USA

Risse im Denkmal

Barack Obama war von 2009 bis 2017 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Foto: Flash 90

Der Mann, der am 4. August 60 Jahre alt wurde, gilt vielen in Deutschland, Europa, Asien oder den USA mehr als Heilsbringer denn als Politiker. Wohl kaum ein Staatsmann hat in den vergangenen Jahrzehnten große Teile der Welt so für sich eingenommen wie Barack Obama. Der Politiker ist eine Ikone all derer, die für sich in Anspruch nehmen, in irgendeiner Form progressiv zu sein. Doch wenn es um die Nahostpolitik im Allgemeinen und Israel im Besonderen geht, dann bekommt das Denkmal Risse.

Obama und Israel: Das Thema treibt den 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten schon selbst um, schließlich ist der Jubilar mit Sicherheit einer der brillantesten intellektuellen Köpfe seines Landes. Mag er auch als Politiker so manchem etwas vorgemacht haben, ihm selbst macht man nur schwerlich etwas vor.

Nur fünf der 13 kritischen Fragen zu seinem Verhältnis zu Israel wollte er beantworten.

Das gilt vor allem für sein Verhältnis zu Israel und Amerikas Juden. Der Anwalt und Politikwissenschaftler, der mit seinem Charme, seiner literarischen Eloquenz und seiner Geschichte als Sohn eines afrikanischen Studenten, der es ins wichtigste Staatsamt der Welt geschafft hatte, die Menschen verzücken konnte, erinnert sich in seiner Autobiografie A Promised Land, dem ersten Teil seiner Bestandsaufnahme zweier Amtsperioden als Präsident, an die Probleme in seinem ersten Wahlkampf ums Weiße Haus.

»Diffamierungskampagne« Obama schreibt, er sei Adressat einer »Diffamierungskampagne«, die ihn während seiner Kandidatur im Jahr 2008 als »nicht hinreichend unterstützend beziehungsweise feindlich gegenüber Israel« dargestellt habe.

»Am Wahltag holte ich dann mehr als 70 Prozent der jüdischen Stimmen, doch in den Augen vieler AIPAC-Vorstände war ich weiterhin verdächtig, ein Mann mit zwiespältigen Loyalitäten, jemand, dem man nicht trauen konnte – wie ein Freund (von David Axelrod, Obamas Wahlkampfchefstratege und späterer Berater; Anm. d. Red.) es bildhaft formulierte.« Obama zitierte hier den jiddisch-englischen Ausdruck »felt in his kishkes« – also das Bauchgefühl.

Im Frühsommer dieses Jahres, als der »Jewish Insider« das erste Interview einer jüdischen Publikation mit Obama führte, seit er 2017 das Weiße Haus verlassen hatte, wollte der Ex-Präsident auf diese Äußerung und die Spannungen, die sie schilderte, nicht eingehen.

klischees Seine Intelligenz, Kishkes oder Kopf, muss ihm beigestanden haben, derlei Spiele mit antisemitischen Klischees wie den zwei Loyalitäten und gleichzeitigem Eindreschen auf AIPAC (American Israel Public Affairs Committee), der wichtigsten Lobbyorganisation für Israel in den USA, nicht wiederholen zu wollen. Obama beantwortete nur fünf der 13 eingereichten kritischen Fragen zu seinem Verhältnis zu Israel und Amerikas Juden.

Der so von seiner Moral und Ratio gespeiste Obama, ein Mann klarer Gedanken, gerät in geradezu krude intellektuelle Turbulenzen, wenn es um seine Inkarnation einer Antipathie geht – Benjamin Netanjahu. In seinem Buch beklagt er, Israels damaliger Premierminister habe mit »orchestrierten« Aktionen versucht, die Obama-Administration in die Defensive zu bringen »und mich daran zu erinnern, dass normale politische Differenzen mit einem israelischen Premierminister hohen einheimischen Tribut forderten«.

Und weiter heißt es: Netanjahus »Vision, der wahre Verteidiger des jüdischen Volkes gegenüber allen Kalamitäten zu sein, erlaubte ihm, beinahe jede Maßnahme zu rechtfertigen, im Amt zu bleiben«.

unterstützer Es ist dieser seltsam emotional verstellte Blick auf Israel und dessen Unterstützer in den USA, der dem sonst so sehr der Analyse und dem Verstand verhafteten Obama ja nicht einfach entgleitet, sondern den er in seinem Buch wiedergibt, das gewiss Dutzende von Lektoratsrunden durchlaufen hat und bei dem nichts dem Zufall überlassen wurde. Dieser Blick hat etwas beängstigend Kampagnenhaftes.

So bedauert Obama, im O-Ton, dass Politiker, »die Israels Politik zu lautstark kritisieren, riskierten, als ›anti-israelisch‹ (und womöglich antisemitisch) abgestempelt zu werden und bei der nächsten Wahl einem finanziell gut ausgestatteten Gegner gegenüberzustehen«.

Auch diese klischeebehafteten Aussagen – man darf nichts Kritisches zu Israel sagen, dessen (jüdische) Lobby stellt einem sonst politische Gegner in den Weg – beleidigen eigentlich Obamas Intelligenz. Oder sie sind einfach ein Zeichen dafür, dass es ihm in Nahost in der Tat für Israel an Empathie fehlte und seine Außenpolitik recht wenig von all dem Glanz abbekam, den er als Moralist und Weltenretter im Weißen Haus sonst zu versprühen pflegte.

»Pro Israel und pro-jüdisch zu sein, ist für mich eine Verpflichtung.«

Barack Obama

Die Fehler in der Irakpolitik, der verhängnisvolle Atomdeal mit dem Iran, die überschrittenen roten Linien in Syrien, der Libyen-Einsatz und die berüchtigte UNO-Resolution gegen jüdische Siedlungen, die die Obama-Regierung passieren ließ – all diese Fehltritte zeigen überdeutlich, dass Barack Obama keine Lichtgestalt war, sondern auch nur ein fehlbarer Politiker.

2014 sagte er in einem Interview: »Für mich sind meine Haltung, pro Israel und pro-jüdisch zu sein, Teil und Verpflichtung der Werte, für die ich seit Beginn meines politischen Bewusstseins und dem Beginn meines politischen Weges gekämpft habe.«

Wünschen wir ihm zu seinem 60. Geburtstag, dass er dieses politische Bewusstsein nun also bald wiedererlangen möge.

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