Brexit

Stay or leave?

Moderierte die Veranstaltung: Jonathan Arkush, der Präsident des Board of Deputies Foto: Daniel Zylberstaijn

Die Frage, ob das Vereinigte Königreich EU-Mitglied bleiben soll, ist auch für jüdische Briten ein wichtiges Thema. Der jüdische Dachverband Board of Deputies (BoD) hat deshalb das für den 23. Juni angesetzte Brexit-Referendum zum Anlass genommen, zu seiner Jahrestagung je einen Politiker der beiden Lager einzuladen.

Es ist ein warmer Sonntag, in einem wunderschönen klassizistischen Bau im schicken Londoner Bloomsbury versammeln sich die Delegierten des Verbands und einige Besucher, um über Europa zu streiten. Vorstandsmitglieder verschiedener Synagogen sitzen zusammen mit führenden Mitgliedern jüdischer Organisationen. Das Durchschnittsalter ist 60 plus. Man trägt Hemd, Krawatte und Jackett, die meisten Frauen sind in eleganten Kleidern erschienen.

Auf dem Podium stehen keine Europaflaggen, sondern man sieht den Union Jack in Form eines Davidsterns – das Logo des BoD, daneben Plakate mit Slogans wie »Britische Juden gegen Antisemitismus« und »Die Stimme des britischen Judentums«. Vor diesem Hintergrund haben die beiden Kontrahenten des Tages Platz genommen: Daniel Hannan, konservativer Abgeordneter des Europäischen Parlaments für die Region Südostengland, und Wes Streeting, Labour-Unterhausabgeordneter für den Londoner Außenstadtbezirk Nordilford. Beide sind nichtjüdisch, doch sitzt Streeting im parlamentarischen Komitee britischer Juden, und Daniel Hannan attackiert regelmäßig Gegner Israels.

Position Noch bevor es losgeht, fragt ein etwa 80-jähriger Mann mit Hörgerät seinen nicht minder betagten Nachbarn, wie dieser denn beim Referendum stimmen werde. Ohne die Antwort abzuwarten, schildert er seine eigene Position: »Für unsere jungen Leute müssen wir drin bleiben!« Die Meinung des Nachbarn: »Ich weiß nicht, ich möchte gern raus, aber ich weiß nicht, ob ich stark genug bin.«

Im sommerlichen Hemd eröffnet Hannan sein Plädoyer und versucht, dem Auditorium mit schönen Worten über Israel zu gefallen. »Die Position der EU gegenüber Israel ist willkürlich und unverantwortlich«, meint er und erzählt vom einstigen »Streben der staatenlosen Juden Europas«. Dann kommt er auf Großbritannien zu sprechen: Ginge es der EU nur um staatliche Zusammenarbeit, gäbe es die ganze Debatte nicht. Im Gegensatz zu den 50er-Jahren mache die EU wirtschaftlich heute keinen Sinn, sie sei am Schrumpfen. Die Seefahrernation Großbritannien müsse mit der ganzen Welt handeln! Es folgt Applaus. Der Mann im Publikum, der sich bisher nicht durchringen konnte, für den Brexit zu stimmen, bemerkt laut: »Großartig!«

Nun beginnt Streeting seine Gegenrede, spricht von Sicherheit durch Kooperation, von Arbeitsrecht, Umweltschutz, Menschenrechten und der Tatsache, dass es britische Anwälte waren, die Letzteres in die EU trugen. Dann zählt er rund 20 Organisationen auf, darunter die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer G20, den Internationalen Währungsfonds, die Gewerkschaften und schließt damit, dass Großbritannien in der EU stärker, größer und sicherer ist. Wieder folgt Applaus.

Fragen Nach den beiden Einstiegsreferaten dürfen neun Menschen aus dem Publikum Fragen stellen: drei, die für den Verbleib in der EU sind, drei Brexit-Befürworter und drei Unentschlossene. Ein Mann mit gehäkelter Kippa meldet sich zu Wort. Er stellt sich als Jeremy Michaelson vor und sagt, das starke Wachstum des imperialistischen Russland mache eine EU essenziell. Ein weiterer Sprecher, Bernard Silver, ein älterer Herr, Vorstandsmitglied der orthodoxen Londoner Marble-Arch-Synagoge, warnt davor, die Lektionen der Geschichte zu vergessen. Es sei ihm egal, sagt er, wie viele Wirtschaftsimmigranten vom Kontinent ins Land kämen. Was ihm wichtig sei: Er wolle nicht, dass Kinder heute, so wie er früher, lernen müssen, wie man Gasmasken aufsetzt. Europa müsse vereint bleiben, damit die Länder nicht gegeneinander Krieg führen.

Vicki Harris aus dem noblen Gartenviertel Hampstead in Nordlondon sieht es anders. Sie fragt sich, wie es weitergehen soll, wenn weiter unkontrolliert EU-Immigranten nach Großbritannien kommen. »Wir haben weder genug Wohnungen, noch Schulen und Krankenhäuser«, sagt sie. »Großbritannien sollte wie die Schweiz werden, wo man nur einreisen darf, wenn man einen Job hat.«

Dann meldet sich die Finanzexpertin Sandra Dangoor. Sie trägt einen Sticker mit den Worten »Vote Leave« an der Weste. »1975 hab ich für die EU gestimmt, weil ich in eine französische Schule gegangen bin.«

Nun sei es jedoch anders, bedauert sie. Die EU sei undemokratisch und versage in wichtigen Angelegenheiten wie der Euro-Krise und der Migrantenfrage – weil Deutschland die Fäden ziehe. Anthony Feather, pensionierter Ingenieur aus London, ist ebenfalls für den Brexit. Es sei nicht die EU, sondern die NATO und der Eurovision Song Contest, die den Frieden bewahren, meint er.

Dann geht der ältere Mann, der Daniel Hannan großartig nannte, ans Mikrofon und entpuppt sich als David Sumberg (76), der früher für die Konservativen im Europaparlament saß. Er sei bezüglich der Grenzkontrollen und der Souveränität Großbritanniens mit Hannan einer Meinung.

Abstimmung
Später werden die Zuhörer aufgefordert abzustimmen. Arme gehen hoch. Jene, die in der EU bleiben wollen, haben einen knappen Vorsprung. Aber immer noch gibt es viele, die sich nicht sicher sind.

In einer Umfrage, die die Wochenzeitung Jewish Chronicle kürzlich unter jüdischen Wählern durchführte, lagen die EU-Befürworter ebenfalls mit 49 Prozent vorn. Für den Brexit stimmten 34 Prozent, 17 Prozent waren unentschieden.

Als dieselbe Zeitung Rabbiner verschiedener Strömungen nach ihrer Meinung zum Brexit befragte, äußerten sich alle bis auf einen, der unentschieden war, für den Verbleib in der EU. Reformrabbiner Jonathan Romain hob in der Zeitung hervor, dass das Wesen der EU, die Zusammenarbeit zwischen Nationen, auch ein ethisches Prinzip des Judentums ist.

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