Ukraine

Oligarch ohne Grenzen

Leonard Blavatnik: Ein breites Portfolio ist das Geheimnis seines Erfolgs. Foto: Getty Images

Leonid oder Leonard Blavatnik: So heißt der Mann, der hinter dem Streamingdienst DAZN steckt, dem selbst ernannten Netflix der Sportwelt. Nicht nur in Japan, Kanada oder in der Schweiz sorgte das Unternehmen jüngst für Schlagzeilen, sondern auch in Deutschland. Allzu gerne möchte DAZN hierzulande den Marktführer Sky vom Sockel stoßen.

Deshalb will man, angefangen von der Champions League, der Europa League, der englischen Premier League über die amerikanischen Top‐Ligen wie NFL, NBA und MLB bis hin zu hochkarätigen Boxkämpfen so ziemlich alles anbieten, was das Herz der Sportfans höherschlagen lässt. Ein billiges Vergnügen wird das für den ursprünglich aus Odessa stammenden Blavatnik natürlich nicht. Seine Sportmedienfirma Perform Group hat bereits mehr als 700 Millionen US‐Dollar in DAZN investiert, davon über 500 Millionen allein im vergangenen Jahr.

Projekte Doch trotz dieser riesigen Summen ist der Streamingdienst nur eines von vielen Projekten des auf seine jüdischen Wurzeln stolzen Blavatnik, der derzeit zu den 50 reichsten Menschen der Welt gehört. In der im September veröffentlichen Forbes‐Liste belegt er Rang 48. Blavatnik, der sowohl die amerikanische als auch die britische Staatsbürgerschaft besitzt, kommt derzeit auf ein geschätztes Vermögen von satten 16,7 Milliarden US‐Dollar. Sein wichtigster Aktivposten ist aber nicht DAZN, sondern die Beteiligungsgesellschaft Access Industries, durch die er wiederum zahlreiche andere Firmen kontrolliert. Außerhalb der ehemaligen Sowjetunion ist er eher als Leonard denn als Leonid bekannt – schließlich steht dieser Name in seinem amerikanischen Pass.

In der Forbes‐Liste
der Reichsten dieser
Welt belegt Blavatnik Platz 48.

Anders als in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien führt Blavatnik in der russischen Presse eher ein Schattendasein. Eigentlich sehr zu Unrecht. Denn obwohl der Oligarch in New York lebt und sich viel in London aufhält, so hat er doch den Grundstock für sein riesiges Vermögen vor allem in Russland und im gesamten postsowjetischen Raum gelegt. Und auch heute noch ist der mittlerweile 61‐Jährige dort wirtschaftlich sehr aktiv.

Odessa Blavatnik entstammt dem, was man als klassisch jüdisches Milieu in Odessa kennt. Die Stadt am Schwarzen Meer zählt seit jeher zu den wichtigsten Zentren des jüdischen Lebens in der ehemaligen Sowjetunion und der Zeit danach. Der Vater war Professor und hielt Vorlesungen an zahlreichen Universitäten, weshalb die Blavatniks immer wieder den Wohnort wechseln mussten; die Mutter arbeitete als Lehrerin.

Der junge Leonid und sein Bruder zogen selbstverständlich mit. Mal lebte die Familie in Zentralasien, mal im russischen Jaroslawl. Anders als es die vielen Gerüchte um seine Vergangenheit andeuten, sind die Eltern nie wirklich vermögend gewesen. Aber dennoch konnten sie ihrem Sohn durch ihre Tätigkeiten so manche Tür öffnen – auch wenn es mit der Immatrikulation an der prestigeträchtigen Lomonossow‐Universität in Moskau nicht klappte. Stattdessen begann er sein Studium an dem Institut für das Verkehrswesen, was sich im Nachhinein als Glücksfall herausstellen sollte. Denn einer seiner Kommilitonen war niemand Geringeres als der spätere, gleichfalls jüdische Oli‐garch Viktor Vekselberg. Zwischen beiden entwickelte sich rasch eine enge Freundschaft.

