Argentinien

Masorti für alle

Die José-Hernández-Straße im Stadtteil Belgrano fällt leicht ab. Am Rand deuten eingelassene Betonpfeiler auf eine jüdische Einrichtung hin. Jetzt noch durch die Sicherheitskontrolle: Willkommen im »Seminario Rabínico Latinoamericano Marshall T. Meyer« in Buenos Aires, dem Zentrum der konservativen Masorti-Bewegung in Lateinamerika.

Der Namensgeber, Rabbiner Marshall T. Meyer, kam 1959 aus den USA nach Argentinien, 1962 gründete er das Seminar. Meyers Ankunft in Buenos Aires stellt einen wichtigen Einschnitt in der religiösen Geschichte der jüdischen Gemeinde dar. »Die konservative Revolution in Lateinamerika hat ihren Ausgangsort in Buenos Aires«, sagt Rabbiner Abraham Skorka. Er ist der Rektor des Rabbinerseminars – des einzigen in Lateinamerika.

Heute werden hier neben Rabbinern auch Kantoren und Religionslehrer ausgebildet. Zehn Jahre nach der Gründung des Seminars verließ der erste ausgebildete Rabbiner die Schule. Inzwischen sind es 85. Die meisten haben in Argentinien eine Anstellung gefunden, andere arbeiten in Gemeinden in den USA, Kanada, Israel, Spanien und ganz Lateinamerika.

Krise Seit Jahren allerdings schrumpft die jüdische Gemeinde in Argentinien und damit auch das Reservoir, aus dem das Seminar hauptsächlich schöpft. Nach dem Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA 1994 war es 2001 die Wirtschaftskrise, die dem Land einen schweren Schlag versetzte. »Viele gingen damals nach Israel. Das hat alle jüdischen Einrichtungen getroffen, das spüren wir bis heute«, klagt Skorka. So habe es bis vor wenigen Jahrzehnten 18 jüdische Gymnasien in Buenos Aires gegeben. Heute seien es noch fünf. »Vieles ging nach und nach verloren.«

Wer die Smicha zum Rabbiner erhalten möchte, braucht auch einen »weltlichen« Hochschulabschluss. Die Klassen im Seminar beginnen deshalb erst um 18 Uhr, denn tagsüber wird an der Uni gebüffelt. Das letzte Jahr des Studiums verbringen die angehenden Rabbiner in Jerusalem. Ohne Stipendium geht das nicht. Wer durchhält, hat anschließend die moralische Verpflichtung, zwei Jahre der jüdischen Gemeinschaft in Argentinien zu dienen und damit auch dem Seminar etwas zurückzugeben.

Frauen 1994 wurde erstmals eine Frau ordiniert. Ihr folgten bis heute sieben weitere. Eine große Debatte darüber hätte damals aber nicht stattgefunden, sagt Skorka. »Denn es gab schon Vorgängerinnen in New York und Israel.«

Rita Fleischer de Saccal hat dies jedoch ganz anders in Erinnerung. »Die erste Rabbinerin? Das war eine Revolution in Argentinien!«, setzt sie dagegen. »Die musste hart kämpfen, weil die Männer sie nicht anerkennen wollten.« Seit über 20 Jahren leitet Fleischer de Saccal die Bibliothek des Seminars. Es ist die einzige Bücherei ihrer Art in der Region. »Offiziell sind wir die lateinamerikanische Filiale der Bibliothek des Jewish Theological Seminary in New York«, sagt Fleischer. 95 Prozent des Bestands sind Bücher in hebräischer, englischer und deutscher Sprache. »Wer hier studiert und die drei Sprachen nicht kann, der hat es schwer.«

Elegant kurvt die Bibliotheksleiterin um die Bücherregale. »Hier darf man nicht dick sein«, sagt sie und lächelt. Angefangen hat sie ehrenamtlich, vor 15 Jahren übertrug man ihr die Leitung. Eingerichtet wurde die Bibliothek 1964. Am Anfang zählte sie gerade mal 500 Bücher. Heute sind es 63.000. »Wir platzen aus allen Nähten«, seufzt Fleischer mit dennoch hörbarem Stolz.

