USA

Russische Seele

Ein Stück Russland ohne Putin: In Brighton Beach am Rande von New York leben Zehntausende Menschen aus der früheren Sowjetunion. Foto: Daniel Rosenthal

Alex Varum (35) kam vor 27 Jahren aus Russland nach Amerika. Damals war er acht. In Kalifornien aufgewachsen, spricht er Englisch wie ein Einheimischer – viel besser als Russisch – und fühlt sich durch und durch als Amerikaner. Warum aber besucht er dann ein Wochenendseminar für russischsprachige Juden? Von den anderen jungen Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, die an der Diskussionsrunde teilnehmen, haben viele ebenso wenig persönliche Bindungen an die alte Heimat wie er. »Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich nicht zur amerikanischen jüdischen Gemeinschaft gehöre«, sagt Varum. »Ich fühle mich nicht russisch – ich bin Amerikaner. Aber ich identifiziere mich nicht mit dem amerikanischen Judentum.«

Für viele russischsprachige Juden in den USA gilt das Gleiche. Über eine halbe Million von ihnen lebt in Städten zwischen New York und Seattle. Sie gehören den unterschiedlichsten religiösen Strömungen, Einkommensniveaus und Berufsgruppen an. Doch auch jene, die als Kinder nach Amerika kamen und kaum noch Russisch sprechen, fühlen Distanz zur jüdischen Gemeinschaft, die ihnen monolithisch, mächtig und unerreichbar erscheint.

Identität »Unser Begriff von Jüdischsein ist eher ethnisch als religiös«, erklärt der 30‐jährige Mark Khmelnitsky. Der Rechtsanwalt lebt seit seinem 16. Lebensjahr in den USA. »Bei amerikanischen Juden geht es mehr darum, was man macht, weniger darum, was man ist. Ich weiß, dass ich jüdisch bin – und was jetzt?« Diese Frage hat Varum, Khmelnitsky und 80 andere junge Berufstätige veranlasst, aus New York und der Gegend um San Francisco anzureisen, um an einem Wochenendseminar über Führungskompetenz und Identität für russischsprachige Juden teilzunehmen, das im kalifornischen San Rafael stattfindet.

Vor fünf Jahren begann die Jewish Agency of Israel damit, den Kontakt zu dieser zweiten Generation zu suchen. Sie sandte junge russischsprachige Mitarbeiter nach New York, Toronto und San Francisco, die helfen sollen, Brücken zur jüdischen Gemeinschaft zu bauen. In den drei Städten leben große russischsprachige Bevölkerungsgruppen. Eine schwierige Herausforderung, gesteht Anna Vainer, eine der drei New Yorker Emissäre und Mitorganisatorin des Wochenendes. »Es gibt sehr wenige Möglichkeiten, diese Gruppe zu erreichen: keine Synagoge, keine Ferienlager, keine jüdischen Schulen.«

gemeinschaftsgefühl Selbst diejenigen, die in den Vereinigten Staaten aufgewachsen sind, reden von »amerikanischen Juden« wie von etwas, was mit ihnen nichts zu tun hat. »Bei den jungen amerikanischen Juden spielt das gemeinsame Ausgehen eine große, gemeinschaftsstiftende Rolle. Bei den jungen Russen zieht dieses Modell nicht«, sagt Vainer. Ihre Kollegin Alexandra Belinski, Emissärin bei der Jewish Agency in San Francisco, sieht das genauso: »Es gibt etwas in der russischen Mentalität, das tiefer gehen möchte. Sie sind russisch aus dem Inneren heraus, sogar diejenigen, die nicht besonders gut Russisch sprechen.

»Die Amerikaner haben den Luxus, dass sie machen können, wozu sie Lust haben. Aber wir sind Einwanderer, wir haben diesen Luxus nicht«, brachte es eine junge Frau aus San Francisco auf den Punkt. »Wir werden Ingenieure, Ärzte, Rechtsanwälte.« In dieser Bevölkerungsgruppe jonglieren viele mit zwei, drei, ja vier Identitäten – und ebenso vielen Pässen. Beinahe ein Drittel von ihnen hat in Israel gelebt. Die meisten haben Familie dort. Einige haben immer noch Verwandte in der ehemaligen Sowjetunion.

