USA

Sakrileg oder Segen?

Über dem Eingang des Gebäudes im New Yorker East Village steht »Congregation Ahawath Jeshurun Shara’a Torah«. Die Fassade sieht aus wie eine gewöhnliche Synagoge aus der Jahrhundertwende, nur die bunten Glasscheiben in der Eingangstür und die Wandmalereien daneben lassen erahnen, dass hier keine Gottesdienste mehr stattfinden. Tatsächlich zog die orthodoxe Gemeinde bereits 1977 nach Brooklyn. Zwei Jahre später wurde die Synagoge neue Heimat eines Stadtteilzentrums, das Bedürftige mit Lebensmitteln beliefert, über gesunde Ernährung aufklärt und Programme für Schüler anbietet.

»Das Gebäude war eine Bruchbude, als wir einzogen«, erinnert sich der Geschäftsführer des Zentrums, Howard Brandstein. »Es gab weder Heizung noch Warmwasser, und eine Wand war eingestürzt – aber wir haben das Gebäude vor dem Abriss bewahrt.« Brandstein ist selbst Jude, bezeichnet sich aber als »nicht religiös«. Es sei ihm wichtig gewesen, die jüdischen Elemente in der Struktur zu erhalten, sagt er. »Wir sind stolz auf die historischen Wurzeln des Gebäudes.«

Bei der Feier zum 35-jährigen Jubiläum des Zentrums übergab er dem Großneffen des letzten Gemeindevorsitzenden eine Marmorfliese aus dem Fußboden. »Der war gerührt und wünschte uns alles Gute«, erinnert sich Brandstein. »Das liebe ich am Judentum«, sagt er: »die Freude über den Erhalt von Werten wie dieses traditionsreichen Gebäudes. Den chassidischen Großneffen schien es nicht im Geringsten zu stören, dass wir mittellosen Puerto Ricanern helfen. Was zählt, ist der Nutzen für die Gemeinschaft.«

Entweihung Nicht immer verläuft der Übergang so reibungslos. »Immobilienentwickler, die sich historischer Kirchen- und Synagogengebäude annehmen, sehen sich mit dem Vorwurf der Entweihung, hohen Restaurierungskosten und architektonischen Problemen konfrontiert«, sagt Bob Jaeger. Er ist Direktor von »Partners for Sacred Places«, einer Organisation, die dabei hilft, verlassene Bethäuser alternativ zu nutzen. Noch überwiegen die religiösen Umwidmungen, sagt der ausgebildete Denkmalpfleger, aber die Zahl der nichtreligiösen Zwecke steigt: »Von der Bibliothek bis zur Kletterwand ist alles möglich«.

Ungenutzte Kirchen und Synagogen gehören mittlerweile zum Straßenbild vieler amerikanischer Städte. Mehr als die Hälfte aller Bethäuser in ärmeren städtischen Gebieten haben in den letzten 70 Jahren aufgrund demografischer Veränderungen, schrumpfender Gemeinden und einer kontinuierlichen Stadtflucht ihre Besitzer gewechselt oder sind schlicht aufgegeben worden. Eine Kirche oder eine Synagoge zu verlassen, ist schmerzhaft. Doch ein zu langer »Todeskampf« kann dazu führen, dass notwendige Reparaturen aufgeschoben werden. Dann verfällt das Gebäude, es wird Objekt für Brandstiftung und Vandalismus und schließlich abgerissen.

Billigmärkte Ellen Levitt, Lehrerin aus Brooklyn, hat in ihrer Trilogie The Lost Synagogues of New York City die Geschichte von rund 300 »verlorenen« Bethäusern dokumentiert. Sie zeigt Synagogen, die leer stehen, zu Kirchen oder buddhistischen Tempeln umgewidmet wurden; andere beherbergen inzwischen Billigmärkte, Museen oder Veranstaltungsorte. »Ich finde es wichtig, die Veränderung anzuerkennen und die Erinnerung an das Verlorene zu bewahren«, erklärt Levitt ihre Motivation. Eigentlich hatte sie nur herausfinden wollen, was aus der Synagoge ihrer Kindheit geworden ist. Doch dann war sie von dem Thema so fasziniert, dass erst eine Fotoausstellung und dann eine Buchserie daraus wurde.

Nicht alle teilen Levitts Begeisterung. »Einige Leute äußern Unverständnis über den Wegzug der Juden, andere finden das Thema deprimierend, und manche reagieren mit offener Ablehnung. Sie sind der Meinung, dass ich die Christen glorifiziere oder deren Sieg zeige.« Levitt kann die Empörung nicht verstehen: »Viele Synagogen wurden abgerissen und zu Parkflächen eingeebnet. Ich zeige, dass es auch anderes gibt. Ich finde es viel trauriger, leer stehende, heruntergekommene Synagogen zu sehen als solche, die – wenn auch zu einem anderen Zweck – weiter genutzt werden.«

Baptisten Den größten Teil der Umwidmungen macht in der Tat die Umwandlung von Synagogen in Kirchen aus. Ein prominentes Beispiel dafür ist der (inzwischen abgebrannte) »K.A.M. Isaiah Israel Temple« in Chicago, der 1890/91 errichtet wurde. Als die Juden nach dem Ersten Weltkrieg das Viertel verließen, bezog eine Baptistengemeinde das Gebäude. Heute gilt es als Geburtsstätte des Gospels, während der Blütezeit der Bürgerrechtsbewegung hat Martin Luther King jr. dort seine weltberühmten Reden gehalten. »Bis heute haben beide Gemeinden ein gutes Verhältnis zueinander«, sagt der Archivar Mark Mandle.

Einzigartig ist auch die Geschichte der »Congregation Shearith Israel« in Atlanta: Die Gemeinde, die ursprünglich im südlichen Stadtzentrum zu Hause war, kaufte in den 20er-Jahren ein Gebäude, das einige Jahre zuvor dem Ku-Klux-Klan gehört hatte. Von Charles L. Fowler 1917 als Lanier-Universität gegründet, übernahm der Klan 1921 das Gebäude, um dort eine Hochschule einzurichten – »vermutlich, um rassistische Ideen zu lehren«, sagt Rabbiner Hillel Norry. Der Klan gab die Nutzung des Gebäudes jedoch bereits nach einem Jahr wieder auf. Danach stand es eine Weile leer.

»Heute lernen dort jüdische Kinder Judentum und Tora – ein Albtraum für den Ku-Klux-Klan«, sagt Gemeindepräsident Ed Jacobson und lacht. Da das Gebäude lange leer stand und der Klan seit Jahren weg war, sah die Gemeinde in den rassistischen Vornutzern für sich kein Problem. »Mit dem feierlichen Einzug der Tora in das Gebäude und einem Festessen war die Synagoge eingeweiht«, erklärt Rabbiner Norry das religionstechnische Ritual der Umwidmung.

Der umgekehrte Weg, die Umwandlung einer Kirche oder eines sonstigen Gebäudes in eine Synagoge, ist seltener. Der ungewöhnlichste Fall dürfte sicherlich das neue Gebäude der Gemeinde »Or Hadash« in Sandy Springs sein: Das moderne Synagogengebäude war früher eine Autowerkstatt.

Alija

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