Sie geht durch die Regalreihen und zeigt ihre Schätze. »Hier sind alle Bücher zur Tora mit den Interpretationen. Dann haben wir dort die Abteilung für jüdische Geschichte und da die jüdischen Schriftsteller. Und hier haben wir die ganze argentinisch-jüdische Literatur.«

Kosten Wie alles finanziell zu schaffen ist, grenzt für Fleischer an ein Wunder. »Die Bibliothek hatte viele Höhen und Tiefen«, sagt die Bibliothekschefin und macht eine Wellenbewegung mit der Hand.

Das Rabbinerseminar ist vor allem auf Spenden angewiesen. Während der Wirtschaftskrise von 2001 gerieten auch zwei wichtige jüdische Banken mit in den Sog. »Damals brachen uns viele Spender und Sponsoren weg«, sagt Rita Fleischer. Inzwischen blickt sie wieder optimistisch nach vorn. Ein großes Projekt ist derzeit die digitale Vernetzung mit anderen großen Bibliotheken. »Bald werden New York, Jerusalem und Buenos Aires eine vereinte Bibliothek haben, und die Schüler können sich in alle drei einloggen.«

Sorgenfrei ist das Seminar dennoch nicht. Rektor Skorka sitzt in seinem Büro und hat die Stirn in Falten gelegt. »Die konservative Bewegung macht heute eine Krise durch«, sagt er. Den Menschen falle es nicht leicht, das Grau zu akzeptieren, das Masorti immer charakterisiert hat. »Die Welt teilt sich zunehmend in Schwarz und Weiß auf.« Weltweit steht ein neuer akademischer Plan an. Auf die Agenda drängen Themen wie Mischehe und Homosexualität.

Viele wollen Nichtjuden heiraten, erzählt Skorka. »Was kann der Rabbiner antworten, wenn er von ihnen um Rat gefragt wird?« In Argentinien wurde vor einigen Monaten ein Gesetz über die gleichgeschlechtliche Ehe beschlossen.

Das bewegt auch die jüdische Gemeinde. »Wir haben noch keine Antwort auf die Frage nach der Zulassung von homosexuellen Schülern«, sagt Skorka. Ein weiteres Thema steht dieses Jahr in Argentinien zur Debatte: eine gesetzliche Neuregelung der Abtreibung. Rektor Skorka resümiert: »Es geht auch in unserem Haus darum, einen gemeinsamen Nenner zu suchen – allerdings mit einem pluralistischen Profil.«

www.seminariorabinico.org.ar

Frankreich

Anarchie und Antisemitismus

Was mit Schülerprotesten gegen schlechte Lernbedingungen begann, hat sich zu gewalttätigen politischen Unruhen ausgewachsen, befeuert von Judenhass

von Laura Sahin  19.10.2026

Dave Rich

»Jüdische Studierende schweigen oft«

Der Antisemitismus-Experte über zunehmenden Judenhass an Universitäten, mangelnde Sicherheit im Alltag und die extreme Rechte in Großbritannien

von Nicole Dreyfus  19.10.2026

Frankreich

Prozess eröffnet: Rima Hassan droht Entzug des passiven Wahlrechts

Die israelfeindliche linke Europaabgeordnete muss sich in Paris wegen mutmaßlicher Terrorverherrlichung verantworten

 19.10.2026

Kommentar

»Wir sind keine Juden«: Die hässliche Fratze der französischen Krawalle

Es zeigt sich eine Querfront der Aggression, bei der sozialer Frust, postkolonialer Opfermythos und tiefsitzender Judenhass verschmelzen

von Ute Cohen  19.10.2026

Großbritannien

»Telegraph«: BBC-Datenexperte offenbar israelfeindlicher Aktivist

Ein leitender KI-Fachmann des britischen Senders soll laut »Telegraph« einst wegen eines Al-Qaida-Handbuchs festgenommen worden sein. Die BBC sieht keinen Bezug zu seiner Arbeit

 18.10.2026

Tschechien

Herr Rambo mag es süß

Ein jüdischer Gastronom in Prag ist zum Instagram-Star aufgestiegen. Er verkauft »heimishe Trdelaich«, T-Shirts und Baseballcaps und erreicht mit seinen Sprüchen Hunderttausende

von Kilian Kirchgeßner  18.10.2026

Frankreich

Paris: Synagoge bei Ausschreitungen offenbar beschädigt

Videos in sozialen Netzwerken zeigen offenbar Verwüstungen in einer Synagoge im 19. Arrondissement. Verletzte wurden nicht gemeldet

 18.10.2026

Diaspora

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026