Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman bei ihrer bewegenden Rede im Bundestag Foto: picture alliance / REUTERS

Ich stehe vor Ihnen, um eine Wahrheit zu teilen, die schmerzhaft, aber unerlässlich ist. Ich habe keine Schwestern oder Brüder. Ich habe keine Onkel oder Tanten. Und ich habe meine Großeltern oder Urgroßeltern nie kennengelernt – wegen etwas, das Millionen von Juden während des Zweiten Weltkriegs im Namen einer entmenschlichenden Ideologie angetan wurde: wegen des Antisemitismus. Wegen einer Ideologie, die das moralische Urteilsvermögen korrumpierte, Institutionen aushöhlte und letztlich gewöhnliche Menschen zu Teilnehmern an außergewöhnlichen Verbrechen machte.

Ich spreche heute nicht nur für mich selbst, sondern auch im Gedenken an die sechs Millionen jüdischen Männer, Frauen und Kinder, die ermordet wurden, nur weil sie Juden waren. Darunter waren anderthalb Millionen Kinder. Viele wurden in Vernichtungslager deportiert, wo ihnen innerhalb von Stunden nach der Ankunft ihre Habseligkeiten, ihre Identität, ihre Würde und ihr Leben genommen wurden. Viele andere wurden in Dörfern, auf Feldern, in Wäldern und Schluchten in ganz Europa erschossen. Ganze Familien wurden ausgelöscht, wo sie standen.

Ich gehöre zu der kleiner werdenden Zahl von Überlebenden, die noch Zeugnis ablegen können. Wir tun dies nicht, um alte Wunden aufzureißen, sondern um Amnesie zu verhindern. Die Geschichte hat uns gezeigt, dass es niemals neutral ist zu vergessen, sondern vielmehr gefährlich. Wer hätte sich vorstellen können, dass ein Kind, das nur als Häftling Nummer A-27633 bekannt war und einst für den Tod in der Gaskammer bestimmt war, einundachtzig Jahre später hier vor Abgeordneten stehen würde, die sich dem Gedenken und der Verantwortung verpflichtet fühlen? Ich bin hier, weil einige Zeugen überlebt haben. Und weil sie überlebt haben, hat die Wahrheit noch eine Stimme. Ich bin das Kind, das Hitler fürchtete. Denn sein Motto lautete: Hinterlasst keine Zeugen. Ich spreche für jene sechs Millionen Menschen, deren Stimmen verstummt sind. Ich bin ihre Zeugin.

Lassen Sie sich jetzt auf eine Reise durch die Hölle mitnehmen.

Meine frühesten Erinnerungen sind die an den Moment, in dem wir uns unter einem Tisch in einer kleinen, überfüllten Wohnung im Ghetto von Tomaszów Mazowiecki verstecken musste. Ich erkannte die Stimmen meiner Eltern, meiner Großmutter und meines Onkels. Aber ich wusste, dass ich nicht hervorkommen durfte, bevor es mir ausdrücklich erlaubt wurde. Denn es war gefährlich. Die SS hatte es auf die Älteren und die Kinder abgesehen – die Wehrlosesten. Meine Großmutter wurde vor unserem Haus erschossen, während ich versteckt da lag. Ich hörte die Schüsse, die Hunde, ihre Schreie. Und dann war Stille.

Als das Ghetto liquidiert wurde, wurde der Großteil der Bevölkerung ermordet oder nach Treblinka deportiert. Meine Familie wurde gezwungen zurückzubleiben, um jegliche Spur von dem zu beseitigen, was dort geschehen war. Mein Vater beschrieb später das Geschehen vor der Deportation: »Mütter klammerten sich an ihre kleinen Kinder, ihre verzweifelten und mitleidigen Augen waren auf die ihrer Kleinen geheftet. Voller Gram und Traurigkeit spürten sie, dass ihr Ende nah war, und mit kraftlosen, zum Himmel erhobenen Händen fragten sie: Herr des Universums, warum hast du uns ein so schreckliches Todesurteil auferlegt?« Als die Türen des Viehwaggons sich schlossen, rief ein Rabbiner, der meinen Vater kannte, diesem auf Jiddisch zu: »Fargess uns nischt.«