Ihre Verbundenheit mit Israel ist tief. Sie alle haben persönliche Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht, und allen gemeinsam ist, dass sie eingewandert sind, zwischen zwei Welten leben. »Auf eine Weise sind wir heimatlos«, erklärt Khmelnitsky. Er ist kürzlich von New York nach San Francisco umgezogen. »Ich fühle mich nicht besonders amerikanisch. Israel ist der Ort, wohin es mich hätte verschlagen können, und vielleicht wird es mich auch noch dorthin verschlagen. Deshalb habe ich eine sehr gute Meinung von dem Land. Amerikanische Juden sind bereits zu Hause. Sie dürfen im Abseits stehen und Kritik üben.«

Nur ganz wenige Führungspositionen in jüdischen Organisationen sind mit Menschen aus dieser zweiten Generation besetzt, obwohl viele, die in Amerika aufwuchsen, religiöse Schulen besuchten. »In New York hat bislang niemand aus dieser Gruppe eine wirklich wichtige Position inne«, berichtet Vainer. Der Grund dafür liegt nicht darin, dass sie die organisierte jüdische Gemeinschaft ablehnen. Ganz im Gegenteil. Sie wissen nicht, wie sie Zugang zu ihr finden können. Oder sie haben kein Bedürfnis, sich anzuschließen.

Perspektiven Eines der Ziele des Wochenendseminars besteht darin, an dieser Perspektive etwas zu verändern. Lev Weilsfeiler, der im Alter von 22 nach Amerika kam, sagt, er habe nie einer jüdischen Gemeinde oder Organisation angehört. »In Russland brauchte man als Jude keine äußerlichen Zeichen der Zugehörigkeit. Es war selbstverständlich«, sagt er. Jetzt, da seine Tochter 13 Jahre alt ist, möchte er Instrumente entwickeln, wie er seine jüdische Identität ausdrücken kann, um sie an seine Tochter weiterzugeben.

Die Suche nach einem Weg, der in die Gemeinschaft hineinführt, bedeutet aber nicht, dass die russischen Einwanderer nicht ein tiefes Gefühl haben, wer sie sind und woher sie kommen. Die Vorstellung, sie »entdeckten« ihre jüdische Identität, scheint vielen von ihnen fremd, ja lächerlich. Sie sind jüdisch, weil sie jüdisch sind, sagen sie. Was ihnen fehlt, ist Judentum. »Das ist etwas, was mich wirklich interessiert«, sagt Luba Prager. Im Zuge einer Veranstaltung der Jewish Agency hat sie vor Kurzem ihre erste Israelreise unternommen. Wenn sich Einzelne doch in jüdischen Organisationen engagieren, wenden sie sich oft an jene, die sie bereits kennen.

Bei einer Gemeindegala für Einwanderer, veranstaltet von den »San Francisco for Jewish Family and Children’s Services« (JFCS), die sich um die Integration der 45.000 neuen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion in der Stadt kümmern, war ein Fünftel der insgesamt 70 festlich gekleideten Besucher jünger als 35. Sie genossen nicht nur den Kaviar und tanzten mit den Älteren Hora, sondern halfen auch, Geld für die Organisation zu beschaffen, und spendeten selbst.

Selbstbewusstsein Nach Angaben von Gayle Yahler, der stellvertretenden Leiterin der Jewish Family and Children’s Services, war es der größte Prozentsatz junger Leute auf einer Gala seit neun Jahren. Ihre Anwesenheit spiegele das gewachsene Selbstbewusstsein der jüngeren Generation ebenso wie ihren wachsenden Willen wider, etwas zurückzugeben. »Meine Großmutter geht zum L’Chaim Center«, sagt Yelena Frid (26), stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses für junge Erwachsene als Führungskräfte. Sie stammt aus Odessa. Das Center ist ein Gesellschaftszentrum für russischsprachige Senioren. »Diese Menschen haben einen Teil ihrer Zeit geopfert, um mein Leben besser zu machen. Jetzt haben wir die Aufgabe, etwas davon zurückzugeben.«

Die jungen Menschen, die das Wochenende oder den Galaabend besuchen, wissen nicht, ob ihre Kinder eines Tages Russisch sprechen werden und in der Lage sind, Puschkin zu würdigen. Doch weil sie nicht das Gefühl haben, zur etablierten amerikanischen jüdischen Gemeinschaft zu gehören, aber ihre eigene Stärke spüren, wollen sie endlich selbst etwas aufbauen.

»Es gibt von uns einen soliden Grundstock, eine Gemeinschaft, die die gleiche Sprache spricht und über eine ganz eigene Lebensweise verfügt«, sagt die 32‐jährige Veronica Price aus New York. »Wir sind eine Gemeinde, eine relativ starke Gemeinde. Wir können andere Gemeinden lehren, ihre Identität zu finden.«

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