Südafrika

Koscher am Tafelberg

Michael Wener erfährt als Erster, wann jemand heiratet oder stirbt. Er kann die jüdische Gemeinde nach ihren Lebensweisen kartieren. Nicht, weil er Zugang zu persönlichen Akten hätte oder exklusive Kontakte, sondern weil ihm das Deli »Goldies« in Kapstadts jüdischem Viertel Sea Point gehört. »Als Essenslieferant übernehme ich die Rolle eines Priesters oder eines Dorfarztes«, sagt Wener. »Ich kenne manche seit Jahrzehnten.«

In zweiter Generation betreibt der 45-Jährige mit seiner Frau Carol den geräumigen Laden in der Main Road von Sea Point. Hier gibt es alles, was ein orthodoxer Jude braucht: koschere Suppen, Fleisch, süßes Gebäck und vieles mehr. Von außen wirkt das Geschäft eher unscheinbar, blau-weiße Sticker kleben an den Fensterscheiben, die Kreideschrift erinnert an amerikanische Diners der 90er. Doch das »Goldies« ist ein Dreh- und Angelpunkt der jüdischen Gemeinschaft in Sea Point.

Gemeinde Sobald jemand das Geschäft betritt, wirft Wener ein »Hallo« durch den Raum, dann geht es um die Karriere der Kinder, die Hochzeit der Enkel, die Beerdigung der Großmutter, um Gott und die Welt. Wener kennt 80 Prozent seiner Kunden mit Namen. Und ihn kennt in der jüdischen Community wohl jeder.

»Das jüdische Leben dreht sich immer ums Essen«, sagt Wener. Donnerstag und Freitag brummt das Geschäft, wenn der Schabbat ins Haus steht. Bis zu 300 Leute drängeln sich dann im Laden. Wener plauscht mit den Kunden, viele Bestellungen gehen telefonisch ein, er räumt leere Tabletts ab, kümmert sich um seinen Vater, der längst aus dem Arbeitsalter heraus ist, aber vom Geschäft nicht lassen kann. Weners Tag beginnt morgens um halb fünf und hört 18 Stunden später auf. Sein Laden beliefert auch Hotels, Krankenhäuser und fast alle Airlines mit koscheren Mahlzeiten.

Exil Kapstadts jüdische Gemeinde ist nach Johannesburg die zweitgrößte Südafrikas. Das Land war eines der favorisierten Exile vor und während des Zweiten Weltkriegs. Michael Weners Großeltern wanderten aus Polen ein.

Weners Mutter eröffnete das Geschäft in Sea Point. »Im Hintergrund die Berge, nach vorn hin das Meer mit Promenade und dazu eine jüdische Infrastruktur. Es gibt keinen schöneren Ort in Kapstadt«, sagt Wener. »Und das Viertel ist sehr kosmopolitisch – es gibt von allem ein bisschen: African Spirit, Inder, Muslime und jüdisches Leben.«

Hier drängen sich jüdische Delis, Schulen, Synagogen, koschere Läden. Paraglider landen zwischen jungen Fußballspielern an der Promenade am Meer, Rentner führen Hunde spazieren, orthodoxe Mütter schieben ihre Kinderwagen, manche der jüngeren Kapstädter tragen Kippot mit der südafrikanischen Flagge. Abends spiegelt sich die Sonne in den Wellen und in den Scheiben der Hochhäuser, der Himmel färbt sich orangerot, im Hintergrund thront das Massiv des Tafelbergs.

Weil das jüdische Leben in Sea Point eine wichtige Rolle spielt, haben mittlerweile alle großen Supermärkte ihr Angebot auf jüdische Bedürfnisse abgestimmt. Bagels, Hummus oder Mazzot stehen in den Regalen, eigene Delikatess-Abteilungen servieren warme koschere Mahlzeiten. Für kleinere Delis wie das »Goldies« sind die Supermärkte eine große Konkurrenz. »Gleichzeitig aber bringen sie uns Kunden, weil sie die Menschen an das Viertel binden«, sagt Wener.

nobelviertel
Heute ist Sea Point wegen der Küstenlage ein teurer Stadtteil. Das war nicht immer so, weiß Bernard Milner vom »New York Bagels«, einem jüdischen, aber nicht ausschließlich koscheren Deli. Nachdem Anfang der 90er-Jahre die Waterfront, ein riesiges Areal aus Shoppingcentern und Vergnügungspark mit Kinos, Restaurants und Hafen im nahe gelegenen Greenpoint öffnete, wanderten viele Händler aus dem ehemaligen Nobelviertel Sea Point ab. Geschäfte schlossen. Menschen zogen weg.

