Chabad

Mensch und Mythos

Korrekturbedarf: Wie viel muss an Rabbi Schneersons Bild verändert werden, damit es einer historischen Prüfung standhält? Foto: Flash 90

16 Jahre nach seinem Tod bezeugt eine Reihe neuer Veröffentlichungen zu Menachem Mendel Schneerson nicht nur, wie dauerhaft das Interesse an seinem Leben und seinem Vermächtnis ist, sondern auch, wie viel Sprengkraft das Minenfeld, das seinen Mythos umgibt, immer noch birgt. Die Biografie einer überlebensgroßen Figur zu schreiben, ist ein schwieriges Unterfangen. Und wenn es sich bei dieser Figur um den siebenten Lubawitscher Rebben, den charismatischen Führer der weltweiten Chabad Lubawitscher Bewegung, handelt, kommen zu den Schwierigkeiten interne Politik, religiöse Empfindlichkeiten und persönliche Loyalitäten hinzu. Und dann ist da noch die Sache mit dem Messias.

Akademiker Die bislang erschienenen Berichte zu Schneersons Leben sind Hagiografien, geschrieben von Chabad‐Anhängern. Jetzt liegen zwei neue Biografien aus der Feder von Akademikern vor, die nicht dem Chabad‐Kreis zugehören, und eine dritte Biografie ist in Arbeit.

Das Buch von Elliot Wolfson, Professor an der New York University, Open Secret: Postmessianic Messianism and Mystical Revision of Menahem Mendel Schneerson, das Schneersons Führerschaft im Rahmen der jüdischen esoterischen Tradition analysiert, kam vergangenen Herbst heraus. The Rebbe: The Life and Afterlife of Menachem Mendel Schneerson von Samuel Heilman, der an der New Yorker City University lehrt, und Menachem Friedman von der Bar‐Ilan University ist vor wenigen Wochen erschienen. Das Buch hat das frühe Leben Schneersons zum Gegenstand und durchleuchtet die zunehmenden messianischen Ambitionen Schneersons, wie die Verfasser es nennen.

Der dritte Biograf ist Rabbi Joseph Telushkin, Autor einer Reihe von Bestsellern über jüdisches Leben und Denken. Er hat gerade mit der Arbeit an einem Buch begonnen, das sich auf die Quelle von Schneersons Charisma und den Einfluss konzentriert, den er noch immer auf das Leben vieler Menschen ausübt.

Messianismus Am umstrittensten ist die Publikation von Heilman und Friedman. Das Buch ist für ein Laienpublikum geschrieben und deutet die Mission Schneersons – und der von ihm geführten Chabad‐Bewegung – als getrieben von einem Messianismus, der hier als der Versuch dargestellt wird, das Kommen der messianischen Epoche durch menschliches Tun zu beschleunigen. Die messianische Mission habe den Kern der Führerschaft des verstorbenen Rebben gebildet, so das Argument der Verfasser.

Die Autoren nähern sich Schneersons Leben mit einem psychologisch‐biografischen Ansatz und versuchen, in das innerste Denken des Mannes einzudringen, um seine Motive aufzudecken. Sie konzentrieren sich auf die 14 Jahre, die Schneerson in Berlin und Paris verbrachte, die sogenannten verlorenen Jahre zwischen seiner Heirat mit Chaya Mushka, der Tochter des sechsten Lubawitscher Rebben, im Jahr 1927 und 1941, als das Ehepaar aus Nazi‐Europa floh und in New York ankam, um sich dem Lubawitscher Hof wieder anzuschließen.

Hätte er unabhängig entscheiden können, schreiben die Autoren, hätte Schneerson es vorgezogen, »in Paris zu bleiben, französischer Staatsbürger zu werden, als Jude chassidischer Herkunft zu leben und seine Karriere als Ingenieur zu verfolgen«. Ohne ausdrücklich zu behaupten, Schneerson und seine junge Frau hätten sich von ihren chassidischen Wurzeln entfernt, kommen die Autoren immer wieder auf die Tatsache zu sprechen, dass Schneerson vor seiner Ankunft in New York einen kurzen Bart trug und sich weltlich kleidete. Diese und ähnliche Details sollen einen orthodoxen, aber nicht haredischen Lebensstil belegen. »Es besteht kein Zweifel, dass er ein gläubiger, die Vorschriften befolgender Jude war, doch er lebte an Orten, wo keine Chassidim lebten, und er tat Dinge, die sie nicht tun würden«, sagt Heilman.

