Delphine Horvilleur

Model, Rabbi, Feministin

Eine von drei Rabbinerinnen in Frankreich: Delphine Horvilleur (45) Foto: Getty Images

Delphine Horvilleur

Model, Rabbi, Feministin

Die 45-Jährige war kürzlich Titelmotiv der Frauenzeitschrift »Elle«

von Ute Cohen  04.03.2020 15:11 Uhr

Ausverkauft! Der Zeitungshändler schüttelt den Kopf und deutet auf das leere Regal. »›Elle‹? Die war sofort weg! Mit Delphine Horvilleur auf dem Titel kein Wunder!« Wenn eine Rabbinerin das Cover einer der meistverkauften Frauenzeitschriften Frankreichs ziert, erstaunt der reißende Absatz nicht. Ganz Paris hat eine Meinung zu der Frau, die eine von nur drei Rabbinerinnen in Frankreich ist. Es kann und darf nicht sein, dass eine Frau Brillanz, Schönheit und Religiosität in sich vereint.

Journalismus Horvilleur studierte nicht nur Medizin an der Hebräischen Universität Jerusalem und später in Paris Journalismus, sondern machte auch eine Rabbinerausbildung am Hebrew Union College in New York. 2008 wurde sie zur Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Bewegung (MJLF) Frankreichs ordiniert. Verheiratet ist sie mit Ariel Weil, dem Bürgermeister des Pariser 4. Arrondissements. Mit ihm hat sie drei Kinder.

Das Verhältnis zur Weiblichkeit sieht sie als gordischen Knoten jeder Religion.

Es ist eine Story wie aus einem Hochglanzmagazin für weibliche Ikonen: Covergirl, Mom of Three und führende Intellektuelle in einer Person! Dass wir heute immer noch ungläubig erstarren vor so viel femininer Power, zeugt von Rückwärtsgewandtheit und einem gewaltigen Mangel an Fantasie. Um mit Hannah Arendt zu sprechen: Das »automatische Herumtappen zwischen den Klischees« hindert uns daran, offenen Blickes nach vorn zu schreiten. Ohne dabei die Bodenhaftung zu verlieren, würde Horvilleur vermutlich einwerfen, denn nichts ist ihr mehr zuwider als Schwarz-Weiß-Denken.

Weder propagiert sie blinden Fortschritt noch reaktionäres Verhalten. Überhaupt ist sie eine Frau der Widersprüche und des Facettenreichtums. Selbstverständlich ist sie Jüdin, aber nicht nur, wie sie zu betonen pflegt, denn sie ist auch Feministin und Rabbinerin. Auf keine dieser Bezeichnungen lässt sie sich einengen.

Selbstbestimmung Obwohl sie mit deutlichen Worten gegen Antisemitismus vorgeht, mit Verve für die Stärkung weiblicher Selbstbestimmung eintritt und als Rabbinerin so manche Glaubensgewissheit umstößt, ist Horvilleur eine scharfe Kritikerin von Identitätspolitik.

Identität ist für sie hybrid, vergleichbar einem – wie könnte es im genießerischen Frankreich anders sein? – Millefeuille, dieses köstliche Dessert aus Blätterteig. Identität ist kein monolithischer Block, der mit anderen kollidiert und alles plattwalzt, was nicht ins Schema passt. Eine gewagte Haltung in einer Zeit, in der die Sehnsucht nach Abschottung und Identifikation mit den eigenen Werten wächst.

Dem Wunsch nach Reinheit und der Angst vor Kontaminierung mit anderen als den ureigenen Positionen stellt Horvilleur furchtlose Debatten und Vielstimmigkeit gegenüber. Polyphonie ist ihr Trumpf in einem klanglosen Meer der Eindeutigkeit. Hyperindividualismus muss nicht zwangsläufig zu einer radikalen Verschmelzungspolitik führen. Warum sollte es nicht möglich sein, die eigene Persönlichkeit zu wahren innerhalb einer Gemeinschaft?