Zur gleichen Zeit endete die Apartheid, Nelson Mandela wurde Präsident, es war für Südafrika ein befreiendes und bewegendes Ereignis, eine Zeitenwende. Endlich konnte jeder Südafrikaner, egal welcher Hautfarbe, seinen Wohnort frei wählen. Sea Point nahm eine wenig glückliche Entwicklung. Wohnungen standen leer, weil sich die Bewohner nicht mehr sicher fühlten. Drogendealer und Prostituierte sammelten sich nahe der Main Road, der geschäftigsten Hauptstraße des Viertels.

Fussball-WM Viele Freunde erklärten Milner und seine Frau für verrückt, als sie sich 1991 entschieden, ihren Laden dort zu betreiben. »Doch ein Teil der Gemeinschaft war dankbar, dass wir uns durchgerungen hatten, hier zu bleiben«, so Milner. Im Jahr 1998 flog vor seinem Laden sogar ein Auto in die Luft. Niemand starb, da die Bombe nach oben zündete. Eine Reihe von Anschlägen verängstigte die Kapstädter, nicht alle gingen so glimpflich aus wie der in Sea Point. Bernard Milners Familie ließ sich davon nicht abschrecken.

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 hat das Viertel aufgewertet und brachte Quartiersmanagement. Seitdem eröffnen entlang der Hauptstraße wieder neue Cafés und Läden. Milners »New York Bagels« bietet ein gemischtes Sortiment, nicht nur koscher, »damit es für alle Leute interessant bleibt«. Manchmal kaufen sogar Muslime bei ihm. »Auch der Rabbi schaut hin und wieder vorbei, sagt, das sehe aber lecker aus, doch essen dürfe er es nicht«, so Milner. Für ihn aber ist das ein Zeichen der Vielfalt und des guten Zusammenlebens der jüdischen Gemeinschaft in Sea Point.

familien »Eigentlich ist Sea Point eines der schönsten Viertel in Kapstadt, doch für viele zu teuer«, so Milner. Zwei seiner Geschwister sind ausgewandert, seine Tochter lebt in Los Angeles, sie arbeitet dort als Model und Künstlerin. Gerade Jüngere ziehen aus beruflichen Gründen in günstigere Stadtteile oder ins Ausland. »Manche kommen Jahre später, wenn sie eigene Familien haben, nach Sea Point zurück.«

Groß ist Milners Sorge um die politische Entwicklung des Landes. Die Angst, dass Südafrika ein zweites Simbabwe werden könnte, schwingt immer mit. Er hofft auf eine positive Entwicklung, doch sicher ist er nicht. Momentan sei die Lage relativ stabil, doch keiner wisse, was kommt, sagt er ernst. »Sollte eines Tages von heute auf morgen mein Geschäft verstaatlicht werden, dann werde auch ich mir einen anderen Ort suchen.«

Die Sorgen von Bernard Milner können die Studentinnen Melissa und Claudia Abeldas nicht verstehen. Anders als die Älteren sorgen sich die beiden Schwestern kaum um die politische Lage. »Wir haben hier ein sehr angenehmes Leben, mit sorgsamen Eltern, einer jüdischen Umgebung in einer sehr entspannten Stadt«, so die 21-jährige Claudia. »Immer mehr unserer Freunde, die es sich leisten können, ziehen aus den Vororten nach Sea Point, weil es zentraler und schöner ist.« Samstags kämen sie sowieso, wegen der Promenade, der Aussicht und der Gemeinschaft.

patrioten Melissa und Claudia sind in Sea Point geboren und aufgewachsen. Sie haben die jüdische Herzlia-Oberschule in Kapstadt besucht. »Ich bin ein bisschen religiös«, sagt die 23-jährige Melissa, »ich esse zwar Tintenfisch, aber ich würde nie am Schabbat Auto fahren.« Die Mädchen gehören zu der jungen Generation der jüdischen Community, die säkular aufgewachsen ist, aber die Religion wiederentdeckt – ohne auf ein modernes Leben zu verzichten. Beide sind stolze Jüdinnen und patriotische Südafrikanerinnen – und sie sind die Hoffnung der älteren Generation, die an den Wochenenden ihre Hunde an der Promenade ausführt, und der Dame, die an der Ecke einen jüdischen Geschenkeladen betreibt.

Doch die beiden Schwestern haben andere Pläne – sie sehen ihre Zukunft in Israel. »Das Leben in Südafrika ist toll«, sagt Claudia Abeldas, »aber ich bin sehr zionistisch.« Ihr großer Traum ist, in Israel zu leben, mit Familie und Haus, religiös und selbstbestimmt. Der Lieblingsplatz ihrer Schwester Melissa in Israel ist Tiberias, die größte Stadt am Kinneret, zwischen Wasser und Bergen – fast ein kleines Sea Point.

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