer Juden, die für seinen Sieg in den heiklen Swing States gesorgt haben.«

Amerikas Juden, den Demokraten unter ihnen zumal, obliegt es jetzt, Teil des von Biden ausgerufenen Heilungsprozesses zu sein.

Dass Biden, trotz der Trumpschen Symbolpolitik für Israel, die sich in Wahrheit ja mehr an seiner Kernwählerschaft der evangelikalen Christen und deren Zerrbild vom Heiligen Land orientierte, die große Mehrheit jüdischer Wählerstimmen in den USA holte, ist in erster Linie ein Zeichen gegen den zunehmenden Rassismus und Antisemitismus während der Trump-Ägide – und keine Abstimmung über den künftigen Kurs einer künftigen US-Regierung gegenüber Israel.

Heilung Auch die wohl bedeutendste Lobbyorganisation für Israel, das American Israel Public Affairs Committee (AIPAC), gratuliert Biden und Harris »sowie allen gewählten und wiedergewählten Demokraten wie Republikanern, die Teil einer großen Pro-Israel-Mehrheit im Kongress sein werden«.

Amerikas Juden, den Demokraten unter ihnen zumal, obliegt es jetzt, Teil des von Biden ausgerufenen Heilungsprozesses zu sein. Da kann es nur helfen, dass Kamala Harris so eng verwoben ist mit ihrem jüdischen Mann und dessen Kindern.

Die haben übrigens auch den in der Familie gebräuchlichen Spitznamen der künftigen Vizepräsidentin erfunden: Momala – eine Kreuzung aus Kamala und Mamele – was auf Amerikanisch aber genauso ausgesprochen wird wie das jiddische Mamele.

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