olympia

Ready, steady, go!

Foto: Reuters

Vancouver ist bereit: Jüdische Athleten und Touristen aus aller Welt können kommen. »Wir haben nur einmal im Leben die Gelegenheit, an so einem Ereignis teilzunehmen und unsere Gemeinde und unsere Stadt vorzustellen, auf die wir stolz sind«, sagt Bernard Pinsky, der frühere Präsident der Jewish Federation of Greater Vancouver. Am Sonntag wird Israels Olympiateam empfangen werden: Das ist einer der Höhepunkte des Gemeindelebens während der Winterspiele, die am Wochenende beginnen.

»Feuert die israelischen Olympioniken an«, ruft der jüdische Dachverband seine Mitglieder auf. Wer bei Wettkämpfen als freiwilliger Helfer oder Zuschauer dabei sei, solle neben den kanadischen Sportlern auch die Israelis unterstützen, heißt es. Genügend Flaggen gäbe es im Büro der Federation. Die jüdische Gemeinde Groß-Vancouvers, wozu neben der gleichnamigen Stadt auch Vorstädte wie Richmond, Burnaby und Langley gehören, zählt rund 30.000 Mitglieder. Die Geschichtsbücher weisen Louis Gold als ersten jüdischen Siedler aus. Er kam 1872 in Vancouver an. Wenig später folgten während des Goldrausches am Fraser-River weitere jüdische Siedler, darunter auch David Oppenheimer, der später der zweiter Bürgermeister Vancouvers wurde und wegen seiner Verdienste um die Entwicklung der Stadt von vielen als »Vater Vancouvers« angesehen wurde. Erst 1916 wurde die erste Synagoge gebaut, 1928 das Gemeindezentrum. Heute bilden Vancouvers Juden eine aktive, vielfältige Gemeinde: Es gibt zwölf Synagogen, ein Kollel, 15 jüdische Schulen und drei Chabad-Zentren.

höchstleistung »Wir wissen nicht genau, was auf uns zukommt«, sagt Rabbi Shmuel Birnham. »Wir werden auf die Bedürfnisse der Athleten reagieren.« Der 55-Jährige, dessen Vorfahren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus dem Raum Mainz nach Kanada kamen, steht in einer besonderen Verantwortung. Er leitet das Team von etwa zehn Rabbinern, die den Athleten spirituellen Beistand leisten sollen. Vertreter verschiedener Religionen hatten sich kürzlich in einem Multi Faith Committee zusammengesetzt, um über religiöse Angebote für Sportler und Touristen zu sprechen. Birnham betreut die konservativ-egalitäre Gemeinde Har El in West-Vancouver. »Mein Mandat ist es, Hilfe und Dienstleistungen für Athleten und ihre Familien zu organisieren«, sagt er. »Jahrelang bereiten sich die Sportler auf das Ereignis vor, um dann vielleicht 30 Sekunden lang Höchstleistungen zu bringen. Die meisten von ihnen werden keine Medaillen erringen. Das ist eine große Belastung für sie, da werden sie mit vielen Gefühlen kämpfen müssen.« Für diese Sportler will Rabbi Birnham mit seinen Kolleginnen und Kollegen dasein. Beteiligt an dem Projekt ist das breite Spektrum der Gemeinden, von Reform über konservativ bis orthodox.

herausforderung Einige Details konnten von den jüdischen Organisatoren noch nicht geklärt werden. Die israelische Mannschaft wird lediglich aus drei Sportlern bestehen, aber sie kommt mit einem großen Funktionärsstab (siehe Seite 5). Aber auch andere Teams haben jüdische Sportler in ihren Reihen. Ben Agosto etwa, der amerikanische Silbermedaillengewinner im Eiskunstlauf, ist dabei. Oder Steve Mesler, ein Bobpilot aus den USA. Oder die amerikanische Biathletin Laura Spector. Etwa 5.500 Athleten nehmen an den Spielen teil. »Es gibt Schätzungen, wonach etwa ein Prozent der Sportler jüdisch sind, also 50 bis 60 Athleten«, sagt Rabbi Birnham. Aber niemand könne sagen, ob sie spirituelle Bedürfnisse haben. Der Rabbiner ist lediglich für die Betreung der Athleten und ihrer Angehörigen zuständig. Die jüdische Gemeinde Vancouver aber heißt alle jüdischen Olympiareisenden willkommen. »Touristen und Besucher aus dem Ausland sind eingeladen, zu unseren Synagogen zu kommen«, sagt Bernard Pinsky. Auf der Webseite www.jewish-vancouver.com/celebrate informiert die Gemeinde über ihre Angebote.
Neben dem Fest am Sonntagnachmittag mit den Athleten und dem israelischen Generalkonsul findet am 19. Februar ein Schabbat-Dinner statt. Doch das Angebot geht über Feiern hinaus: Im Vancouver Holocaust Education Centre (www.vhec.org) wird die Ausstellung »More Than Just Games: Canada & the 1936 Olympics« gezeigt. Sie setzt sich kritisch mit der Beteiligung Kanadas an den Olympischen Spielen 1936 auseinander. Als Fauxpas bewerten viele in der jüdischen Gemeinde ein Video, in dem das Organisationskomitee der Winterspiele von Vancouver (VANOC) die Geschichte des olympischen Fackellaufs zeigt. Das vierminütige Video beginnt mit einer 22-Sekunden-Sequenz aus Leni Riefenstahls Film »Olympia« über die Spiele 1936. Zwar wurde der Filmausschnitt so bearbeitet, dass Hakenkreuzfahne und Hitlergruß nicht zu sehen sind, aber es zeigt den Fackelläufer beim Einlaufen ins Olympiastadion. »Hätten sie nicht 22 andere Sekunden finden können?«, fragt Romy Ritter, Direktorin der pazifischen Region des Canadian Jewish Congress.

Fackellauf VANOC war sich der Problematik zwar bewusst, glaubte aber, durch Bearbeitung des Ausschnitts einen akzeptablen Weg gegangen zu sein, die Geschichte des Fackellaufs darzustellen. Die Organisatoren zogen den Film vergangene Woche zurück. Eine löbliche Entscheidung, sagt Romy Ritter. Für viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde hätten die gesamten Spiele von 1936 und alle damit verbundenen Bilder und Aufzeichnungen »ihre Wurzeln im Hass«. Karen James erlebt den großen Augenblick der 21. Winterspiele kurz vor der Eröffnung: Am Freitagmittag wird sie eine der Läuferinnen und Läufer sein, die über jeweils 300 Meter die olympische Fackel durch Vancouver tragen, bevor am Abend bei der Eröffnungsfeier im BC Place das olympische Feuer entzündet wird.

James ist Mitglied der jüdischen Gemeinde Vancouvers. 1972 gehörte sie bei den Sommerspielen in München zum kanadischen Schwimmteam. Der Terroranschlag auf israelische Sportler bestimmt bis heute ihr Denken über die Olympischen Spiele. »Seither habe ich gemischte Gefühle«, sagt sie. Sie verließ damals das Olympische Dorf, als die Entscheidung gefallen war: »The Games must go on.« Auch in diesem Jahr wird sie der getöteten israelischen Athleten gedenken, wenn sie am Sonntag zu deren Ehren in einer Synagoge in Vancouver eine Kerze entzündet.

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