John Bercow

Mister Speaker

Nach zehn Jahren legt der Unterhauspräsident sein Amt nieder

von Daniel Zylbersztajn  31.10.2019 09:07 Uhr

Mit seiner Frau Sally Illman: John Bercow (56), Speaker of the House of Commons Foto: imago images / i Images

Nach zehn Jahren legt der Unterhauspräsident sein Amt nieder

von Daniel Zylbersztajn  31.10.2019 09:07 Uhr

Seit zehn Jahren sitzt John Bercow in schwarzer Robe auf einem riesigen grünen Ledersessel im britischen Unterhaus. Seine leicht zynische und belustigende Art, mit der er die Abgeordneten zurechtweist, ist inzwischen weltbekannt. Erst vor wenigen Tagen rügte er einen Abgeordneten, der laut dazwischengerufen hatte: »Ich befürchtete, der ehrenwerte Gentleman würde explodieren – was eine ziemlich unglückliche Szene gewesen wäre.«

An diesem Donnerstag beendet John Bercow (56), der seit 1997 für die Konservativen im Unterhaus sitzt, seine Amtszeit als Speaker of the House of Commons. Er war der erste jüdische Präsident in der jahrhundertelangen Geschichte des britischen Parlaments.

Bercow ist nicht religiös, aber er hatte vor 43 Jahren in der Finchley Reform Synagogue im Norden Londons seine Barmizwa.

»Order!« Wie andere Parlamentssprecher vor ihm wurde auch John Bercow vor allem durch den scharfen Einwurf »Order, Order!« (deutsch: Ordnung) bekannt, mit dem er Abgeordnete und sogar Premierminister zurechtwies.

Internationale Bekanntheit erlangte er, als er im März der damaligen Premierministerin Theresa May kurz vor dem Auslaufen der ersten Brexit-Frist eine dritte Abstimmung über ihren Entwurf für ein Abkommen mit der EU verwehrte.

Es war nicht das erste Mal, dass Bercow eine zentrale Funktion in der Diskussion über den Brexit erlangte. Einige Monate später verweigerte er auch dem amtierenden Premier Boris Johnson das Recht zu einer weiteren Abstimmung zum Brexit-Deal.

Anzuecken war schon immer Bercows Markenkern.

2017 sprach sich Bercow gegen einen Auftritt von US-Präsident Donald Trump, der zu einem Staatsbesuch nach Großbritannien eingeladen worden war, im Unterhaus aus. Bercow sagte, im Parlament sei kein Platz für Rassismus und Sexismus. Im Unterhaus zu sprechen, sei »eine Auszeichnung, die sich eine Person verdienen« müsse.

Anzuecken war schon immer Bercows Markenkern. So lehnte er es bei seinem Amtsantritt ab, die bis dahin von Speakern getragene Perücke und Kniebundhose zu tragen. Sie seien eine Barriere gegenüber der Öffentlichkeit, sagte er. Und einige Jahre später hörte man von ihm den Satz: »Wenn wir uns stets an die Tradition halten, sind keine Veränderungen möglich.«

David Cameron Derartiges verärgerte vor allem seine eigene konservative Fraktion. Sogar der ehemalige Premierminister David Cameron wandte sich gegen Bercow, indem er ihn einmal als einen der sieben Zwerge von Schneewittchen bezeichnete.

Die Abneigung der beiden Männer beruhte auf Gegenseitigkeit. So stimmte Bercow 2005 gegen Cameron als neuen Parteichef, weil er der Meinung war, »dass die Partei nicht von einem in Eton verzogenen Menschen geführt werden sollte«.

Wiederholt gab es jedoch auch Vorwürfe gegen Bercow selbst. Sie bezogen sich darauf, dass er sich manchmal äußerst unkollegial verhalte, ja, Mitarbeiter regelrecht mobbe. So behauptete Bercows Sekretär, sein Chef habe ihn gehänselt und angeschrien.

Bercow wies die Anschuldigungen zurück, doch wurden Rücktrittsforderungen laut, denn die Beschwerden kamen zu einer Zeit, als das Verhalten von Parlamentariern allgemein genauer unter die Lupe genommen wurde.

Er war der erste jüdische Präsident in der jahrhundertelangen Geschichte des britischen Parlaments.

Vor einem Jahr empfahl ein unabhängiger Un­tersuchungsbericht zum Mobbing im Parlament, dass »gewisse Abgeordnete« ihren Rücktritt in Erwägung ziehen sollten, damit sich die Situation im Parlament in Zukunft bessere.

Zwar wurden keine Namen genannt, doch nahmen viele an, dass sich diese Aufforderung auch an den Speaker richtete, denn die Untersuchung hatte unmittelbar nach den Enthüllungen von Bercows Sekretär begonnen.

herkunft John Bercow wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater handelte im Norden Londons mit Gebrauchtwagen. Nach dem Zusammenbruch seines Geschäfts hielt er sich als Taxifahrer über Wasser. Bercows Großvater, der noch Bercowitch hieß, hatte im Alter von 16 Jahren Rumänien verlassen, wanderte nach Großbritannien aus und ließ sich im damals jüdischen Londoner East End nieder.

