Ukraine

Neues in der Altstadt

In einer Seitengasse etwas außerhalb der historischen Altstadt von Lemberg befindet sich ein renovierungsbedürftiges Gebäude in Altrosa. Katzen streunen darin umher, auf dem Boden liegt Werkzeug, und an den Wänden sieht man hebräische Schriftzeichen. Ein älterer Mann bittet die Besucher, nur bis zur Mitte des Raums zu gehen – es werde gebaut, Putz könnte von der Decke fallen. Der ältere Mann heißt Mark Shtarker. Wer als Besucher in das Scholem-Alejchem-Kulturzentrum kommt, geht unweigerlich an ihm vorbei. Er sitzt am Eingang und erzählt Fremden gern über die Geschichte der Synagoge aus der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Jahrzehntelang wurde sie als Sporthalle genutzt. Erst als die Sowjetunion 1991 zusammenbrach, erhielt die jüdische Gemeinde sie zurück. In der Sowjetzeit ist viel verfallen, deshalb ist es Mark Shtarker besonders wichtig, dass die hebräische Schrift an der Wand erhalten bleibt. Wann die Renovierung abgeschlossen sein wird, weiß niemand. Es fehlt an Geld, und die Stadtverwaltung meint, das Gebäude sei in einem befriedigenden Zustand. Mark Shtarker hofft, dass er die Wiedereröffnung der Synagoge noch erleben wird.

Kiddusch Am Freitagabend stehen Vitali und Roma vor dem Kulturzentrum und warten auf andere junge Juden, um gemeinsam den Schabbat zu begrüßen. »Meistens sind wir sehr wenige junge Leute, vielleicht fünf bis zehn«, sagt Roma. »Die meisten anderen Jugendlichen kommen höchstens einmal im Jahr in die Synagoge.«

Vitali und Roma laufen die Treppen hinauf in einen der warmen Räume und bereiten dort mit ein paar anderen das Essen vor. Allmählich füllt sich der Hauptraum. Ein Dutzend junge Menschen aus der Ukraine, Russland, Israel und den USA versammeln sich. Alex Nazzar, Sascha genannt, spricht den Kiddusch. Doch bevor er das tut, hat er die Vorhänge geschlossen. »Es gab Probleme mit unseren Nachbarn«, sagt er, »wir wollen nicht, dass sie uns beobachten. Sie machen manchmal beleidigende Gesten in unsere Richtung und lassen gern rechtsextreme Musik laufen.«

Eine Besonderheit des Kulturzentrums sind die Jiddischkurse. Alex Nazzar betont, dass der Schriftsteller Scholem Alejchem ganz bewusst als Namensgeber ausgesucht worden sei. Der Kulturverein veröffentlicht zudem eine Zeitschrift in russischer, ukrainischer und jiddischer Sprache. »Das Jiddische darf nicht aussterben«, sagt Nazzar, »wir strengen uns an, es am Leben zu erhalten, aber es gibt nur wenige junge Menschen in Lemberg, die Jiddisch lernen. Die meisten sitzen heute Abend hier beim Kabbalat Schabbat.«

Auswanderung Eine Herausforderung für das jüdische Leben in der Stadt ist die Abwanderung. Nazzars Bruder ist vergangenes Jahr nach Amerika ausgewandert, viele gehen nach Israel. Es kommen aber auch viele Juden aus Russland nach Lemberg. Ein aktuelles Beispiel für diese Migration ist Victoria Bedzays Hebräischlehrer. Er habe Russland aus politischen Gründen verlassen, weil er es unter Putin nicht mehr ausgehalten hat, erzählt die junge Frau. Bedzay studiert Geschichte und sitzt gerade an einer Arbeit über den israelischen Likud.

Unter den ukrainischen Parteien sieht sie mit Sorge auf die rechtsextreme »Swoboda«, die sich zwar »Freiheit« nennt, aber ebendiese den Minderheiten in der Ukraine vorenthalten wolle, sagt die Studentin. Gerade in Lemberg und der Westukraine sei die »Swoboda« stark. »Die Rechten machen Wahlkampf mit antisemitischen Ressentiments und kommen gerade bei jungen Ukrainern gut an, weil sie mit den neuen Medien umgehen können und nicht mehr auf Wahlplakate oder Fernsehwerbung setzen.« Zwei führende Swoboda-Leute standen vergangenes Jahr auf Platz fünf der vom Simon Wiesenthal Center veröffentlichten Liste der antisemitischen Verunglimpfungen.

»Weil das Wort ›Jude‹ in Lemberg einen negativen Klang hatte, haben sich viele assimiliert«, sagt Alex Nazzar, »aber ich bin stolz auf meine jüdische Wurzeln und verstecke mich nicht – auch wenn es manchmal zu Problemen kommt, weil ich mit Kippa auf die Straße gehe.«

Vor einigen Wochen wurden in Lemberg Untersuchungen eingeleitet, weil zwei Polizisten einen 28-jährigen jüdischen Mann angegriffen und auf ihn uriniert haben sollen. Dmitry Flekman, so der Name des Mannes, gab an, die Polizisten seien brutaler gegen ihn vorgegangen, als sie hörten, dass er Jude ist. Nach Berichten einer jüdisch-ukrainischen Webseite habe einer der Polizisten gesagt: »Hitler mochte die Juden nicht, und ich mag sie auch nicht.« Flekman wurde mit gebrochenem Steißbein ins Krankenhaus eingeliefert.

Spuren Antisemitische Übergriffe sind in der Westukraine und der Umgebung Lembergs verbreiteter als im Osten des Landes. Alex Nazzar lässt sich davon nicht einschüchtern. Er zeigt weiterhin Besuchern Hauswände, an denen Wörter wie »Butter« oder »Quark« auf Jiddisch zu sehen sind, zudem eine Mesusa an einer Eingangstür, und erzählt, dass diese Spuren allmählich verschwinden: »Viele, die nach Lemberg ziehen, wissen kaum etwas über die jüdische Geschichte der Stadt. Sie versuchen nicht, solche Zeichen zu bewahren.« Und gerade deswegen kümmern sich junge Menschen wie Alex Nazzar darum.

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