Schuldgefühl Es war, so schreiben die Autoren, die Kombination aus dem Schuldgefühl des Überlebenden – Schneerson war als Einziger seiner näheren Familie der Schoa entkommen – und der Unwahrscheinlichkeit, jemals als Ingenieur in Amerika Fuß zu fassen, die ihn in den späten 40er‐Jahren nach einem neuen Karriere‐Ziel Ausschau halten ließ: nämlich die Nachfolge seines Schwiegervaters anzutreten und der siebente Lubawitscher Rebbe zu werden.

»Mendels ganze Welt war zusammengebrochen«, begründen Heilman und Friedman. »Er war ein kinderloser Flüchtling in Amerika, fast 40 Jahre alt, mit wenigen oder gar keinen Englischkenntnissen, ohne Hoffnung auf Arbeit in seinem gewählten Beruf.« Als Schneerson die Führerschaft von Chabad übernahm, fahren die Autoren fort, konnte er seine weltliche Erfahrung dazu nutzen, eine bislang kleine chassidische Bewegung auf die Weltbühne zu bringen. Er rief das globale Outreach‐Programm ins Leben, das zum Markenzeichen der Bewegung werden sollte.

Wahnvorstellung Allmählich, so die Autoren, glaubte Schneerson, er sei »der Prophet seiner Generation« – berufen, den Anbruch der messianischen Zeit herbeizuführen. Und weil der Rebbe so allein war und es keine Gleichgestellten gab, die ihm widersprochen hätten, stellen die Autoren die rhetorische Frage: »Verlor er sich in einer Kultur messianischer Wahnvorstellungen?«

Diese Version des Lebens Schneersons widerspricht der offiziellen Lubawitscher Version eines geradlinigen Wegs, der ihn ohne Abschweifung an den Punkt führte, an dem er die Führerschaft der Bewegung annahm, und legt ein weit nuancierteres Leben nahe, dessen Irrungen und Wirrungen leicht ein anderes Ergebnis hätten zeitigen können.

Bereits vor seiner Veröffentlichung rief die Biografie in Chabad‐Kreisen lauten Widerspruch hervor. Eine Emissärin berichtete, einige ihrer Kollegen seien »durch das Hauptquartier angewiesen« worden, die Leute vom dem Buch fernzuhalten.

Anfechtung Lubawitscher lassen kein gutes Haar an der Darstellung und fechten sowohl einzelne Fakten als auch die Gesamtthese an. Sie behaupten, die Autoren hätten leicht zugängliche Primärquellen ignoriert. Laut diesen Kritikern hat der Rebbe seinen Bart in Europa nicht geschnitten, sondern aufgerollt, und auch in Berlin regelmäßig die Synagoge besucht. Gefilmte Interviews mit Juden, die ihn dort gesehen haben wollen, sollen den Beweis dafür liefern.

Und der Hinweis, dass Schneerson während seiner Zeit in Europa überhaupt nicht für Chabad aktiv war? Unsinn, sagen sie. Rabbi Chaim Rapoport, Lubawitscher Gelehrter und Dekan von Machon Mayim Chaim in Großbritannien, verweist auf den Briefwechsel zwischen Schneerson und seinem Vater, in dem die beiden Männer über tiefgründige talmudische und kabbalistische Fragen diskutieren. »All dies ist weit entfernt« von der Behauptung von Heilman und Friedman, »der Vater habe seinen Sohn angeleitet, der selbst nur ein elementares Interesse oder, schlimmer noch, ein flüchtiges Interesse an einer chassidischen Lebensweise hatte«, sagt Rapoport.

Bart Heilman meint dazu: »Wir bestreiten keineswegs, betonen vielmehr, dass Rabbi Levi Yitzchak Schneerson für seinen Sohn in religiösen und chassidischen Fragen ein wichtiges Vorbild war, und zitieren aus dem Briefwechsel. Unser besonderes Augenmerk gilt den Briefen, die sie zur Zeit der Hochzeit des Sohnes mit der Tochter des sechsten Rebbe austauschten.«

Zur Frage des Barts meint Heilman, der Leser könne sich seine eigene Meinung bilden, wenn er die Fotos von Schneerson sieht, die Bemerkungen seines Schwiegervaters liest und in Betracht zieht, wann diese Bemerkungen gemacht wurden.

Samuel Heilman und Menachem Friedman: The Rebbe: The Life and Afterlife of Menachem Mendel Schneerson. Princeton University Press 2010, 382 S.

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