Kolumbien

Sonne, Meer und Gras

Mit flinken Bewegungen schüttelt Kelly Martinez den roten Fruchtsaft und füllt ihn in ein Glas. Als sie es über die Theke reicht, klingelt ihr Telefon mit einer Melodie des israelischen Musikers Eyal Golan. Martinez liebt hebräische Musik. Seit fünf Jahren verkauft die Kolumbianerin Fruchtsäfte in Taganga, einem kleinen Fischerdorf an der Karibikküste. Viele israelische Touristen besuchen den Ort auf ihrer Südamerikareise. Martinez gilt als diejenige Einheimische, die am besten mit der Kultur der Israelis vertraut ist. Die Katholikin hat von den vielen jungen Rucksacktouristen Hebräisch gelernt und spricht es inzwischen fließend. Seit einiger Zeit guckt sie sogar die israelische Fernsehshow »Eretz Nehederet« und hat Hunderte Facebook‐Freunde im jüdischen Staat. Martinez ist begeistert von den Israelis und ihrer Kultur: »Ich bin eine der wenigen im Dorf, die sie versteht.«

Reisefieber In Israel wollen fast alle jungen Männer und Frauen nach dem Armeedienst die Welt entdecken und eine Auszeit nehmen von der mitunter harten Realität im Nahen Osten. Es ist eine rund 15‐jährige Tradition, nach dem Ablegen der Uniform für mehrere Monate zu Auslandsreisen aufzubrechen. Bei vielen Israelis ist neben Indien vor allem Südamerika beliebt. In den vergangenen Jahren haben auch China und Afrika an Popularität gewonnen.

Viele israelische Touristen reisen, ohne viel Geld auszugeben. Preiswerte Übernachtungsmöglichkeiten und selbst gekochtes Essen gekoppelt mit dem Verzicht auf kostspielige Freizeitaktivitäten schonen die Urlaubskasse. In Südamerika beginnen die meisten, je nach Jahreszeit, entweder im Norden oder im Süden des Kontinents und bereisen während mehrerer Monate verschiedene Länder. Kolumbien, das noch vor einem Jahrzehnt nur mit Entführungen, Gewalt und dem Drogenbaron Pablo Escobar in Verbindung gebracht wurde, zieht dank der merklich verbesserten Sicherheitslage zunehmend Touristen an.

Chuzpe Das 4000‐Seelen‐Dorf Taganga ist Ausgangspunkt für verschiedene Outdoor‐Aktivitäten in der Region. Neben den Tauchschulen zieht es die Touristen in den Tayrona‐Nationalpark und zu der vor einigen Jahrzehnten wiederentdeckten antiken Stadt Ciudad Perdida. Der Trend, dass Israelis nach Taganga kommen, hat 1999 begonnen. »Am Anfang waren es einige wenige Outdoor‐Abenteurer, dann ist die Zahl der Israelis im Dorf deutlich gestiegen. Im Frühjahr 2003 stellten sie rund 80 Prozent aller Touristen«, sagt Ursula Martinez Carcia von der lokalen Información Turistíca Thui. In den vergangenen Jahren hat bei ihnen die Beliebtheit des Dorfes etwas abgenommen, weiterhin fasziniert die Israelis jedoch die Kombination von Abenteuer und Spaß. Bis 2009 reisten sie vorwiegend in geschlossenen Gruppen. »Seit etwa einem Jahr haben sie vermehrt auch mit anderen Reisenden Kontakt, etwa mit Europäern«, ist Carcia aufgefallen.

Juleidys Conzalez vom lokalen Reiseveranstalter »Sierra Tours« findet, dass sich die israelischen von den anderen Touristengruppen stark unterscheiden. »Sie sind offener und kommunikativer als Europäer. Ihre Kultur ist mit der lateinamerikanischen vergleichbar«, sagt sie. Während etwa Deutsche oder Engländer Tourguides anheuern und Reiseführer lesen, verlassen sich die Israelis ausschließlich auf Mundpropaganda. Und wenn sie eine Tour buchen wollten, bewiesen sie immer auch eine anständige Portion Chuzpe: »Israelis kümmern sich kaum um Öffnungszeiten. Wenn sie sehen, dass nach Feierabend noch jemand im Büro sitzt, treten sie einfach ein«, amüsiert sich Conzalez.

Drogen Neben seinen Tauchschulen ist Taganga auch für die leichte Verfügbarkeit von Drogen bekannt. Unter den Urlaubern gibt es Israelis, die der Versuchung nicht widerstehen können. Einige, die bis kurz vor der Reise noch im Tarnanzug steckten, wollen abschalten. Haschisch und andere Rauschmittel werden unter den Augen der lokalen Polizei verkauft, die sich am Handel im kleinen Stil nicht zu stören scheint.

Für Omri Dover aus Beer Sheva sind Drogen jedoch kein Thema. Seit acht Monaten trekkt er auf dem südamerikanischen Kontinent umher, hat unterdessen fast jedes Land besucht und ist noch immer voller Tatendrang. Wie beinahe alle Israelis wollte auch er nach dem Militärdienst vor allem ausspannen und Neues entdecken. »Während der drei Jahre in der Armee konnte ich kein einziges Mal verreisen. Jetzt habe ich endlich die Möglichkeit dazu«, sagt der 24‐Jährige.

Am Anfang seiner Reise war Omri allein unterwegs. Er steuerte deshalb oft Ziele an, wo er Landsleute treffen konnte. »Es gibt in Südamerika überall Orte, die hauptsächlich von Israelis besucht werden«, sagt er. Alle seien nach der Armeezeit und vor dem Studium im gleichen Lebensabschnitt, verfolgten ähnliche Ziele. Mit Gleichgesinnten zu reisen gebe ihm ein gewisses Sicherheitsgefühl, sagt Omri. Außerdem könne er mit ihnen Hebräisch sprechen, das sei weniger anstrengend als sich auf Englisch oder Spanisch zu unterhalten. »Ab und zu bin ich bewusst an Orte gegangen, die mir Freunde empfohlen hatten, etwa in Chabad‐Häuser. Manchmal wollte ich aber auch von allem Israelischen Abstand nehmen und wählte meine Reiseroute und die Hostels dementsprechend anders«, sagt er.

Roy Hershkovicz, ein anderer junger Israeli, erzählt, er habe zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, tun zu können, was er wolle. »In ein paar Wochen gehe ich zurück nach Hause. Dort werde ich dann mein Studium beginnen. Doch zuerst genieße ich die verbleibende Zeit hier im Fischerdorf, wo ich mich ausruhen, an die Strände gehen und über das Leben nachdenken kann«, schwärmt er.

Roy und Omri schauen auf das Meer und betrachten den Sonnenuntergang. »Einerseits freue ich mich, zurückzukehren nach Israel, wo ich meine Freunde und die Familie habe«, sagt Omri. Andererseits sei die Reise ein Traum, der bald zu Ende sein werde. »Gerne möchte ich wieder einen so unvergesslichen Trip machen, aber vielleicht nicht mehr ganz so lang«, fügt er schmunzelnd hinzu und bestellt bei Kelly Martinez einen weiteren Fruchtsaft.

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