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Nestwärme ohne Eltern

Lautes Kichern schallt über den Flur des Mädchenhauses. In der Spielecke, bei den Puppen und Plüschtieren, sitzen Alina und Ljuda. Die beiden fünf und acht Jahre alten Mädchen jauchzen, knuffen sich und hüpfen auf dem Parkettboden herum. Seit einem Jahr wohnen sie in »Tikva«, dem jüdischen Waisenhaus in Odessa. 78 Jungen und 78 Mädchen haben in dem Heim, das auf Hebräisch »Hoffnung« heißt, ein neues Zuhause gefunden. Sie werden jüdisch erzogen und bleiben so lange, bis sie ihre Berufsausbildung beendet haben. Viele wandern später in die USA oder nach Israel aus, doch der Kontakt zu »Tikva« hält ein Leben lang.

Kleiderschrank Alina und Ljuda rennen den Flur entlang und verschwinden in ihrem Zimmer. Drinnen stehen ein Doppelstockbett aus Holz, ein Kleiderschrank und zwei Schreibtische, ein grün gekacheltes Bad ist an den Raum angeschlossen. Die Mädchen mit den blonden und schwarzen Haaren wirken glücklich, möchten aber nicht über ihre Vergangenheit sprechen.

»Die Kinder haben Schlimmes durchgemacht«, sagt Michael Brodman, der in der Verwaltung des Waisenhauses arbeitet. Zwölf Prozent haben Vater und Mutter verloren, die anderen kamen zu »Tikva«, weil ihre Eltern Alkoholiker sind, weil sie geschlagen wurden oder auf der Straße lebten, berichtet Brodman.

Der 29‐jährige Israeli mit weißem Hemd, Kippa und randloser Brille kam vor fünf Jahren aus Jerusalem nach Odessa. »Als ich die vielen Straßenkinder sah, beschloss ich, im Waisenhaus zu arbeiten.« Rund 2.500 jüdische Kinder leben in der Ukraine auf der Straße. Landen sie in einem staatlichen Heim, haben sie kaum eine Zukunft. 70 Prozent der Jungen rutschen in die Kriminalität ab, 60 Prozent der Mädchen in die Prostitution, 15 Prozent begehen Selbstmord.

Mit dem Musikzimmer, dem Computerraum, der Turnhalle und der Bibliothek erinnert Tikva überhaupt nicht an ein typisches Waisenhaus in der Ukraine. Vor knapp 20 Jahren bestand das Haus noch aus einzelnen Apartments. Odessas früherer Oberrabbiner Schlomo Bakscht mietete die Wohnungen 1993 an, um darin jüdische Straßenkinder unterzubringen.

spenden Heute finanziert sich das Haus mit Spenden aus den USA, Großbritannien und Südafrika. Pro Jahr kommen rund acht Millionen Dollar zusammen. Im Mädchenhaus ist neben jedem Raum ein Schild mit den Namen der Spender angeschraubt. Alina und Ljuda verdanken ihr Zimmer der amerikanischen Bekleidungsfirma »Skechers«. Das Mädchenhaus trägt den Namen der Frau eines Wohltäters aus New York: »Leah’s House« steht auf den Marmorplatten am Eingang geschrieben.

»Wir nehmen nur jüdische Kinder auf«, sagt Brodman, »und achten auf die Einhaltung jüdischer Regeln«, fügt er hinzu. Damit meint Brodman nicht nur den Schabbat. Im Waisenhaus herrscht auch eine Kleiderordnung: So dürfen die Mädchen aus religiösen Gründen nur Röcke tragen.

»Die meisten mussten sich erst daran gewöhnen«, sagt Elena Wladimirowna, die stellvertretende Leiterin des Mädchenhauses. Denn in vielen ukrainischen Familien spiele Religion keine Rolle. Als »Entschädigung« kauft die 42 Jahre alte Erzieherin jedem Kind eigene Kleidung. »Ich kenne die Vorlieben meiner Mädchen«, sagt Wladimirowna, die seit 14 Jahren bei Tikva arbeitet.

Die gebürtige Odessitin sorgt auch dafür, dass im Kinderheim keine Langeweile aufkommt. Um sechs Uhr scheucht sie die Mädchen aus dem Bett, um sieben versammeln sich alle zum Frühstück. Eine Stunde später fährt ein Bus vor, der die Kinder zur jüdischen Schule bringt. Nachmittags stehen Hausaufgaben, Nachhilfeunterricht und Arbeitsgemeinschaften wie Stricken, Malen oder Tanzen auf dem Programm. »Am Sonntag gehen wir zum Bowling oder ins Kino«, erzählt Wladimirowna.

Im vierten Stock des Mädchenhauses sitzt Nastia aus Charkow hinter ihrem Schreibtisch. Schon den ganzen Tag lernt die 17‐Jährige für die Prüfungen am Kolleg, das zum Waisenhaus gehört und auf die Universität vorbereiten soll.

Die meisten Heimkinder wollen Wirtschaft, Jura oder Psychologie studieren. Nastia allerdings hat einen anderen Traum: »Ich wollte schon immer Innendesignerin werden«, sagt das Mädchen mit den schwarzen Haaren, dem grünen Hemd und den funkelnden Augen. Wenn Nastia in ein paar Jahren ihr Diplom in der Hand hält, will sie zu Bekannten nach Aschdod in Israel ziehen. Hebräisch und Englisch spricht sie fließend, die Sprachen hat sie auf der Schule von Tikva gelernt.

berufe Nicht alle schaffen es an die Uni. »Wir lassen jedoch keinen ohne Berufsausbildung gehen«, sagt Erzieherin Wladimirowna. Bei Tikva können die Mädchen Berufe wie Kosmetikerin oder Friseurin lernen – dafür steht im Mädchenhaus sogar ein eigener Schönheitssalon bereit. Nur eines stört Wladimirowna: »Keines der Mädchen will Lehrerin werden«, seufzt sie.

Vom Hof zieht der Geruch von Brathähnchen herauf. Unten brutzeln die Fleischspieße auf dem Grill, Tische werden aufgestellt und mit Getränken und Salaten gedeckt. Kinder und Erzieher scharen sich um die Tische, gleich beginnt das Rosch‐Chodesch‐Fest, mit dem die Schule den neuen Monat feiert. Auch viele ehemalige Heimbewohner sind dabei, einige schieben Kinderwagen vor sich her. Erzieherin Wladimirowna ist froh, heute ihre »Enkelkinder« zu sehen. »Wir sind wie eine große Familie«, sagt sie.

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