Großbritannien

Nach Pandemie und Energiekrise

Amy-Winehouse-Ausstellung 2017 Foto: picture alliance/AP Images

Das 1932 gegründete Jewish Museum, das einst im Londoner Stadtteil Bloomsbury stand, zuletzt jedoch in London Camden Town in einer ehemaligen Klaviermanufaktur untergebracht war, sieht sich als Opfer unvorhersehbar steigender Kosten nach der Pandemie. Es sei nicht möglich, Besucher weiterhin im derzeitigen Gebäude zu empfangen. Deshalb wird das Haus seine Türen auf unbestimmte Zeit schließen.

Das Museum hat jahrelang versucht, verschiedene Aufgaben zu erfüllen: Es war Ausstellungsraum, aber auch Anlaufstelle für Schulklassen, die etwas über jüdische Kultur und Geschichte erfahren wollten. Zum Museum gehört ein großes Archiv, das mehrere wichtige Sammlungen enthält. Zu den bekanntesten Ausstellungen der vergangenen Jahre gehörte eine Schau über Soul- und Jazz-Sängerin Amy Winehouse, eine über »Juden im Ersten Weltkrieg« sowie eine zu Vorurteilen über Juden.

PLÄNE Trotz der Schließung geht die Arbeit weiter. Zum einen müssen die mehr als 40.000 Exponate aus den Museumsräumen auch während der Schließung sicher aufbewahrt werden. Darüber hinaus gilt es, Pläne und Lösungen für die Zukunft des Museums zu entwerfen. Das Haus, in dem sich das Museum bisher befand, soll verkauft werden und der Erlös die zukünftigen Pläne finanzieren.

Museums-Chef Nick Viner bleibt optimistisch. »Es wird Möglichkeiten zum Experimentieren geben.« Als Beispiel nannte er Wechselausstellungen. Dennoch warnte er vor zu hohen Erwartungen wie einer Wiedereröffnung innerhalb der nächsten fünf Jahre. Wissenschaftler könnten online allerdings weiterhin Zugang zu vielen Dokumenten haben.

Ein Museum in Camden Town war ein gewisses Wagnis. Die meisten Museen Londons befinden sich näher am Zentrum. Auch fehlten dem Management oft Kapazitäten, die sich mit anderen Museen vergleichen ließen. Das Jewish Museum hatte sich über viele Jahre halten können, doch die Pandemie und die steigenden Energiekosten überforderten es. Laut Finanzberichten verbuchte es bereits vor der Pandemie einen jährlichen Verlust von mehr als einer halben Million Euro. So erhielt es 2020 von der britischen Kulturbehörde mehr als eine Million Pfund, die das Haus retten sollten.

UNMUT Für manche war die Ankündigung, dass das Jewish Museum vorübergehend schließen werde, eine passende Gelegenheit, ihren Unmut über die geplante Holocaust-Gedenkstätte neben dem Parlament zu äußern. So warnte der bekannte britische Historiker Simon Schama, eine langfristige Schließung des Museums könne stereotype Vorurteile verstärken. Viele würden Juden dann nur noch mit der Heiligen Schrift, dem Holocaust und dem Nahostkonflikt verbinden.

Die knapp 120 Millionen Euro, die für die geplante Holocaust-Gedenkstätte bereitstünden, wären besser in ein jüdisches Museum der Zukunft investiert, das die Erinnerung an den Holocaust integriert, glaubt Schama. »Welche bessere Nutzung dieses Geldes könnte es geben, als – so wie das Museum es tat – die Tragödien und Triumphe des jüdischen Lebens in Großbritannien durch die Jahrhunderte zu dokumentieren? Was soll denn gelernt werden, wenn unsere schlimmste Tragödie isoliert von unserem Überleben zur Schau gestellt wird?«, fragt Schama. Man solle deshalb beides miteinander in einem Museum der Zukunft kombinieren.

Angeschlossen haben sich dem Aufruf auch etliche britische Persönlichkeiten, darunter die Schauspielerinnen Judi Dench und Maureen Lipman, der Journalist Stephen Pollard, die Schoa-Überlebenden Johanna Milan und Anita Lasker-Wallfisch, die Historiker Anthony Julius und Geoffrey Alderman, der ehemalige anglikanische Erzbischof Rowan Williams, der Politiker Malcolm Rifkind und andere.

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