jemen

Rettung unerwünscht

Am Himmel dröhnen MiG‐Kampfflugzeuge. Panzer rollen über die Landstraßen. Jeden Abend zeigt das Fernsehen Bilder von Soldaten, die ihre Geschütze laden und auf Stellungen in den Bergen feuern. 150.000 Menschen sind mittlerweile vor dem Bürgerkrieg im Norden des Jemen auf der Flucht, zehntausende haben sich in die Provinz Amrah gerettet. Sie hausen in Zelten oder sind notdürftig bei Verwandten untergekommen. Bewaffnete auf Pick‐ups patrouillieren durch die Straßen, nachts ist von Ferne das Geknatter von Maschinengewehren zu hören.

Seit Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh im letzten August den Feldzug »Verbrannte Erde« gegen die schiitischen Houthi‐Rebellen ausgerufen hat, ziehen die Gefechte immer größere Landstriche in Mitleidenschaft. So auch Raydah, das neben der Provinzhauptstadt Amrah zu den größten Ortschaften der bergigen Region zählt. Hier leben noch rund 20 jüdische Familien, insgesamt etwa 250 Menschen. Die einen wohnen im Stadtkern, die anderen einige Kilometer östlich in der Siedlung Beth Harash – die beiden letzten angestammten Wohnorte von Juden im Jemen. Den Wein für den Schabbat keltern sie noch selbst. Hinter einer grünen Eisentür mit der hebräischen Aufschrift »Das Tor zum Segen« liegt die Synagoge, ein bescheidener Flachbau aus groben Steinen. In der Zwergschule nebenan mit zwei Klassenräumen lernen die Kinder Hebräisch – getrennt nach Jungen und Mädchen. Eine Gaslampe hängt von der Decke. Zwei in festes, braunes Leder eingebundene Toraausgaben liegen auf den Schulbänken.

evakuiert Die dritte noch verbliebene jüdische Gemeinde mit ihren sieben Familien wurde bereits vor drei Jahren aus der Provinz Saada ganz im Norden in die Hauptstadt Sanaa evakuiert. »Die Houthis ließen uns keine Wahl. Sie gaben uns zehn Tage Zeit, um zu verschwinden. Sonst würden sie uns kidnappen und ermorden«, erinnert sich Rabbi Yahya Yusuf Musa. Nach Israel oder in die USA auswandern wollen er und seine 66 Mitvertriebenen jedoch nicht. »Wir sind hier geboren, der Jemen ist unsere Heimat«, sagt der 31‐Jährige, dessen Familie vom Staat eine kleine monatliche Sozialunterstützung bezieht. »In Sanaa können wir sicher und in Frieden leben.« Untergebracht sind alle in der sogenannten Tourist City, einem mit hohen Mauern gesicherten Apartmentkomplex für Ausländer direkt neben der amerikanischen Botschaft.

Ähnlich denken auch die meisten Juden im 70 Kilometer entfernten Raydah, obwohl Einschüchterungen durch muslimische Jugendbanden, Angriffe mit Steinen und Brandflaschen auf ihre Häuser, schließlich der Mord an dem Familienvater Moshe Yaish al‐Nahari im Dezember 2008 und jetzt der offene Krieg die kleine Gemeinde zunehmend zermürbten. In den vergangenen sechs Monaten sind drei Familien ausgewandert, die übrigen sind hin‐ und hergerissen zwischen ihrer Liebe zur Heimat und ihren Zweifeln. »Ich habe jedes Mal Angst, wenn die Männer auf dem Markt einkaufen gehen«, sagt Masal Jehuda Jacob Halla, Mutter von neun Kindern und Frau von Rabbi Suleiman Jacob, einem der vier Gemeindeleiter.

Ihr Mann hat ein freundliches, rundes Gesicht. Über die muslimischen Nachbarn will der 41‐Jährige nichts Schlechtes sagen. »Wir lachen zusammen, wir leben zusammen, wir spielen zusammen«, schmunzelt er. »Und wir katten zusammen.« Vier, fünf Stunden sitzen die Männer dann beieinander, kauen die grünen Blätter der jemenitischen Volksdroge Kat und palavern über die Probleme der Welt und der Nachbarschaft. »Wenn es eben geht, möchten wir gerne bleiben«, sagt er.

freiflüge Immer wieder waren in den vergangenen Jahren jüdische Emissäre aus Israel, Großbritannien und den USA zu Gast, um auch die Letzten zum Auswandern zu bewegen. 750.000 Dollar sind dafür gesammelt worden, was Yusuf Yaish, den anderen Rabbiner der Gemeinde, erbost. »Diese Hilfe schadet uns«, kritisiert er. Das Geld aus Amerika wäre besser ausgegeben, um die Gemeinde im Jemen zu unterstützen und zu erhalten. »Wir brauchen Schulen, wir brauchen Geld für die Hochzeiten.« Die Oneway‐Freiflüge nach Amerika aber, schimpft er, »das muss aufhören«.

Die Organisatoren in den Vereinigten Staaten hören das nicht gerne. Sie sind überzeugt, dass die Juden im Jemen endlich den Realitäten ins Auge blicken müssen. »Es ist dort sehr gefährlich geworden«, erklärt Yair Yaish, Präsident des jemenitsch‐jüdischen Verbandes in einem Interview mit der BBC. »Wir tun alles, um auch noch die letzten Juden aus dem Land herauszubekommen.«

Einer, der sich zur Auswanderung entschlossen hat, ist Shaukat Khani. Vor vier Monaten kamen er und seine Frau mit ihren neun Kindern in New York an. »Im Jemen gibt es einige ignorante Leute – Muslime, die uns diskriminiert haben«, klagte er gegenüber einem Reporter der BBC. Die Lage sei zunehmend unsicher geworden, der Alltag immer schwieriger. Das neue Leben in Amerika dagegen hat es ihm angetan: »Hier gibt es viele Juden, hier gibt es Schulen für unsere Kinder und hier gibt es Hospitäler für unsere Kranken.« Für den Jemen dagegen sieht er schwarz. Der Alltag werde immer schwieriger – »und unser Leben dort war einfach nicht mehr sicher«.

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