Brasilien

Nahkampf unterm Zuckerhut

Blitzschnell entwaffnen und zu Boden werfen: Kobi Lichtenstein (l.) mit seinem Sparringspartner Foto: Julia Jaroschewski

Brasilien

Nahkampf unterm Zuckerhut

Der Israeli Kobi Lichtenstein bringt Soldaten und Elitepolizisten Krav Maga bei

von Julia Jaroschewski  24.04.2012 07:55 Uhr

Kobi Lichtenstein möchte genau wissen, wen er vor sich hat. »Ich will nicht meine Feinde trainieren«, sagt er und zeigt auf einen dicken Stapel mit Bewerbungen. Detailliert ausgefüllte Bögen und Fotos türmen sich auf Lichtensteins Schreibtisch in einem Büro in Rio de Janeiro. Von oben kracht und quietscht es, dass man glaubt, die Decke würde jeden Moment einbrechen. Die Gruppe der Fortgeschrittenen hat das Training begonnen.

Wenn Lichtenstein das Training leitet, ist das Szenario von noch härterem Kaliber. Gerade hat der 48-Jährige selbst auf der Matte gestanden – weißer Anzug, graue Haare, schmal und athletisch. Mit blitzschnellem Griff schlägt Lichtenstein die Pistole an seinem Rücken zur Seite und überwältigt den Angreifer in wenigen Sekunden. Im Hintergrund kämpfen mehr als zehn Zweierpärchen miteinander.

Links die brasilianische Flagge, rechts die israelische. In der Mitte hängt ein Bild von Imi Lichtenfeld (1910–1998), der wie ein strenger Wächter auf die Trainierenden blickt. Er ist der Begründer der Nahkampftechnik Krav Maga und Lichtensteins Vorbild. Er war es, der Kobi Kampftechniken, konzentriertes Handeln und Respekt, auch für den Gegner, beibrachte.

»Imi hat mich behandelt wie einen Sohn: hart, aber herzlich. Ihm habe ich alles zu verdanken«, sagt er. »Schritt für Schritt, Detail für Detail« will er den Stil seines Lehrers an seine Schüler in Lateinamerika weitergeben.

wunderkind Kobi Lichtenstein wurde in Israel geboren. Schon als Dreijähriger lernte er die ersten Krav-Maga-Griffe. »Ein Wunderkind«, sagten viele. Beeindruckt von den Fähigkeiten seines Vaters will auch der kleine Kobi kämpfen. Als einer der wenigen Schüler landet er in der Trainingsgruppe des berühmten Imi Lichtenfeld. Bereits mit 15 Jahren gibt Kobi selbst erste Stunden. Seinen Militärdienst nutzt er dazu, andere Soldaten auszubilden.

Lichtenstein wird so gut, dass er in den nationalen Sicherheitsdienst einsteigt, wo er prominente Politiker begleitet. Seine Karriere hätte er in Israel weiter verfolgen können – doch ein beruflicher Aufenthalt in Brasilien verändert 1990 sein Leben. »Ich sah in Rio so viele Menschen auf der Straße, die Angst hatten. Da war Krav Maga die Antwort«, sagt Lichtenstein. »Und dann war da noch Sandra«, seine heutige Frau.

Ein kleines Altbau-Haus mit olivfarbener Fassade im Stadtteil Botafogo ist Lichtensteins Zentrale. Von hier aus leitet er alle Krav-Maga-Einheiten in Lateinamerika. Nach Brasilien, Argentinien und Peru hat er den israelischen Kampfsport bereits exportiert. Als nächstes soll Mexiko dazukommen. »Als ich nach Brasilien kam, kannte hier keiner Krav Maga«, sagt Lichtenstein.