Auswanderung Allerdings hatte Blavatnik sein Studium in Russland ohne richtigen Abschluss beendet. Denn im vierten Studienjahr entschloss sich seine Familie zur Auswanderung in die Vereinigten Staaten. Als älterem Sohn kam ihm dabei die Aufgabe zu, als Erster dorthin zu fahren und Erfahrungen zu sammeln. »Das war nicht leicht«, berichtete ein enger Freund. »Mit seinem Englisch stand es aufgrund des niedrigen Niveaus an den sowjetischen Hochschulen nicht zum Besten. Die Integration war allein deswegen schon schwierig. Zwar hatte Blavatnik sofort angefangen zu arbeiten, doch als die Familie nachzog, reichte das Geld hinten und vorne nicht.«

Blavatnik hatte allerdings ein Ass im Ärmel, weil er parallel dazu an der Columbia University Computerwissenschaften studierte, was damals nicht nur neu und hochaktuell war, sondern ihm auch einen tollen Job verschaffte: Bei der Warenhauskette Macy’s brachte er die IT‐Infrastruktur so gut auf Vordermann, dass man ihn an die Harvard Business School weiterempfahl. Noch während seines Studiums erhielt er die amerikanische Staatsangehörigkeit – und aus Leonid Blavatnik wurde ganz offiziell Leonard Blavatnik.

Aus Leonid Blavatnik wurde ganz offiziell Leonard Blavatnik.

Intuition 1987 treffen sich Blavatnik und Vekselberg erneut ganz zufällig in den Vereinigten Staaten auf einer Industriemesse der Ölbranche. Dort sollen sie dann auch auf die Idee für ein gemeinsames Unternehmen gekommen sein. Die beiden Studienfreunde wollten Computer in die Sowjetunion liefern, was sehr vielversprechend aussah.

Und in der Tat lief das Geschäft von Anfang an hervorragend. 1990 bereits konnten Blavatnik und Vekselberg ihre Investitionsfirma Renova gründen, die sich auf die Aluminiumbranche spezialisierte. Bald schon hatte Renova Aluminiumwerke im Ural und in Irkutsk im Portfolio und stieg so rasch in die Top Ten der wichtigsten Metallurgie‐Unternehmen auf.

»Wir haben damals intuitiv nur die richtigen Entscheidungen getroffen«, sagt Blavatnik über diese Zeit. Klugerweise hielten sich beide auch aus den sogenannten Aluminiumkriegen heraus, die in der ehemaligen Sowjetunion ausgefochten wurden. Zudem war ihr Erfolg deutlich nachhaltiger als der von anderen Tycoons, die in dieser Zeit die Bühne betraten.

Unterhaltungsindustrie Das Geschäft, das Blavatnik dann zum Superstar der Oligarchen‐Szene machen sollte, wurde 1997 eingefädelt, als er gemeinsam mit Vekselberg ein großes Aktienpaket der Tyumen Oil Company (TNK) erwarb, das er 2003 für über 7,7 Milliarden US‐Dollar wieder verkaufte. Und neben seinen Öl‐, Aluminium‐ und Computergeschäften schuf sich Blavatnik in der Unterhaltungsindustrie ein weiteres Standbein und das gleich weltweit. So besitzt er Anteile an Unternehmen wie Warner Music Group und Al Film.

In Russland kontrolliert er mit STS den größten Unterhaltungssender des Landes. Auch kauft Blavatnik gerne Luxusimmobilien und ist zudem stolzer Besitzer einer umfangreichen Sammlung von Fabergé‐Eiern.

Blavatnik ist stolzer Besitzer einer umfangreichen Sammlung von
Fabergé‐Eiern.

Außerdem ist Blavatnik als Philanthrop bekannt, der für jüdische Projekte gerne mal tief in die Tasche greift. Und obwohl er schon längst keinen russischen Pass mehr besitzt, gehört er seit Jahren dem Präsidium des Russischen Jüdischen Kongresses an.

Während sein persönlicher Freund Viktor Vekselberg, der gleichfalls aus dem Gebiet der heutigen Ukraine stammt, zu den Verbündeten des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählt, ist Blavatnik eher durch seine Affinität zu einigen russischen Oppositionellen aufgefallen. Zudem zählt er zu den Unterstützern von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu.

Wahlkampf 2008 hatte Blavatnik unter anderem 30.000 US‐Dollar für den Wahlkampf von Barack Obama gespendet. Aber auch die Republikaner wurden von ihm großzügig bedacht. »Ich bin ein Unternehmen ohne Staatsgrenzen«, sagt Blavatnik über sich selbst. Gerne gerät er bei Interviews ins Philosophieren, konkreten Fragen dagegen weicht er lieber aus. Ob er mit dieser Taktik auch DAZN zu einer Erfolgsgeschichte macht, das muss er noch beweisen.

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