Muslime in den USA

Neue Mehrheiten

Schüler und Eltern der Al-Rahmah-Schule begrüßen Präsident Barack Obama bei seinem Besuch Anfang Februar in Baltimore. Foto: dpa

Yossi Sokol bekommt jeden Tag eine Kostprobe vom Leben in der Zukunft. Sein Arbeitsplatz liegt an einer Straße mit rumpligen Elektronikläden, winzigen Galerien, schrillen Boutiquen und entseelten Häusern, wo hinter blinden Scheiben vergilbte Schilder kleben: For Rent – Zu Vermieten. Sokol arbeitet als Manager einer kleinen Kette von Obst- und Gemüsegeschäften in Detroit, der Autostadt im Nordosten der USA, die einst boomte, in Depression verfiel und sich seither neu erfindet.

Yossi Sokol ist Jude, und Juden stellen in Detroit die drittgrößte Religionsgemeinschaft nach Christen und Muslimen. Eine Rangfolge, die in 20 Jahren für die gesamten Vereinigten Staaten zutreffen dürfte. Eine Erhebung des Pew-Forschungsinstituts kam vor Kurzem zu dem Ergebnis: Bis zum Jahr 2035 werden Muslime als Folge wachsender Einwanderung und der hohen Geburtenrate zur zweitgrößten Religionsgemeinschaft in den USA aufsteigen – eine Position, die bislang von Juden gehalten wird. Deren Anteil an der Bevölkerung liegt in den USA derzeit bei zwei Prozent – vor dem der Muslime bei einem Prozent.

Prognose Die Reaktion amerikanischer Juden auf die Prognose ist so vielfältig wie die jüdische Gemeinschaft in den USA selbst. »Die eine Gruppe, vor allem konservative und orthodoxe Juden, ist davon überzeugt, dass die wachsende muslimische Bevölkerung die Rolle der Juden in Amerika schwächen wird«, sagt Jonathan Sarna, Historiker an der Brandeis-Universität in der Nähe von Boston. »Und dass diese Entwicklung einen Keil zwischen die USA und Israel treibt.«

Diese Sorge bewegt auch Yossi Sokol. Der 52-Jährige ist ein Mann mit drahtigem Haar und flinken Bewegungen; die weißen Zizit baumeln unter seinem schwarzen Designerhemd hervor. Er selbst ist in Detroit geboren; sein Vater kam als Kind aus der damaligen Tschechoslowakei, die Mutter ist Israelin. »Amerika ist mein Zuhause, Israel meine Heimat«, sagt Sokol sehr bestimmt.

In seinem Alltag spürt er bereits heute die wachsende muslimische Präsenz. In der Stadt Dearborn, 14 Meilen westlich von Detroit, sind 30 Prozent der Bevölkerung arabischer Herkunft. Hier finden regelmäßig anti-israelische Demonstrationen statt, mit Parolen wie »Stoppt US-Hilfe für Israel« oder »Zionismus ist Rassismus« auf Protestplakaten und israelischen Flaggen, auf die ein Hakenkreuz geschmiert ist. Ein paarmal flatterten auch antisemitische Flugblätter durch seine Wohngegend. Angst habe er nicht, sagt Sokol, aber er sei vorsichtig. Wegen seiner drei Kinder und wegen des Geschäfts. Deshalb will er auch seinen richtigen Namen nicht nennen.

Die Forderung des republikanischen Präsidentschaftsbewerbers Donald Trump, einen kompletten Einreisestopp für Muslime zu verhängen, findet Sokol zwar »dumm« und »übertrieben«. Trotzdem, meint er, »sollten die amerikanischen Behörden genauer prüfen, wen sie ins Land lassen«.

Interfaith Etliche, vor allem säkulare, liberale und Reformjuden versuchen seit einigen Jahren, engere Beziehungen zu der wachsenden muslimischen Bevölkerung aufzubauen. Eine solche Beziehungsknüpferin ist, schon von Berufs wegen, Audrey Galex – schmal, nervöses Lachen, bunter Ethno-Schal um die Schultern geworfen. Sie ist Produzentin beim Fernsehsender AIB, Atlanta Interfaith Broadcasters, in der Südstaatenmetropole.

Im Team von AIB arbeiten Christen, Juden und Muslime, Schwarze, Weiße und Latinos. Die Mission des Senders, der in den 60er-Jahren im Zuge der Bürgerrechtsbewegung gegründet wurde, ist interreligiös und interkulturell. An diesem Tag arbeitet Galex an einem Beitrag über Wasserrituale in verschiedenen Religionen, sie eilt zwischen Büro, Studio und Schneideraum hin und her.

Das Ergebnis der Pew-Studie, der steigende Anteil von Muslimen an der amerikanischen Bevölkerung, beunruhige sie nicht, sagt sie. Aber sie weiß, dass viele andere Juden ihre Haltung für idealistisch, weltfremd – und auch gefährlich halten. »Ich bin sicher, dass einige in meiner Familie Angst haben, dass sich Amerikas Verhältnis zu Israel verändert.« Und dass Terrorakte islamischer Extremisten in den USA zunehmen – wie zuletzt das Attentat in San Bernardino, Kalifornien, im Dezember 2015, bei dem 14 Menschen ums Leben kamen.

Audrey Galex versteht diese Angst. Aber sie teilt sie nicht. Vielleicht liegt das an ihrer persönlichen Geschichte, daran, dass sie selbst nie schlechte Erfahrungen mit Muslimen gemacht hat. Sie wuchs in einer Kleinstadt im Mittleren Westen auf, beschreibt ihr Elternhaus als konservativ-orthodox und zugleich weltoffen. »Wir haben unser Judentum sehr bewusst gelebt«, sagt sie und erzählt von den Schabbat-Essen bei ihrer Großmutter.