»Heute ist es in Rio sehr gefragt.« In einer Stadt, in der es viel Gewalt und Kriminalität gibt, hilft die Nahkampftechnik im Alltag. Die Unterschiede zwischen Reich und Arm sind hier extrem. Die Favelas, die Armenviertel, grenzen direkt an die umzäunten Hochhäuser der Wohlhabenden. Täglich geschehen Überfälle. Aber Lichtensteins Schüler kommen aus allen sozialen Schichten und Gegenden der Stadt.

selbstverteidigung Anders als Kung-Fu oder Karate ist Krav Maga kein Kampfsport, sondern Selbstverteidigung. »Es ist einfach, effizient und schnell zu lernen«, sagt Lichtenstein. »Wer Krav Maga trainiert, hat auf der Straße keine Angst mehr.« Schönheit ist nebensächlich: Während Kung-Fu-Kämpfer akrobatisch durch die Luft wirbeln, zielen Krav-Maga-Anhänger auf die vitalen Punkte – dem Gegner zwei Finger in die Augen rammen, die Kehle zudrücken.

Als 26-Jähriger, gerade in Brasilien angekommen, präsentiert Kobi Lichtenstein Krav Maga bei einem Treffen aller wichtigen Sicherheitseinheiten: Bodentruppen, Marine, Luftstreitkäfte. »In den ersten Reihen saßen nur hohe Generäle«, erinnert er sich. Am Ende kommt einer auf ihn zu und fragt: »Wie kann ein Einzelner so einfache Lösungen für viele unserer Probleme finden?« Der Durchbruch ist geschafft: Das Militär bucht Lichtenstein als Ausbilder.

Heute trainiert er alle: von Truppen im Amazonasgebiet bis zu den Bopes, der Polizei-Eliteeinheit, die die Stadt für die Fußballweltmeisterschaft 2014 sicherer machen soll. Seinen Schülern bringt Lichten- stein nur bei, was sie brauchen – denn ein Polizist setzt auf andere Handgriffe als ein Soldat im Regenwald oder eine Frau, die auf der Straße überfallen wird.

An der Wand im Trainingsraum hängen Urkunden, Zertifikate, Bilderrahmen voller Erinnerungen: aus Israel, von der brasilianischen Polizei, dem Militär – Netzwerke, die er in die wichtigen Sicherheitskreise Brasiliens pflegt. Doch Kobi Lichtenstein ist kein Prahler, selbstsicher ja, doch keinesfalls selbstverliebt.

akzent Sein Ton beim Training ist harsch, aber nicht unfreundlich. Er spricht Portugiesisch, das rollende R fällt ihm noch immer schwer, sein israelischer Akzent klingt deutlich heraus. Doch die Gruppe hört auf ihren Lehrmeister.

»Die Brasilianer haben mich sehr gut aufgenommen, aber ich bleibe ein Fremder.« Warum das so ist? Lichtenstein zuckt mit den Schultern. Jedes Jahr reist er mit seiner Frau und den Kindern nach Israel. »Brasilien ist ein Stück vom Paradies, hier ist es freier und menschlich wärmer – aber Israel fehlt mir«, sagt Lichtenstein. Er pflegt seine jüdischen Wurzeln. Sohn und Tochter besuchen eine jüdische Schule, die Synagoge liegt nicht weit entfernt.

Beide Kinder lernen beim Vater Krav Maga, der 17-jährige Sohn trägt schon den blauen Gürtel. Er trainiert zwischen den anderen Männern, die sich in dem alten Haus in Botafogo im Kreis warmlaufen.

Bis zum Jahr 2020 möchte Kobi Lichtenstein in allen lateinamerikanischen Ländern Krav Maga etablieren. »Es gibt nichts, was man nicht schaffen kann«, sei seine Einstellung. »Und irgendwann möchte ich so viel Geld haben, dass keiner mehr für meinen Unterricht zahlen muss«, wünscht er sich. Gerade in Brasilien können sich viele das Training nicht leisten. Armen Schülern gibt Lichtenstein schon jetzt einen Preisnachlass. »Imi hat gesagt: Wer zahlen kann, zahlt, wer nicht, der nicht.«

Wissen seine Schüler, wer Imi ist? »Sie wissen alles: wie er als Kind war, wie er aufgewachsen ist, was er gemacht hat«, sagt Kobi. »Wenn du nicht weißt, woher du kommst, weißt du nicht, wohin du gehst – das ist unsere Geschichte.«

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