Türkische Juden

»Sie behalten ihre Meinung für sich«

Herr Peretz, Sie haben mit »Arkadasch« eine Organisation für Israelis mit türkischen Wurzeln gegründet. Was haben Sie nach dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei aus den jüdischen Gemeinden vor Ort gehört?
Jedes Mal, wenn es Spannungen zwischen Israel und der Türkei gibt, wie den Streit um die Mavi Marmara oder den zweiten Libanonkrieg, gibt es eine neue Einwanderungswelle von türkischen Juden nach Israel. Aber dieser Putschversuch betrifft nicht die Juden speziell, sondern alle Türken. Deswegen habe ich das Gefühl, dass dieser Machtkampf die jüdische Gemeinschaft nicht mehr beeinflussen wird als alle anderen Bürger der Türkei.

Wie berurteilen Sie die politische Entwicklungen in der Türkei? Haben Sie Angst vor einer Islamisierung?

Das ist schwer zu sagen. Wenn sich die Türkei zu einem totalitären, faschistischen, unerträglichen Staat entwickelt, dann werden sicherlich auch viele säkulare Türken auswandern wollen, weil sie dort keine Zukunft für sich und ihre Kinder sehen. In dieser Hinsicht haben es die türkischen Juden sogar besser als die nichtjüdischen Türken, denn sie können nach Israel auswandern.

Wie intensiv ist Ihr Kontakt mit der jüdischen Gemeinde in der Türkei? Was hören Sie an politischen Einschätzungen?
Ich spreche regelmäßig mit dem Oberrabbiner und den Vertretern der jüdischen Gemeinden in der Türkei, aber sie halten sich mit politischen Meinungen sehr zurück. Und das ist auch kein Wunder, denn die Türkei ist kein allzu demokratischer Staat mit einer eher intoleranten Führung, und die hört nicht gerne Kritik.

Wie oft sind Sie selbst in der Türkei?
Zuletzt war ich vor einem Monat dort. In Istanbul gehe ich gerne in die Synagogen »Etz Hachajim« und »Neve Schalom«. In der Türkei leben nur noch etwa 15.000 Juden, aber am Freitagabend in Izmir, wo mein Vater geboren ist, waren neulich 100 Beter in der Synagoge, es war richtig voll. Ganz anders als in Israel!

Wie würden Sie die Arbeit Ihrer Organisation in Israel beschreiben?
Wir haben ein Kulturzentrum in Jehud gegründet, dokumentieren Lebensgeschichten türkischer Einwanderer und pflegen unser kulturelles Erbe, vor allem das Ladino. Und wir organisieren gesellschaftliche Aktivitäten für Einwanderer aus der Türkei, die in den 50er-Jahren nach Israel kamen.

Die Türkei war einmal ein beliebtes Urlaubsziel für Israelis ...

Ja, es gab Zeiten, in denen eine halbe Million Israelis pro Jahr in die Türkei reisten. Danach gab es massive Einbrüche. Aber trotz des jüngsten Versöhnungsabkommens zwischen Israel und der Türkei von vor drei Wochen sehe ich keine Rückkehr zu den alten Zeiten. Der Terroranschlag auf den Flughafen in Istanbul, der Putschversuch und Erdogans harte Reaktion werden kaum dazu führen, dass Touristen sich in der Türkei jetzt sicherer fühlen.

Mit dem Gründer der Organisation »Arkadasch« sprach Ayala Goldmann.

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