Chanukka

Playmo statt Dreidel

Jacob Dresdner steht hinter der Verkaufstheke und blättert in einem Katalog mit vielen Bildern und Artikelnummern. Leise Musik rieselt durch den Lautsprecher eines CD-Players: Lieder mit religiösen Texten, alles auf Hebräisch.

Dresdner ist Anfang 40, er trägt Kippa, Vollbart und einen schwarzen Pullover, an dessen Seiten die Zizijot heraushängen. Die Regale hinter ihm sind von oben bis unten mit Spielzeug gefüllt, an der Decke hängen bunte Hula-Hoop-Reifen. Dresdner ist bereit für das Geschäft des Jahres: Chanukka kann kommen.

Obwohl es jetzt um die Mittagszeit noch relativ ruhig ist – nur hin und wieder betritt ein Kunde den Laden –, wirkt Dresdner erschöpft. Die Wochen vor Chanukka hätten ihm zugesetzt, sagt er. »Es gibt unglaublich viel zu tun.«

Stamford Hill Seit 20 Jahren betreibt er den kleinen Spielzeugladen »World of Toys« in der Oldhill Street in Stamford Hill. Hier im Londoner Norden leben viele Ultraorthodoxe. Für ihre Kinder ist Dresdners Laden mit seiner roten Markise der Nabel der Welt.

Eine ältere Dame – an Kleidung und Frisur sieht man sofort, dass sie hier im Viertel zu Hause ist – betritt den Laden und erkundigt sich nach einem Spiel. Dresdner bedauert, er habe es nicht, verweist aber auf eine Reihe ähnlicher Gesellschaftsspiele.

Passend zur Saison hat Dresdner im vorderen Regal ein Dutzend verschiedener Dreidel aufgestellt: aus Holz und Plastik, kleine wie große. Doch die traditionellen Kreisel seien nicht mehr das, wonach die meisten seiner Kunden in der Chanukkazeit fragten, sagt er. Die meisten wollten Playmobil.

Jiddisch Seit einiger Zeit führt Dresdner in seinem Laden speziell jüdische Sets, die mit Playmobil kompatibel sind. Er kauft sie in den USA. Sie sind auf den charedischen Markt abgestimmt. So findet man in den hinteren Regalen neben herkömmlichen Playmobilschachteln ein Synagogen-Set samt Aron Hakodesch und ultraorthodoxen Plastik-Betern sowie ein Polizeiset mit Schomrim, jüdischen Wachleuten. Auch ein jüdisches Krankenwagen-Set kann man kaufen. Die Verpackungen sind auf Jiddisch beschriftet. »Das ist die Sprache meiner Kundschaft«, betont Dresdner. Auch jiddische Bücher gibt es bei ihm zu kaufen. Er bestellt seine Ware bei zahlreichen kleinen Firmen rund um die Welt. Das macht sehr viel Arbeit.

Eine weitere Herausforderung für ihn sei, dass die Kinder der orthodoxen Familien nicht so sehr den Medien ausgesetzt sind wie andere Kinder, sagt Dresdner. Die ganze Spielzeugindustrie sei nämlich Jahr für Jahr darauf aus, den letzten Schrei, Film oder Trend an die Kinder zu bringen. In Stamford Hill gehen die Uhren aber etwas langsamer. »Mitunter kommen Filme bei den Kindern hier im Viertel erst Jahre später an«, sagt er. Und manche Trends finden überhaupt nicht nach Stamford Hill – vor allem, wenn sie die Anforderungen des Anstands und der Sittsamkeit der charedischen Gemeinschaft nicht erfüllen. So fehlen zum Beispiel Barbie und ähnliche Puppen ganz in Dresdners Sortiment.

Gebete Belohnt für seine Mühen wird der Ladeninhaber durch die Loyalität der ultraorthodoxen Gemeinschaft. »Aber nach Chanukka und nach Pessach ist es schwerer durchzuhalten«, gesteht er. Da bitte er dann, wie er sagt, den Allmächtigen, dass die dürren Tage bald wieder vorbei sind.

Eine Kundin nähert sich der Kasse. Sie hat sich für das Schomrim-Set entschieden. Dresdner wickelt es sorgfältig in Geschenkpapier ein, lächelt und zeigt auf die Spielfiguren. Halb auf Englisch, halb auf Jiddisch sagt er: »Ja, ja, die ›kleinen Menschlein‹ sind beliebter als die Dreidel.«

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