Frankreich

Nichts ist wie zuvor

Der Schock sitzt tief, die Mordtat von Toulouse lässt das jüdische Frankreich an die schlimmsten Geschehnisse der Geschichte denken. »Ein kleines Mädchen an den Haaren zu packen, um es besser in den Kopf schießen zu können, das sind Praktiken, die das letzte Mal von den Nazis in Polen, Litauen und der Ukraine angewendet wurden«, sagt Richard Prasquier, Präsident des Dachverbandes CRIF, der etwa 550.000 Juden in Frankreich repräsentiert.

paris Doch der Schock löst nicht unbedingt Starre aus. Im Marais, dem historischen und mittlerweile recht touristischen jüdischen Viertel von Paris, ist zwei Tage nach dem Attentat wenig Außergewöhnliches zu spüren. Zwei Polizisten schlendern vor den jüdischen Bäckereien umher, eine Handvoll Jugendlicher mit Kippa scheint sich eher auf die eigenen Kräfte verlassen zu wollen und hat sich lässig an den Motorroller lehnend auf dem Platz aufgebaut. Auf die Frage, ob sie als Juden nun Angst hätten, in Frankreich zu leben, sagt Samy, einer von ihnen: »Wir haben keine Angst, das ist unser Viertel, das sind unsere Schulen, wir werden es denen schon zeigen.«

Mit »denen« meint der 17‐Jährige die antisemitischen Angreifer und ihre Sympathisanten. Diese Gruppe ist mittlerweile fast gleichbedeutend mit Kindern von Einwanderern aus dem Maghreb oder aus Zentralafrika. Seit klar ist, dass der Mörder Mohamed Merah heißt, ein 23‐jähriger Mann mit algerischen Wurzeln, ist das dünne Band des Miteinanders der von Rassismus und Antisemitismus bedrohten Franzosen, der Einwanderer und der Juden, gelockert.

mazze Früher war Frankreich neben den USA und nach 1948 natürlich Israel das beliebteste und geradezu idealisierte Einwanderungsland jüdischer Migranten aus Osteuropa und dem gesamten Mittelmeerraum. »Lebn vi Got in Frankraykh« lautet ein jiddisches Bonmot, das noch heute verbreitet ist, doch immer weniger französische Juden glauben es.

Noch scheint die lebendige Tradition im Alltag stärker zu wiegen als Verunsicherung und Angst. »Die werden auch jedes Jahr teurer«, murrt eine Kundin in einer Bäckerei über die Mazze‐Preise. Am Boden stapeln sich schief aufgetürmte und halb ausgepackte Kartons. Alle Vorbereitung gilt dem anstehenden Pessachfest.

Doch in diesem Jahr sind es in der jüdischen Bäckerei und in anderen koscheren Läden weniger die Mazze‐Kisten, die den Unterschied zu den vielen arabischen Halal‐Läden im 19. Arondissement, dem Viertel, in dem die meisten Pariser Juden leben, ausmachen. Es sind kleine Zeichen der Trauer wie etwa die prominent an der Theke platzierte Wochenzeitung »Actualité juive«: Deren Titelseite ist komplett in Schwarz gehalten, zeigt vier Kerzen und notiert die Namen der Opfer des Attentats: Rabbiner Jonathan Sandler (30), seine zwei Söhne Gabriel (3) und Arieh (6) und die Tochter des Schuldirektors, Miriam Monsonego (8).

vichy Die dramatische Aufmachung der Zeitung zeigt, wie brüchig auch im 19. Arrondissement die Normalität ist – angesichts der antisemitischen Gewalt. Das jüdische Leben in Frankreich wird weitergehen, das euphorische Grundvertrauen in die Republik, dem selbst Kollaboration und Vichy nichts anhaben konnten, ist jedoch erschüttert und abwartender Skepsis gewichen.