Galex studierte an der American University in Kairo – 1978, im Jahr des Camp-David-Abkommens. »Die Leute waren damals sehr neugierig«, sagt sie, »viele waren noch nie zuvor einem Juden begegnet.« Galex reiste durch Jordanien, Ägypten, Syrien. Kehrte in die USA zurück, heiratete und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann für den Nachrichtensender CNN in Jerusalem; Mitte der 80er-Jahre war das, vor der ersten Intifada.

»Es hat mich nie gestört, anders zu sein«, sagt sie. Ganz selbstverständlich bewegt sie sich zwischen Kulturen, Ethnien, Religionen. Zu ihren besten Freunden gehören eine ägyptische Muslima und eine libanesische Christin. Sie war häufig Gast beim Fastenbrechen in einer Moschee in Atlanta und Gastgeberin interreligiöser Sederabende in ihrem Haus.

Aber es gehe nicht nur um »spirituelle Wohlfühlerlebnisse« und »kulturelle Kuscheldiplomatie«, sagt Galex. »Wir sprechen auch über harte Politik, über schwierige, heikle Themen. Themen, bei denen wir verschiedene Standpunkte haben.« Wie die Rolle der israelischen Armee im Westjordanland zum Beispiel. »Wären wir nicht so vertraut miteinander, würde ich mich bei solchen Gesprächen sehr unwohl fühlen.«

Galex räumt ein, dass ein solch freier Austausch auch viel mit dem Land zu tun habe, in dem sie lebt. »Meine Vorfahren sind nach Amerika gekommen, weil sie ein besseres Leben suchten und die Freiheit, ihre Religion ausüben zu können. Und ich gehe davon aus, dass es den meisten Muslimen nicht anders geht.«

Potenzial Amerika habe das Potenzial, eine Art »Zukunftslabor für kraftvolle und kreative jüdisch-muslimische Beziehungen zu werden«, sagt Rabbi Noam Marans, Direktor der Abteilung für interreligiöse Beziehungen beim American Jewish Committee (AJC) in New York. »Das liegt in erster Linie am amerikanischen Ethos, jener einzigartigen Fähigkeit des Landes, seine Einwanderer zu integrieren.«

Dabei seien muslimische Gruppen in den USA oft weniger klar organisiert als jüdische oder christliche Gemeinden, sagt Marans weiter. Tatsächlich kommen amerikanische Muslime aus den verschiedensten Regionen, Kulturen, Traditionen: Ein Viertel sind Afroamerikaner, die zum Islam konvertiert sind; ein Viertel sind eingewanderte Araber; 34 Prozent stammen aus Asien, vor allem Indonesien, Pakistan und Indien. Bildungsstand und Einkommensniveau amerikanischer Muslime sind überdurchschnittlich hoch; vor allem unter Ärzten, Ingenieuren, Finanzanalysten und Unternehmern sind sie gut vertreten.

Mit der wachsenden Einwanderung von Muslimen aus den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens könnte sich dieses Gefüge verschieben. »Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir dauerhafte und verbindliche Beziehungen zu muslimischen Gemeinden aufbauen und pflegen«, sagt Marans. »Das ist eine Herausforderung und eine Chance zugleich.«

Auch Historiker Sarna ist überzeugt: Die Vorbereitung auf den demografischen Wandel vollzieht sich als Politik der kleinen Schritte – über Freundschaften zwischen einzelnen Juden und Muslimen, über eine Zusammenarbeit zwischen Synagogen und Moscheen, über die Arbeit interreligiöser Organisationen wie des Fernsehsenders in Atlanta, für den Audrey Galex arbeitet. »Die amerikanische Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass religiöse Gruppen, die einst Feinde waren, im Laufe der Zeit zu Verbündeten werden, wie Juden und Katholiken zum Beispiel«, sagt Sarna.

Ein besonders wirkungsvoller Hebel der Kooperation ist das Geschäftsleben. So arbeiten Kaschrut- und Halal-Organisationen, die die Einhaltung der Speisevorschriften überwachen, in den USA bereits seit Jahren eng zusammen. Andere Bereiche, bei denen jüdische und muslimische Gemeinden ähnliche Interessen verfolgen, sind Einwanderung, Bürgerrechte, Wirtschafts- und Bildungspolitik.

Bei allem Pragmatismus in den Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in den USA werde es jedoch immer Themen geben, »bei denen wir nicht zusammenkommen«, sagt Rabbi Marans. »Eines davon ist die amerikanische Unterstützung für Israel. Das bleibt eine sehr reale Sorge.«

Der Alltag der Zukunft wird ein Balanceakt werden. Yossi Sokol, der Geschäftsmann aus Detroit, lebt schon heute damit. Einige Großhändler, mit denen er seit Langem zusammenarbeitet, sind Muslime aus dem Libanon, aus Syrien, aus den palästinensischen Gebieten. Befreundet seien sie zwar nicht, aber sie redeten schon mal über Privates, manchmal auch über Politik, sagt Sokol. Über Israel jedoch sprechen sie nicht. »Dieses Thema klammern wir aus – darin sind wir uns einig.« Noch funktioniere das, sagt er, und zuckt mit den Schultern. »Wie lange noch? Wer weiß.« Dann klingelt sein Mobiltelefon. »Nabil, what’s up?«, fragt Sokol. Am anderen Ende ist der Großhändler, es geht um eine Lieferung für die kommende Woche.

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