Grossbritannien

Labour und der Judenhass

Geschwächt und ratlos: Labour-Chef Jeremy Corbyn Foto: dpa

Die Anwältin Shami Chakrabarti, frühere Chefin der britischen Menschenrechtsorganisation Liberty, stellte kürzlich die Ergebnisse einer parteiinternen Untersuchung zum Thema »Antisemitismus und Rassismus in der Labour-Partei« vor. Anlass waren mindestens 20 Vorfälle, bei denen Labour-Mitglieder wegen Kommentaren, die man als antisemitisch verstehen kann, suspendiert oder ganz aus der Partei ausgeschlossen wurden. Allen voran Londons früherer Bürgermeister Ken Livingstone, der Hitler in die Nähe des Zionismus rückte. Die Beurlaubten unterziehen sich derzeit parteilichen Untersuchungen, die über ihre Zukunft entscheiden werden.

Unter Anklage steht auch Parteichef Jeremy Corbyn. Der hatte sich mit Hisbollah- und Hamas-Funktionären getroffen – alle mit extrem antisemitischen Ansichten – sowie mit einem Holocaustleugner und einem Pfarrer, der glaubt, Israel stünde hinter den Anschlägen vom 11. September 2001.

Chakrabarti erklärte, die Labour-Partei sei nicht voller Antisemitismus, Islamophobie und anderen Formen von Rassismus, es gebe aber durchaus »Belege dafür, dass eine Minderheit in der Partei hasserfülltes, ignorantes Verhalten in unzivilisierter Manier zeigt«.

Empfehlungen Nachdem sie die vielen jüdischen Bezüge in der Geschichte der Labour-Partei erläutert hatte, benannte Chakrabarti einzelne Probleme und endete ihren Bericht mit 20 Empfehlungen: Unter anderem rief sie dazu auf, keine rassistischen Spitznamen und Stereotypen mehr zu verwenden sowie Nazi- und Holocaustvergleiche zu vermeiden – vor allem in Bezug auf Israel. Außerdem empfahl sie Erziehungsprogramme und forderte, Angehörige religiöser und ethnischer Gemeinschaften auf keinen Fall mit bestimmten Staaten und deren Politik in Verbindung zu bringen.

Doch noch während der Veröffentlichung des Berichts kam es zu einem weiteren Vorfall: Der ehemalige Labour-Lobbyist Marc Wadsworth beschuldigte die ebenfalls anwesende Labour-Abgeordnete Ruth Smeeth, mit der rechtsorientierten Tageszeitung The Daily Telegraph gegen Corbyn zu kollaborieren. Smeeth, die jüdisch ist, verließ die Veranstaltung unter Tränen.

Chakrabarti wies Wadsworth sofort zurecht – doch der behauptete, nicht gewusst zu haben, dass Smeeth jüdisch ist.

Empörung Parteichef Corbyn versäumte es, ins Geschehen einzugreifen. Stattdessen kam es zu weiterer Empörung, als er erklärte, »unsere jüdischen Freunde haben die Maßnahmen Israels genauso wenig zu verantworten wie die Muslime die Taten islamischer Staaten«. Die meisten Anwesenden glaubten, »Islamic State« gehört zu haben, und waren entsetzt über den Israel-IS-Vergleich.

Corbyn bedauerte am Montag die Wortwahl und gab an, seine früheren Treffen mit Hamas- und Hisbollah-Vertretern bedeuteten nicht, dass er deren Ansichten teile, sondern er glaube, »dass man zur Konfliktlösung mit allen involvierten Parteien sprechen muss«.

Wo der Verdacht des Antisemitismus aufkommt, handele die Partei schnell, versicherte Corbyn. Da er sein ganzes Leben lang Antirassist sei, liege ihm der Antisemitismus nicht nur fern, sondern er verstehe ihn als »zersplitterndes Gräuel«. Niemand dürfe aufgrund seiner Herkunft oder Religion diskriminiert werden.

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