Wir kamen am 5. September 1943 in Starachowice an, zwei Tage vor meinem 5. Geburtstag. Es war ein Zwangsarbeitslager, das von Stacheldraht und Wachtürmen umgeben war. Es gab keinen Platz, um sich zu verstecken. Meine Eltern arbeiteten abends bis zum Morgengrauen in einer Munitionsfabrik. Ich erinnere mich an den Klang der Stimme meiner Mutter: »Pass auf dich auf, bis ich wieder zurück bin.« Sie begann, mir meine ersten Überlebensstrategien beizubringen: »Denk dran, lauf nicht weg, wenn du die Hunde siehst. Sieh niemandem direkt in die Augen, weder den Hunden noch den Soldaten. Senke deinen Blick; lass sie an dir vorbeigehen. Versuche, unsichtbar zu sein…«

Das waren einige der Fähigkeiten, die ich zum Überleben brauchte. Ich lebte mit den anderen Kindern auf der Straße, und ich versuchte, den Hunden und den Wachen aus dem Weg zu gehen. Wir schätzten uns glücklich, den gefürchteten Selektionen vorübergehend entkommen zu sein. »Mama, wo sind all die Menschen?«, fragte ich eines Tages. Das Lager schien leerer zu sein. »Selektionen«, antwortete meine Mutter. Mehr musste sie nicht sagen. Mit fünf Jahren wusste ich, dass Menschen ausgewählt wurden, um getötet zu werden. Ich wurde noch vorsichtiger und blieb oft allein in unserem Zimmer. Dann hörte ich etwas sehr Beängstigendes: »Kinderselektion.« Ein Schauder ging allen Eltern durch Mark und Bein. Wo sollte man die Kinder verstecken? Meine Eltern versteckten mich in einem Kriechraum in der Decke, der für diesen Ernstfall vorgesehen war. Die Jäger mit ihren Gewehren entdeckten fast jedes zitternde Kind in seinem Versteck. Unter den Schreien der Eltern wurden sie auf Lastwagen gezerrt und dann in den Tod gefahren.

Mein Leben beschränkte sich nun auf unser kleines, dunkles Zimmer mit verdeckten Fenstern, in Erwartung des nächsten Befehls. »Bin ich das einzige jüdische Kind, das noch auf der Welt ist?«, fragte ich mich in meiner Unschuld. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind vage. Ich schlief viel, weinte leise und wartete darauf, dass meine Eltern nachts aus der Fabrik nach Hause kommen und mir etwas zu essen geben würden.

Dann, an einem schönen Sommertag, durfte ich das dunkle Zimmer verlassen, um die Sonne zu genießen. Doch meine Mutter war am Packen. »Wo gehen wir hin?«, fragte ich sie. »Nach Auschwitz«, antwortete sie. Mit fünf war mir dieser Name vertraut. Uns allen war er vertraut. Ich wusste, dass niemand von dort zurückkehrte. Aber ich konzentrierte mich auf das Licht und auf den Sonnenschein, den ich nach Wochen der Dunkelheit erleben durfte. Daher reagierte ich nicht sonderlich auf die Nachricht. Eine halbe Stunde später standen wir an den geöffneten Türen des Viehwaggons. Dies war das zweite Mal, dass ich meinen Vater weinen sah. Das erste Mal war, als er meiner Mutter erzählte, dass er gerade seinen Eltern auf einen Lastwagen geholfen und sie zum Abschied geküsst hatte. Alle wussten, dass sie einander nie wiedersehen würden. Und nun stand er da, weinte und sagte mir, ich solle ein braves Mädchen sein.

Es war das erste Mal, dass unsere kleine Familie getrennt wurde. Meine Mutter und ich wurden in einen Viehwaggon für Frauen gepfercht und mein Vater ging zu den Männern. Es waren 36 schreckliche Stunden voller Dunkelheit, Durst und Hunger und ohne sanitäre Anlagen. Ich versuchte mit meiner Mutter zu sprechen, um getröstet zu werden. Aber das entsetzlich laute Schreien, Stöhnen und Beten der verängstigten Frauen machte ein Gespräch unmöglich.