Statistisch betrachtet ist die Zahl antisemitischer Vorfälle im Jahr 2011 auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gefallen. Doch die Statistik sagt nichts über die Angst aus, die in Frankreichs jüdischer Gemeinschaft herrscht. Das Verbrechen von Toulouse reiht sich in eine Folge tödlicher Angriffe, die traumatisierend wirken: Viele erinnern sich an den Anschlag auf die Synagoge in der Pariser Rue Copernic im Jahre 1980 mit vier Toten. Oder an den auf das Restaurant »Goldenberg« im jüdischen Viertel von Paris mit sechs Toten im Jahre 1982. Oder an den Foltermord an dem jungen Handyverkäufer Ilan Halimi im Jahr 2006. Diese Vorkommnisse haben sich tief in das Gedächtnis der französischen Juden eingebrannt.

umzug Selbst der prominenteste Aktivist jüdisch‐muslimischer Verständigung in Frankreich, Rabbiner Michel Serfaty, der von Amts wegen mit einem unbezwingbaren Optimismus ausgestattet ist, gesteht zu, dass in den letzten Jahren immer mehr Juden den muslimisch dominierten Banlieues den Rücken kehrten und deshalb sogar Gemeinden aufgelöst wurden: »Viele Juden ziehen in die Innenstädte, zum Teil hört man sogar von Gemeindeneugründungen in Vororten, wo weniger Arabischstämmige wohnen.«

Die Bedrohung bewirkt auch eine Veränderung des politischen Denkens. Früher stimmten viele französische Juden wie selbstverständlich für die Sozialisten. Doch spätestens mit der Wahl Nicolas Sarkozys im Jahr 2007 zum Präsidenten votierten viele für den Kandidaten, der sich als Law‐and‐Order‐Mann präsentierte. Mittlerweile ist es sogar so, dass einige Juden, vor allem in den südfranzösischen und sephardischen Gemeinden, mit der rechtsextremen Kandidatin Marine Le Pen sympathisieren.

pate So einer ist Sylvain Semhoun. Der in Jerusalem lebende PR‐Berater mit französischer und israelischer Staatsangehörigkeit war es, der die Präsidentschaftskandidatur von Marine Le Pen ermöglicht hatte. Laut dem französischen Wahlgesetz dürfen nur Personen zur Wahl antreten, die 500 Unterschriften von französischen Amtsträgern vorweisen können. Da sich diese »Paten« seit dieser Wahl offen zu ihrer Unterstützung bekennen müssen, hatte Le Pen bis zu den letzten Tagen der Frist größte Mühe, das Quorum zu erreichen. Zu ihrem Glück fand sich Sylvain Semhoun, der als Delegierter für die 200.000 in Israel lebenden Franzosen – zumeist Juden mit Doppelpass – in der Versammlung der Auslandsfranzosen sitzt, einer Art weltweitem Exilparlament, das die Regierung in Paris berät.

Auf Kritik antwortet Semhoun mit dem Hinweis auf »Bürgergeist«: Wäre Le Pen von den Wahlen ausgeschlossen worden, würde die Meinung von bis zu acht Millionen Wählern ignoriert werden. »Der Kampf soll an den Urnen stattfinden und nicht auf der Straße«, rechtfertigt sich Semhoun. 2007 unterstützte er noch Nicolas Sarkozy und dessen UMP. 90 Prozent der aus Israel abgegebenen Briefwahlstimmen, behauptet Semhoun, will er dem konservativen Bewerber damals verschafft haben.

faschismus Beim Front National freut man sich über den neuen Unterstützer aus Jerusalem sehr. Seit Jahren bemühen sich Le Pen und ihre Gefolgsleute darum, ihren Rassismus auch mit einer Warnung vor muslimischem Antisemitismus zu versehen. Aus strategischen Gründen hätte Le Pen gerne, wenn schon nicht die Zustimmung, so zumindest eine wohlwollende Duldung des CRIF. Noch allerdings betont CRIF die Kontinuität zwischen dem offenen Antisemiten Jean‐Marie Le Pen und seiner Tochter.

