Türkei

Nach dem Beben

In der Altstadt von Antakya bahnen sich Menschen einen Weg durch die Trümmer (13. Februar). Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Auch etliche Tage nach dem Erdbeben im türkisch-syrischen Grenzgebiet sind die Ausmaße nicht abzusehen. Eine Woche nach der Katastrophe wurde die Zahl der Toten auf rund 35.000 beziffert. Schätzungen zufolge ist mit mehr als 50.000 Toten zu rechnen. Nach offiziellen Angaben sind rund 42.000 Gebäude eingestürzt oder schwer beschädigt.

Besonders betroffen von dem schweren Erdbeben ist Antakya in der Provinz Hatay an der syrischen Grenze. Gegen Ende der Zeit des Zweiten Tempels war die als Antiochia bekannte antike Stadt das Hauptzentrum des hellenistischen Judentums und spielte später eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Christentums. Laut Gemeindemitgliedern ist die jüdische Präsenz in der Stadt rund zweieinhalb Jahrtausende alt.

synagoge Mehr als 80 Prozent der Stadt, in der Muslime, Christen und Juden jahrhundertelang zusammenlebten, sollen durch das Erdbeben zerstört worden sein. Zu den wenigen erhaltenen Gebäuden zählt die Synagoge – dies aber nur auf den ersten Blick. Das rund 130 Jahre alte Bethaus hat viele Risse, wie in einem Videoclip auf Twitter zu sehen ist. Der Istanbuler Rabbiner Mendy Chitrik hat ihn hochgeladen, man sieht darauf, wie Gemeindemitglieder einige alte Torarollen retten und aus dem Bethaus tragen.

Der Gemeindevorsitzende und seine Frau konnten nur noch tot geborgen werden.

Unmittelbar nach dem Erdbeben hatte Chitrik die jüdische Gemeinschaft zu Gebeten für all die Menschen aufgerufen, die dabei verletzt wurden, und für diejenigen, die ums Leben kamen. »Betet auch dafür, dass Freunde, die nicht erreichbar sind, gesund aufgefunden werden«, schrieb der Rabbiner. »Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Verletzten und denen, die unter Gebäudetrümmern eingeschlossen sind.«

Am ersten Tag nach dem Beben hatte sich Chitrik mit einer Delegation der jüdischen Gemeinde von Istanbul auf den Weg nach Antakya gemacht, um die Evakuierung von Gemeindemitgliedern zu koordinieren. Für Saul Cenudioglu, der seit 2021 Vorsitzender der Gemeinde war, und seine Frau Suna kam jedoch jede Hilfe zu spät. Einsatzkräfte des israelischen Katas­trophenschutzes bargen ihre Leichname drei Tage nach dem Erdbeben aus den Trümmern ihrer Wohnung. Am vergangenen Sonntag wurde das Ehepaar auf dem jüdischen Friedhof in Kilyos nördlich von Istanbul beigesetzt.

zorn Mit jedem Tag wächst nicht nur die Zahl der Toten, sondern auch der Zorn innerhalb der türkischen Bevölkerung. Denn schon bald nach dem Erdbeben, dessen Epizentrum im Südosten der Türkei lag, zeigte sich, dass die verheerenden Folgen nicht allein auf das Naturereignis, sondern auf Staatsversagen, Profitgier und Korruption zurückzuführen sind.

Viele Gebäude stürzten aufgrund von Baumängeln ein, der dem Staatspräsidenten unterstellte Katastrophenschutz AFAD nahm erst Tage nach den Beben der Stärke von 7,8 auf der Richterskala die Arbeit auf und erwies sich als überforderter schwerfälliger bürokratischer Apparat.

Längst waren türkische NGOs wie Ahbap und Akut sowie Helfer aus dem Ausland vor Ort, um die obdachlos gewordenen Menschen zu versorgen und Überlebende aus den wie Kartenhäuser in sich zusammengefallenen Gebäuden zu bergen.

unverständnis Auf Unverständnis stößt, dass der von Präsident Recep Tayyip Erdogan ernannte Leiter des staatlichen Katastrophenschutzes AFAD, der nicht vom Fach ist, sondern eine theologische Ausbildung hat, aus religiösen Gründen die Spende von dringend gebrauchten Mützen, Schals und Fleecejacken ablehnte, weil diese mit dem Logo einer Biermarke versehen waren. Empörung ruft auch hervor, dass private türkische und auch ausländische Hilfe mit dem Etikett von AFAD und der Regierungspartei AKP versehen wird.

Die Gemeinde blickte auf eine 2500-jährige Geschichte zurück.

Vor genau einem Jahr gab der bei dem Erdbeben ums Leben gekommene Saul Cenudioglu im Gespräch mit der türkisch-jüdischen Wochenzeitung »Salom« eine Prognose über das jüdische Leben in Antakya ab. »In zehn bis 15 Jahren wird es hier keine jüdische Gemeinde mehr geben«, sagte er.

Der 1941 in Antakya geborene Gemeindevorsitzende erzählt in dem Interview, dass in seiner Kindheit um die 50 bis 60 jüdische Familien in Antakya gelebt hätten und die Zahl der Gemeindemitglieder bei etwa 600 lag. »Heute sind wir nur noch 16, 17 Personen, und alle sind über 65 Jahre alt.« Der Schabbat könne nicht mehr richtig gefeiert werden, weil keine zehn Männer mehr zum Gebet zusammenkämen – auch sonst sei es kaum mehr möglich, religiöse Rituale und jüdische Kultur zu praktizieren.

REPRESSALIEN Saul Cenudioglu nennt politische Repressalien und wirtschaftliche Zwänge als Grund für die Abwanderung von Juden aus Antakya. Ein Großteil der Gemeindemitglieder sei in der Textilbranche tätig gewesen, viele hätten ihre Waren auf Märkten und Basaren verkauft. Um die jüdischen Konkurrenten auszuschließen, seien die Märkte auf Samstage gelegt worden. Die Existenzgrundlage schwand, und die Leute seien nach und nach weggezogen.

Wer nicht nach Israel oder in ein anderes Land migriert sei, sei nach Istanbul gegangen. Zu einer letzten Migrationswelle sei es in den 80er-Jahren gekommen, damals seien Wohnhäuser und Arbeitsstätten der jüdischen Bewohner markiert worden.

Zum Ende des Gesprächs mit der jungen Journalistin, die selbst aus Antakya stammt und in Istanbul lebt, betonte Saul Cenudioglu, dass die Gemeinde keine finanzielle Hilfe brauche, aber »moralische« Unterstützung. »Ich wünsche mir, dass all die, die Antakya verlassen haben, wenigstens zu Feiertagen zu Besuch kommen und mit uns die Feste begehen.«

rückkehr Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Zwar kamen in den vergangenen Tagen ehemalige Gemeindemitglieder zurück nach Antakya, aber nicht für das gemeinsame Gebet, sondern um die Toten zu bergen und die letzten Juden der Stadt nach dem Erdbeben zu versorgen und sie zu evakuieren.

»Angesichts dessen ist leider festzustellen, dass das jüdische Leben, das in Hatay 2500 Jahre andauerte, nun vorbei ist«, erklärte der Nahost-Experte Hay Eytan Cohen Yanarocak. Er ist in Istanbul geboren und aufgewachsen und forscht seit einigen Jahren an der Universität Tel Aviv. »Eine Ära ist zu Ende gegangen.«

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