Bei der Ankunft wurden die Türen aufgerissen. Der plötzliche Sonnenschein tat meinen Augen weh. Aber es war der Gestank, der mich überwältigte. »Was ist das für ein Geruch?«, fragte ich. Meine Mutter zeigte auf den dunklen, dicken, giftigen Rauch, den ich für den Rest meines Aufenthalts in Auschwitz einatmete. Ich verstand. Mit kahl geschorenem Haupt, nur notdürftig bekleidet, hungrig und müde wurden wir zu unserem neuen »Zuhause« geführt. Es war die mittlere Pritsche in einer großen, dunklen und deprimierenden Baracke. Wieder lehrte mich meine Mutter einige Überlebensstrategien: »Pass gut auf deine Schüssel, deinen Becher und deinen Löffel auf. Sonst wirst du hungern.«

Es ist unmöglich zu schildern, welchen Hunger wir ertragen mussten. Ich hatte anderthalb Rationen, da meine Mutter mir die Hälfte ihrer eigenen gab. »Weine nicht, egal was passiert. Du wirst sonst als schwach angesehen. Die Schwachen überleben nicht.« Und so weinte ich nicht, als ich geschlagen wurde, weil ich beim Appell nicht stillgestanden hatte. Ich weinte nicht, als ich sehr krank wurde und mir alles wehtat. Ich weinte nicht, als ich von meiner Mutter weggebracht, tätowiert und mit anderen Kindern in eine Baracke gesteckt wurde, um auf den Tod zu warten. Und ich weinte nicht, als ich nackt, frierend und hungernd mit anderen Kindern darauf wartete, dass sich die Tür zur Gaskammer öffnete.

Gegen jede Vernunft haben meine Mutter und ich überlebt. Als wir Auschwitz verließen, Hand in Hand gehend, flüsterte sie mir zu: »Erinnere dich.« Jeden Tag habe ich mich seither daran erinnert. Doch nach der Befreiung existierte die Zukunft, die sie mir versprochen hatte, nicht mehr. Einhundertfünfzig Mitglieder ihrer Familie wurden ermordet. Sie war die einzige, die überlebte. Mein Vater kehrte aus Dachau zurück, er war körperlich und seelich gebrochen. Er konnte selten darüber sprechen. Meine Mutter starb mit 45 Jahren. Obwohl sie physisch überlebt hatte, verließ ihr Herz Auschwitz nie. Einmal sagte sie zu mir: »Das ist keine Welt, die für Menschen gedacht ist.«

Von ihrem Tod erfuhr ich auf einer Studienreise nach Israel, die für mich die Erfüllung eines Lebenstraumes war. Für uns Juden ist Israel nicht einfach ein Ort auf der Landkarte. Es ist das Herz einer dreitausendjährigen Geschichte – einer Geschichte von Glaube, Sehnsucht, Verlust und Rückkehr. Selbst in unseren dunkelsten Momenten hat Israel immer Hoffnung, Kontinuität und den Glauben symbolisiert, dass die Verzweiflung nicht das letzte Wort haben wird. Nach dem Holocaust wurde Israel zu einer moralischen und existenziellen Notwendigkeit. Es wurde die Gewissheit, dass jüdisches Leben nie wieder nur von der Gnade anderer abhängen würde.

Nun, 81 Jahre später, hat sich ein Großteil der Welt gegen uns gewandt. Nach Auschwitz dachte ich, nie wieder Angst davor haben zu müssen, jüdisch zu sein. Aber nun haben wir einen Punkt erreicht, wo mein Enkel seinen Davidstern auf dem Uni-Campus verstecken muss und meine Enkelin gezwungen wurde, ihr Studentenwohnheim zu verlassen, um Belästigungen zu entgehen.