Durch den Mord von Toulouse motiviert und von jemandem wie Semhoun bestärkt, warnt Marine Le Pen jedoch jetzt noch lauter vor »grünem Faschismus« und »Links‐Islamismus«, fordert die Wiedereinführung der Todesstrafe und hetzt gegen Flüchtlinge: »Wie viele Mohamed Merahs befinden sich wohl in den mit Migranten gefüllten Schiffen und Flugzeugen, die jeden Tag in Frankreich ankommen?«

sarkozy Mehr noch als Marine Le Pen dürfte Nicolas Sarkozy politischer Gewinner des Vierfachmords von Toulouse werden. Viele Franzosen empfanden die Reaktion des Präsidenten entgegen aller sonst eher hektischen und wenig präsidialen Auftritte als angemessen und würdevoll. Auch Richard Prasquier vom CRIF bedankte sich explizit für die »bewundernswerte Art«, mit der der Präsident die »nationale Solidarität mit den Opfern« verkörpert habe. Andere, ihm eher kritisch gesonnene Stimmen der jüdischen Gemeinde, wie der Präsident des jiddischen Arbeiterkulturzentrums »Medem‐Arbeter Ring«, Léopold Braunstein, können hingegen nicht erkennen, dass Sarkozy besonders außergewöhnlich reagiert habe: »Ich denke, jeder Präsident, egal ob Sarkozy, Chirac oder Mitterrand, hätte das‐ selbe gesagt.«

Doch Sarkozy konnte sich durch seine staatstragende Pose von seinen Herausforderern absetzen. Offiziell wurde der Wahlkampf zwar unterbrochen, doch alle Kandidaten bemühen sich, an der Seite der Opfer eine gute Figur zu machen: Auf dem Weg nach Toulouse fanden sich plötzlich der Sozialist François Hollande, die Rechtsextremistin Marine Le Pen, die Kandidatin der Grünen und ein vierter Bewerber im selben Flugzeug wieder. Derweil bemüht sich der Präsident, der nun nicht mehr wegen seiner Sozialpolitik in der Kritik steht, mit seinem Lieblingsthema, Sicherheit, zu reüssieren. Über medienwirksame Treffen mit den Polizeichefs versucht er, die öffentliche Diskussion um die Gefährdungslage möglichst lange am Laufen zu halten.

Die linken Kandidaten suchen derweil nach einem Weg, wie sie soziale Fragen wieder zum Wahlkampfthema machen können, um den Präsidenten so frontal anzugehen, wie sie es »vor Toulouse« taten. Bisweilen versuchen sich etliche Linke noch an einer der Verknüpfung ihrer sozialpolitischen Thesen mit den Ereignissen von Toulouse: Die Elendszustände in den Vorstädten werden kritisiert, die Lebensläufe wie die des Attentäters hervorbringen. Abstrakt mag das richtig sein, aber die These kommt oft mit einem entschuldigenden Beiklang daher.

linke Entscheidend ist, ob das Attentat von Toulouse, das einen Monat vor der Präsidentenwahl geschah, einen »Madrid‐Effekt« bewirken kann: Nach den islamistischen Terroranschlägen auf zwei Madrider Vorortzüge mit 191 Todesopfern im Jahr 2004 hatte sich damals die politische Stimmung entgegen aller Prognosen massiv gewendet und den regierenden Konserativen bei den drei Tage später stattfindenden Parlamentswahlen eine krachende Niederlage beschert.

Dass dieser »Madrid‐Effekt« eintritt, bezweifeln in Frankreich viele Beobachter. Bei den meisten – auch bei den meisten Juden – sitzt das Gefühl sehr tief, dass es angesichts der Hilflosigkeit gegenüber Wahnsinnstaten wie der Merahs wenig Unter‐
schied macht, welcher Präsident im Amt ist und im Nachhinein die Kondolenzworte spricht.

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