Der nur 1,67 Meter große John Bercow soll wegen seiner geringen Körpergröße in der Schule oft gehänselt worden sein. Doch habe er sich nichts gefallen lassen. Er legte sich mit Lehrern an und soll schon damals »wie ein Politiker« gesprochen haben.

Bekannt wurde er in seiner Jugend jedoch vor allem als Tennistalent. Aber eine Krankheit ließ den Traum zerplatzen, ein Tennisstar zu werden.

Ist Bercow heute eher für seine liberalen Haltungen bekannt, begann sein politisches Engagement im Alter von 18 Jahren als Sekretär des »Einwanderungs- und Rückführungsausschusses« im rechtskonservativen »Monday Club«. Nach eineinhalb Jahren kam er jedoch, nach eigenen Worten, »zu der Einsicht, dass der Club voller unangenehmer Menschen und Rassisten war«.

In jenen Jahren wurde er an der University of Essex, wo er Politologie studierte, Vorsitzender der ultrakonservativen Studentenföderation.

Herkunft 1986, im Alter von 23 Jahren, wird Bercow Stadtrat im Südlondoner Bezirk Lambeth und stellvertretender Fraktionschef der dortigen Tories. Im selben Jahr kandidiert er, wenn auch erfolglos, für einen Sitz im Unterhaus.

Vor zehn Jahren gefährden Enthüllungen einer Spendenaffäre von Abgeordneten des britischen Parlaments auch Bercow.

Ein Porträt in der Zeitung »Jewish Chronicle« zeigt ihn im Rambo-T-Shirt und zitiert seine verbalen Angriffe auf linke jüdische Studenten. Man wunderte sich, ob er nicht Rechtsradikalen zu nahe komme, wenn er in Kreisen verkehre, in denen auch bekannte Nazis unterwegs seien.

Berater Nach einem kurzen Intermezzo im Bankwesen und bei der Werbeagentur Saatchi & Saatchi, die oft für die Konservative Partei tätig war, tritt Bercow 1992 eine Stelle als Sonderberater des damaligen Finanzstaatssekretärs an. Doch noch immer ist Bercow auf einen Sitz im Unterhaus erpicht. 1996 hat er schließlich Erfolg – nachdem er sich im Wahlkampf einen Hubschrauber gemietet hatte. Die 1000 Pfund, die er dafür bezahlte, nannte er einmal »die beste Investition meines Lebens«.

Die Tories sind von ihm begeistert – doch Bercow kommen Zweifel an seiner Partei, als es um die Gleichstellung der LGBTQ-Gemeinschaft geht. Viele in seiner Partei sind dagegen, während Bercow eigene Recherchen anstellt und sich danach selbstbewusst auf die LGBTQ-Seite stellt.

Dann beginnt er, Euroskeptiker in seiner Partei zu hinterfragen, »weil ihre Skepsis«, wie er einmal sagte, »in eine Phobie ausartete«. Wegen Differenzen zum Adop­tionsrecht unverheirateter Ehepartner tritt er 2002 aus dem Schattenkabinett aus. Im selben Jahr heiratet er Sally Illman, die fast einen Kopf größer ist als er und der oppositionellen Labour-Partei angehört. Inzwischen hat das Paar drei Kinder.

Spendenaffäre Vor zehn Jahren gefährden Enthüllungen einer Spendenaffäre von Abgeordneten des britischen Parlaments auch Bercow. Er hat seinen Erst- mit seinem Zweitwohnsitz vertauscht, sodass Steuerzahlungen ausstehen. Unaufgefordert zahlt er 6500 Pfund ans Finanzamt.

Seiner Kandidatur zum Parlamentssprecher im selben Jahr scheint die Steueraffäre nicht zu schaden. Bercow wird mithilfe von Stimmen aus der Labour-Partei zum Speaker gewählt. Zehn Jahre bleibt er im Amt – und macht in dieser Zeit auch Erfahrungen mit Antisemitismus.

Im September erklärt er in einer emotionalen Ansprache vor dem versammelten Unterhaus seinen Rücktritt. Vor allem Labour-Abgeordnete stehen auf, applaudieren ihm und würdigen seine Leistungen. Viele Parteikollegen jedoch bleiben demonstrativ sitzen.

Diplomatie

»Wir lieben Israel«

Die Färöer-Inseln wollen eine offizielle Vertretung in Jerusalem errichten

 15.11.2019

Finnland

Kritik an »Arbeit macht frei«-Schild über Dorfkneipe

Der Inhaber sagte, es handele sich »bloß um einen Scherz«

 15.11.2019

Europa

Brain Date statt Blind Date

Zu einem neuen Gesprächsformat kamen am Sonntag 60 Teilnehmer aus 17 Ländern nach Berlin

von Tobias Kühn  14.11.2019

Italien

Unter Polizeischutz

Wegen antisemitischer Drohungen wird die Schoa-Überlebende Liliana Segre ständig von zwei Carabinieri in Zivil begleitet

von Andrea M. Jarach  14.11.2019

Dänemark

Festnahmen nach Schändung von jüdischen Gräbern

Zwei Männer stehen im Verdacht, Dutzende Grabsteine beschmiert und umgestoßen zu haben

 13.11.2019

Reaktionen

Brüssel und Berlin verurteilen Raketenangriffe

Federica Mogherini: »Das Abfeuern von Raketen auf die Zivilbevölkerung ist absolut inakzeptabel«

 12.11.2019