Rufe wie »Hitler hatte recht« und »Juden ins Gas« kann man auf den Straßen von New York, Paris und Amsterdam hören. Auf der ganzen Welt fühlen sich Juden wieder schutzlos, im Visier, gehasst. Ist das die Welt, die wir jungen Menschen übergeben haben? Eine Welt voller Hass und Angst, in der Juden wieder zu Sündenböcken für die Übel der Gesellschaft gemacht werden? Genau so begann es in den 30er Jahren in Deutschland.

Der Antisemitismus ist nicht verschwunden. Er hat sich angepasst. Er tarnt sich nun oft in einer neuen, antizionistischen Sprache. Er verbreitet sich mit alarmierender Geschwindigkeit über die Sozialen Medien und er findet Akzeptanz in Räumen, die eigentlich für kritisches Denken und moralische Klarheit stehen sollten, nämlich Universitäten und anderen akademischen Einrichtungen. Wir müssen diese Warnsignale ernst nehmen, denn die Geschichte lehrt uns, dass Hass sich niemals auf ein Volk allein beschränkt. Wenn Antisemitismus hingenommen wird, werden die demokratischen Werte insgesamt geschwächt. Rabbiner Lord Jonathan Sacks erinnerte uns daran, dass Armeen zwar Nationen verteidigen. Bildung hingegen schützt Zivilisationen. Bildung, Führung und moralischer Mut sind daher nicht optional. Sie sind ein Muss.

Mit Dankbarkeit erkenne ich Deutschlands anhaltendes Engagement bei der Bekämpfung von Antisemitismus durch Bildung, Gedenken und politisches Handeln an. Deutschland versteht vielleicht tiefer als jede andere Nation, was passiert, wenn Hass normalisiert und Verantwortung beseitegeschoben wird. Ihre »Nationale Strategie gegen Antisemitismus«, Ihre Resolution »Nie wieder ist jetzt« schützen und stärken jüdisches Leben. Ihre Programme, die Lehrer und Schüler nach Israel und in die ehemaligen Konzentrationslager schicken, fördern die Wertschätzung und ein besseres Verständnis für unser Volk und unsere Geschichte. Deutschland hat aus bitterer Erfahrung gelernt, was ungebremster Hass gegenüber einem ganzen Volk dem moralischen und emotionalen Gefüge einer Nation antun kann.

Leider wächst der Antisemitismus auch in Deutschland. Es ist daher unerlässlich, dass die Regierung ihre Anstrengungen dagegen weiter verstärkt – auf jeder Ebene. Durch Politik, Bildung und den Schutz jüdischer Bürger. Die jüngere Generation ist nicht verantwortlich für das abscheuliche und grauenhafte Verhalten ihrer Vorfahren, das in Treblinka, Auschwitz-Birkenau, Majdanek, Bergen-Belsen, Dachau und anderen Nazi-Lagern stattfand. Aber Sie, die Sie in Führungspositionen sind, sind verantwortlich für die Welt, die Sie jetzt gestalten – für Ihre eigene Zukunft und für die Ihrer Kinder. Und das bedeutet, diese Pest, diese Epidemie des Hasses, diesen Antisemitismus, sehr ernst zu nehmen. Neutralität angesichts von Hass wäre keine Neutralität, sondern Duldung.

In unseren Synagogen beten wir an jedem Schabbat für unsere Regierenden, auf dass sie mit Weisheit, Mut und Mitgefühl regieren mögen, auf dass Gerechtigkeit, Sicherheit und Würde siegen mögen und Menschen jedweder Konfession oder Herkunft ohne Angst, ohne Ausgrenzung zusammenleben können. Möge das Gedenken zu Verantwortung führen. Möge Sie die Verantwortung zum Handeln anleiten. Und möge Ihr Handeln sicherstellen, dass »Nie wieder« kein Slogan bleibt, sondern eine dauerhafte Verpflichtung.

Ich verbringe meine Tage damit, andere aufzuklären, insbesondere die jüngere Generation, indem ich an Schulen spreche und soziale Medien wie TikTok nutze. Ich werde dies bis zu meinem letzten Atemzug tun. Ich danke Ihnen.

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