Ukraine

Kontroverse in Kiew

Das ukrainische Parlament: die »Werchowna Rada«, der Oberste Rat Foto: dpa

Vergangene Woche erschien in der New York Times, in Haaretz und in Canada’s National Post ein ganzseitiger Offener Brief der ukrainischen Juden an Wladimir Putin. Darin beschuldigen sie den russischen Präsidenten, »bewusst Lügen und Verleumdungen aus der großen Anzahl von Informationen über die Ukraine« herauszugreifen. Die Unterzeichner wüssten, dass zur politischen Opposition nationalistische Gruppierungen gehören, »aber sogar die marginalsten von ihnen wagen es nicht, Antisemitismus oder anderes fremdenfeindliches Verhalten zu zeigen«. Zudem würden diese von der Zivilgesellschaft und der neuen Regierung kontrolliert. In ihrem Appell greifen die Unterzeichner auch Putin an: In Russland würden »Neonazis von den Geheimdiensten unterstützt«, und Putin persönlich sei es, der die politische Stabilität in der Ukraine bedrohe.

Unterzeichnet ist der Brief von wichtigen Vertretern der jüdischen Gemeinde im Land, darunter Josef Zissels, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden und Organisationen, und Alexander Gaidar, Vorsitzender des Verbandes der ukrainischen progressiven jüdischen religiösen Gemeinden.

Kritik Der Offene Brief war schon Anfang März veröffentlicht worden, er hatte erst durch die ganzseitigen Anzeigen, die von einer jüdischen Organisation in Kanada initiiert wurden, im Ausland Resonanz erhalten. Wenige Tage vor der Anzeige hatte der russische Oberrabbiner Berl Lazar in einem Interview die Führung der ukrainischen Juden für den Offenen Brief zurechtgewiesen: »Die jüdische Gemeinschaft sollte nicht diejenige sein, die Botschaften an Barack Obama, Präsident Putin oder andere Führer bezüglich deren Politik sendet.«

Lazars Positionierung überrascht nicht, denn in Russland ist er für seine engen Beziehungen zu Präsident Putin bekannt. Auch während Putins Rede zur Angliederung der Krim am 18. März saß Lazar mit unter den Zuhörern. Andere wichtige Vertreter der jüdischen Gemeinde in Russland wollen sich zum Thema derzeit nicht äußern. Pinchas Goldschmidt, Oberrabbiner von Moskau, lehnte auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen einen Kommentar ab. Er war 2005 für seine regierungskritische Haltung für mehrere Monate des Landes verwiesen worden.

Verteidigung Der Oberrabbiner der Ukraine, Yaakov Bleich, hat den Offenen Brief zwar nicht unterschrieben, nimmt jedoch die Unterzeichner in Schutz: »Wir waren nicht diejenigen, die die Juden in die Debatte gebracht und eine jüdische Frage daraus gemacht haben. Es war Putin mit seinem Missbrauch des Antisemitismus als eine Rechtfertigung seiner Taten«, sagte Bleich dem Jewish Journal.

Der Offene Brief an Putin stößt in der Ukraine aber auch auf Ablehnung: »Wir sollten uns nicht in die Politik einmischen«, sagt etwa Moische Moskowitsch, Rabbiner im ostukrainischen Charkow. Er sei nicht einmal gefragt worden, ob er den Brief unterschreiben wolle. »Aber ich hätte ihn auch nicht unterschrieben«, versichert er. Die 50.000 Juden in seiner Gemeinde seien gespalten gegenüber der Revolution in Kiew, und es sei seine Aufgabe, den Bedürfnissen aller Gemeindemitglieder zu dienen. Viele seien irritiert von der Rolle, welche die besonders in der Westukraine populäre, nationalistische und rechtsextreme Swoboda-Partei spiele. Moskowitsch sieht derzeit allerdings keine antisemitische Gefahr vonseiten der neuen Regierung. Aber man müsse die Augen offen halten.

Resolution Kontrovers diskutiert wurde auch am Montag bei der Tagung des Exekutivkomitees des Jüdischen Weltkongresses (WJC) in Paris: Die Meinungen der jüdischen Vertreter aus der Ukraine reichten zwischen »kaum Antisemitismus, es gibt keine Krise« bis zu »die Lage ist dramatisch«. Der Kontrast schlug sich auch in der anschließend verabschiedeten Resolution nieder: Dort wird auf die »komplexe Situation« hingewiesen, die durch die jüngsten politischen Entwicklungen entstanden sei, die unter manchen Juden ein »Gefühl der Unsicherheit« bewirkt hätten.

Der WJC zeigt sich besorgt über die Regierungsbeteiligung der Swoboda-Partei und die Rolle anderer extremistischer Gruppierungen bei den Protesten. Gleichzeitig erkennt er die »Zusicherungen und Taten der ukrainischen Regierung« an, jüdisches Leben zu schützen. Geplant ist nun ein WJC-Komitee, das die Lage in der Ukraine verfolgt und dem Exekutivkomitee Bericht erstattet.

Krim Auf der Krim scheint sich die Lage derweil zu normalisieren. Anatolij Gendin, Vorsitzender der Vereinigung der jüdischen Gemeinden und Organisationen auf der Krim, berichtet, dass sich die Mitglieder der jüdischen Gemeinde auf der Insel, die nach dem Referendum Mitte März Teil Russlands geworden ist, sicher fühlten. »Die Juden hier sind prorussisch eingestellt«, erklärt Gendin. Dass Gemeinderabbiner Michail Kapustin am Tag des Referendums mit seiner Familie die Krim verlassen und nach Kiew gezogen ist, erklärt Gendin damit, dass dieser nach der Revolution in Kiew auf der Seite der neuen Regierung gestanden habe – im Gegensatz zu den Mitgliedern der Gemeinde. In Kürze erwartet Gendin einen neuen Rabbiner – diesmal aus Russland.

Nachdem Anfang März mit Igor Kolomoisky schon ein jüdisch-ukrainischer Oligarch zum Gouverneur des Gebietes Dnepropetrowsk ernannt wurde, hat das Land seit vergangener Woche auch einen jüdischen Präsidentschaftskandidaten: Der Geschäftsmann Wadim Rabinowitsch erklärte am 25. März seine Teilnahme an den vorgezogenen Präsidentschaftswahlen Ende Mai. »Ich will den Mythos über die antisemitische Ukraine zerstören, der in der ganzen Welt verbreitet wird«, sagte er der Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine.

Chancen hat Rabinowitsch jedoch kaum. Der Geschäftsmann gilt unter ukrainischen Juden als wenig vertrauenswürdig. Bis zuletzt war er Präsident des Erstligaclubs Arsenal Kiew – und der ging im vergangenen Herbst bankrott.

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