Juden, Muslime und Christen müssen nicht eins werden. Die friedliche Koexistenz und der fruchtbringende Austausch der Religionen ist Horvilleur lieber als ein dumpf brodelnder Einheitsbrei. Das sorgt für Anfeindungen, für Reibungen in der Gemeinde und über deren Grenzen hinaus. Wer zwischen den Stühlen sitzt, muss oft mit einem harten Fall rechnen. Radikale Skepsis und Missbilligung schlagen der umtriebigen Rabbinerin von Teilen der jüdischen Gemeinde entgegen. Ein Dorn im Auge ist vielen ihre Toleranz und Kooperationsbereitschaft mit anderen Konfessionen.

Enttäuschung Horvilleur arbeitet oh­ne Scheu mit muslimischen Künstlern und Schriftstellern wie Rachid Benzine und Abd al Malik zusammen. Auch die weit über Frankreich hinauswirkende französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani ist ihr eine Schwester im Geiste. Befragt zur Bedeutung von Feminismus in heutigen Zeiten, antwortet sie mit Slimanis Worten: Eine Feministin sei eine Frau, die bereit ist zu enttäuschen.

Wenn eine 45-jährige verheiratete Rabbinerin mit drei Kindern ein solches Statement abgibt, klingt das in manchen Ohren leichtfertig. Doch von aufbrausenden Reaktionen lässt sich Horvilleur nicht beeindrucken. Ihr Kompass ist ein ganz eigener. Getreu dem chassidischen Sprichwort »Frag nie jemanden nach dem Weg, der ihn kennt, sonst läufst du Gefahr, dich nicht zu verirren«, erforscht sie eigene Wege. Erst Versuch und Irrtum ermöglichen einen Erkenntnisgewinn, der Gewohnheiten und alte Muster durchkreuzt. Diesem Grundsatz folgt sie auch als jüdische Gelehrte.

Ihre Inspirationen schöpft sie nicht nur aus den Männern der Bibel, sondern auch aus den Frauen: Abraham und Sara, Isaak und Rebekka. Das Verhältnis zur Weiblichkeit sieht sie als gordischen Knoten jeder Religion: Solange das Weibliche ausgeschlossen wird, besteht ein problematisches Verhältnis zum Fremden. Folgerichtig ist sie gegen Geschlechtertrennung und für das weibliche Rabbinat.

Horvilleurs Austausch mit anderen Religionen sorgt für Anfeindungen.

Doch als Leitfigur des zeitgenössischen Feminismus gilt Horvilleur dennoch nicht: Ihr Diktum vom »Opferwettbewerb« provoziert. Ihr Plädoyer für eine Stärkung der Resilienz von Frauen wird ihr als mangelnde Solidarität ausgelegt, den Traditio­nalisten ist sie wiederum zu radikal.

Courage Horvilleurs Courage, gegen den Strom zu schwimmen und differenzierte Positionen einzunehmen, rührt aus ihrer familiären Vergangenheit her. Die Familie ihrer Mutter floh vor der Verfolgung durch die Nazis aus den Karpaten, die Großeltern väterlicherseits wurden gerettet von den »Justes«, Franzosen, die im Namen der Gerechtigkeit ihr Leben riskierten.

Schon als Kind wurde Horvilleur mit den Erzählungen über Stärke und Schwäche konfrontiert. »Comprendre le monde« (Die Welt verstehen), so auch der Titel ihres neuen Buches, bedeutet für sie nicht, sich auf eine Seite zu schlagen und darauf zu warten, dass Gott es schon richten wird.

Klartext spricht sie auch im Falle der 16-jährigen Mila, die wegen Islamkritik Morddrohungen erhielt. Während Emmanuel Macron formaljuristisch das »Recht auf Gotteslästerung« vertritt, argumentiert Horvilleur gewitzt: Die »wahre Blasphemie« bestehe darin, zu glauben, dass Gott so empfindlich sei, dass man ihm beispringen müsse. Religion und Republik – sie sind kein Widerspruch für Horvilleur, die laizistische Rabbinerin.

Im Februar erschien erstmals ein Essay von Delphine Horvilleur in deutscher Übersetzung: »Überlegungen zur Frage des Antisemitismus«. Hanser, Berlin 2020, 160 S., 18 €

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