Belgien

Steppende Krapfen

Rund und fettig: Die Sufganiot versuchen, zu tanzen. Foto: Frank Albinus

Haben Sie schon mal versucht, eine intelligente Unterhaltung mit einem Krapfen zu führen? Noch dazu, wenn er abwechselnd heult, kreischt und Sie in die Magengrube tritt? Eben. Seit ich meiner Tochter Emma dieses dusselige Krapfen‐Kostüm für die Chanukkavorführung in ihrer Brüsseler Schule genäht habe, befindet sich die ganze Restfamilie im Dauerstress. Emma meint, als Krapfen sehe sie fett aus.

Sie revoltiert gegen die krapfenfarbenen Strumpfhosen und das kunstvoll gestaltete marmeladerote Haarteil. Sie weigert sich, den kugelrunden Styropor‐Fummel anzuziehen. Und wenn man sie unter Anwendung von diversen Nahkampftechniken endlich angezogen hat, findet sie sich schließlich doch betörend im Krapfen‐Look, will den Fummel nicht mehr ausziehen und übt stundenlang dramatische Posen vor dem Spiegel.

Zugegeben, das Chanukkastück war noch nie hirnrissiger als dieses Jahr: 15 singende und steppende kleine Krapfen aus Emmas Klasse werden nach strenger Choreografie über die Bühne hüpfen und dazu einige stupide kleine Lieder zum Besten geben. Am liebsten würde ich mir während der Vorführung einen Kartoffelsack über den Kopf ziehen, um diesen Mist nicht mitansehen zu müssen.

Tränen Was zu dem Thema aus den anderen Klassen durchgesickert ist, klingt noch schlimmer: In der 4. Klasse werden ein paar rappende Ölkännchen auftreten, die Oberstufe wird ein Dutzend Kerzenleuchter in Hip‐Hop‐Formation präsentieren, und der Kindergarten entsendet wie jedes Jahr irgendein verschüchtertes Kleinkind, das »Ner Li, Ner Li« lispelt, den Rest des Textes vergisst und heulend von der Bühne geschleift werden muss.

Es steht also zu befürchten, dass die Chanukkavorführung auch dieses Jahr wieder zu einer fünfstündigen, endlos ausufernden Qual werden wird. Wenigstens gibt’s aber am Ende etwas zu essen. In der Turnhalle wird ein riesiges fett‐triefendes Buffet aufgefahren, und ich habe mich dieses Jahr freiwillig gemeldet, um vorher die Essensbons zu verkaufen. Eine geniale Idee von mir, weil ich dann früher aus der muffigen Aula entkommen kann, um mich mit meiner Handkasse vor dem Buffet zu positionieren und, wenn niemand hinguckt, schon mal vorzukosten.

Ich habe dieses Jahr keineswegs vor, stundenlang auszuharren, bis auch der letzte, hoffnungslos unbegabte, verpickelte Teenager sein Ständchen zum Besten gegeben hat. Regelmäßige Abstecher nach draußen zum Schokoriegelautomat oder zur Raucherecke sind fest eingeplant. Außerdem werde ich versuchen, zwischendurch auf dem alten Schwarz‐Weiß‐Fernseher in der Pforte heimlich The Bold and the Beautiful zu gucken.

Styropor Emma steigt schon am Vorabend der Aufführung in ihre Krapfen‐Verkleidung und beschließt, mit ihrem voluminösen Kostüm zu Bett zu gehen. Sie schläft unruhig mit dem vielen Styropor am Körper und flüchtet sich gegen drei Uhr morgens zu mir, um dort noch mal ihren Text zu üben.

Am nächsten Tag sind wir beide völlige Nervenwracks und wanken gegen 15 Uhr in die volle und überhitzte Aula. Emma platziert sich mit ihrer Klasse im Seitengang, wo sie mich genau im Blick hat, um auf ihren Auftritt zu warten.

Nach 45 qualvoll langen Minuten in Gesellschaft von diversem singenden Kleingebäck, Latkes und Dreidels versuche ich, zu einer ersten wohlverdienten Zigarettenpause zu entkommen. Doch sofort fühle ich Emmas flehenden Blick auf mir: »Mama, nicht weggehen!«, buchstabiert sie wortlos mit feuchten kleinen Augen zu mir herüber, und ich sinke gottergeben auf meinen Sitz zurück. Die Stunden vergehen, zum Glück habe ich mich in die letzte Reihe gesetzt, sodass es nicht weiter auffällt, wenn ich wegnicke und vom Stuhl falle.

Solo Endlich, endlich erklingen die ersten Töne von Emmas Krapfen‐Stück. Ich springe von meinem Sitz, um ja nichts von der zauberhaften Darbietung meiner musisch so begabten Tochter zu verpassen. Warum sitze ich bloß so weit entfernt? Welcher der kleinen Krapfen ist eigentlich Emma? Da, das muss sie sein: Ganz am Rand neben den moppeligen Krapfen steht ihre schlanke Gestalt, anmutig löst sie sich von der Schar ihrer hässlichen Altersgenossen, um mit kristallklarer Stimme ein Solo von sich zu geben.

Da zupft mich jemand am Ärmel. »Mama, ich muss Pipi«, tönt es von links unten. Es ist Emma! Sie steht überhaupt nicht auf der Bühne! Ich schlucke einen wüsten Fluch hinunter, schleife Krapfen‐Emma auf die Toilette und zurück und begebe mich dann hinter die Bühne, um mir Emmas Klassenlehrerin vorzuknöpfen.

»Emma … wird … ihren … Krapfensong … singen! Und wenn ich Sie dafür erwürgen muss!«, zische ich in ihr Gesicht. »Ja sicher … natürlich … selbstverständlich«, stammelt die Lehrerin, »könnten Sie bitte Ihren Griff um meinen Hals lockern, ich bekomme keine Luft. Danke!« Wir einigen uns darauf, dass Emma ganz am Schluss, nach allen anderen Darbietungen, noch eine kleine Solonummer zeigen wird. Die Lehrerin hat strikte Anweisung, mich auf dem Handy anzurufen, wenn es so weit ist. Inzwischen gehe ich mit Emma durch das Schultor hinüber in das kleine Café um die Ecke und bestelle heiße Schokolade mit Schlagsahne für uns beide.

Als es endlich so weit ist und das Publikum sich bereits erleichtert erheben will, um sich nebenan die Bäuche vollzuschlagen, eilen Emma und ich auf die Bühne. Ich entreiße der Lehrerin unsanft das Mikrofon und kündige Emmas Auftritt an: »Sehen Sie nun zum Schluss die fantastisch begabte Emma Edelstein in einer noch nie da gewesenen Solodarbietung! Am Ende der Nummer – und wirklich erst danach – können Sie hier vorn bei mir die Essensbons für das Buffet erstehen!« Ich grinse boshaft und wedele verführerisch mit der Rolle Essensbons. Dann lasse ich mich auf den besten Platz in der ersten Reihe plumpsen und genieße die Darbietung in vollen Zügen.

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