Niederlande

Maccabi kauft ein

Ein Amsterdamer Sportverein stellt mit vielen Freiwilligen ein Corona-Hilfsprojekt auf die Beine

von Tobias Müller  02.04.2020 07:37 Uhr

Herman Lammers nimmt Mazze in Empfang. Foto: privat

Ein Amsterdamer Sportverein stellt mit vielen Freiwilligen ein Corona-Hilfsprojekt auf die Beine

von Tobias Müller  02.04.2020 07:37 Uhr

Wie systemrelevant ist Mazze? Nelly Lammers, eine 77-jährige Amsterdamerin, hat diese Frage Mitte März eigentlich schon beantwortet. Und zwar negativ. Notgedrungen.

Denn auch die Niederlande befinden sich im Lockdown. Dass der Supermarkt ihr und ihrem Mann die Standardlebensmittel wie immer nach Hause liefert, ist da schon einiges wert. Nur ist da eben nichts für das bevorstehende Pessachfest im Angebot.

Aufruf Doch dann liest Nelly Lammers auf der Website von Maccabi Nederland einen Aufruf: »Liebe Freunde, Makkabäer! In diesen unsicheren Zeiten sollt ihr wissen, dass ihr nicht alleine seid.«

Auch die Niederlande befinden sich im Lockdown.

Wenig später empfangen Nelly, der das Gehen schwerfällt, und ihr 86-jähriger Mann Herman eine große Packung Mazze an der Wohnungstür. Pessach ist gerettet. Das Ehepaar Lammers ist gerüstet.

Akute Gesundheitsprobleme haben die beiden derzeit nicht. »Zu zweit können wir es noch ein Weilchen aushalten«, sagt Nelly zuversichtlich. Die Initiative von Maccabi kommentiert sie mit zwei Worten: »Ungeheuer schön!«

Enthusiasmus Die Frau, die all dies auf die Beine gestellt hat, ist nicht minder angetan. Laura Renberg-Dunkelgrün, Geschäftsführerin von Maccabi Nederland mit seinen 17 Abteilungen, sprudelt vor Enthusiasmus, wenn sie die vergangenen anderthalb Wochen zusammenfasst. »Als das mit Corona begann, haben wir natürlich alle Sportveranstaltungen abgeblasen. Aber wir wollten nicht einfach sagen: ›Wir sehen uns nach der Krise‹, sondern fragten uns: Wie können wir mit unseren Mitgliedern in Kontakt bleiben?«

Der siebenköpfige Maccabi-Vorstand verschickte Links zu Online-Work-outs – und merkte bald, dass dies nicht reicht. Weder für Art und Umfang der Krise noch für das Bedürfnis, in dieser Situation zu helfen, und zwar nicht nur den Mitgliedern.

Also veröffentlichte er am Abend des 14. März nach Ausgang des Schabbats den Aufruf auf Niederländisch, Englisch und Hebräisch. Er spricht Menschen an, die Hilfe bei Einkäufen und anderen Besorgungen suchen, ein offenes Ohr oder Kontakt zu einem Arzt. Und er wendet sich an Freiwillige, die ihnen beistehen wollen.

Innerhalb von 24 Stunden finden sich auf diese Weise 100 hilfsbereite Menschen, und einen Tag später wird in Amersfoort die erste Tasche mit Einkäufen zu einem Hilfebedürftigen gebracht.

Infektionsrisiko Seitdem hat Laura Renberg-Dunkelgrün kaum eine ruhige Minute. Wie die meisten Niederländer arbeitet auch sie in diesen Wochen von zu Hause. Während sie ihre beiden kleinen Kinder versorgt und bei Laune hält, koordiniert sie die Maccabi-Hilfe im ganzen Land und sieht zu, dass Helfer und Bedürftige dieselbe Sprache sprechen und dass bei der Übergabe kein Infektionsrisiko entsteht. »Die Gesundheit der Freiwilligen steht an erster Stelle.«

Und so werden in diesen schweren Zeiten nicht nur Einkaufstüten durchs Land gebracht, sondern auch Medikamente, Schulbücher und koschere Mahlzeiten.

Renberg-Dunkelgrün arbeitet ein Schema aus, nach dem einsame Menschen nun täglich einen Aufmunterungsanruf erhalten.

Schokoladentorte Wie motiviert die Freiwilligen sind, er­fährt stellvertretend ein alter Mann, der die Krisenzeit allein in seinem Haus in Amsterdam verbringt. Seine Tochter nimmt aus Israel Kontakt mit Maccabi auf. Da zudem noch sein 93. Geburtstag ansteht, bekommt er eine hausgemachte Schokoladentorte geliefert.

Wie motiviert die Freiwilligen sind, er­fährt stellvertretend ein alter Mann, der die Krisenzeit allein in seinem Haus in Amsterdam verbringt.

Am Ende der zweiten Woche hat die Hilfe Strukturen angenommen. Mehrere jüdische Organisationen wie Maror, Chabad on Campus oder das Sozialwerk JMW sind involviert. Zeit für Laura Renberg-Dunkelgrün, nach vorn zu blicken: »Pessach steht vor der Tür. Wir werden also 500 Seder-Pakete verschicken, mit Mazzen, einer Flasche Wein und einer Ausgabe der Haggada.«

Wie lange all dies nach Pessach weitergeht, weiß derzeit niemand. Irgendwann aber, wenn diese Krise überstanden ist, steht den Helfern ein besonderer Abend bevor.

Das kündigte Renberg-Dunkelgrün eines Abends gemeinsam mit den täglichen Updates an: »Der israelische Botschafter will unsere Freiwilligen zu einer Party einladen, wenn dies alles überstanden ist und die Leute wieder gesund sind!«

Niederlande

Geschirrhersteller nimmt Schale mit lächelnder Anne Frank aus Verkauf

Die Serie »Holländischer Ruhm« habe positive Erinnerungen an niederländische Szenen und Helden wecken sollen

 05.12.2022

Polen

Zum Kaffee ins Bethaus

Ein fotografischer Streifzug durch Kazimierz, das einstige jüdische Viertel von Krakau

von Benyamin Reich  04.12.2022

Antisemitismus

Twitter sperrt Kanye West erneut – Musk: »Habe mein Bestes versucht«

Auch Ex-Präsident Donald Trump gerät wegen seiner Verbindungen zu dem Rapper immer mehr in die Kritik

 02.12.2022

Peru

Von den Anden ins Heilige Land

Ein neues Buch beschreibt, wie eine Gruppe indigener Peruaner das Judentum für sich entdeckte und nach Israel auswanderte

von Ralf Balke  01.12.2022

Ukraine

Winter im Krieg

Die jüdische Gemeinde ist unter den Helfern ein wichtiger Akteur, denn es fehlt an allem

von Vyacheslav Likhachev  01.12.2022

Flugverkehr

Lufthansa entschädigt jüdische Passagiere

Die Airline hatte im Mai 128 jüdische Fluggäste in Frankfurt kollektiv vom Weiterflug nach Budapest ausgeschlossen

von Michael Thaidigsmann  30.11.2022

USA

McConnell: Kein Platz für Antisemitismus bei Republikanern

Nach einem Abendessen mit Kanye West und einem Rechtsextremen nimmt die Kritik an Ex-Präsident Donald Trump zu

 30.11.2022

Österreich

Wiener IKG wählt neuen Vorstand

Liste von Präsident Oskar Deutsch bestätigt

 28.11.2022

Niederlande

Erster Mann in Oostzaan

Marvin Polak war früher Pilot. Heute ist er der einzige jüdische Bürgermeister im Land

von Tobias Müller  28.11.2022