Schweiz

Jüdisch an der Limmat

Von einem kleinen privaten Verein hat sie sich zur größten jüdischen Gemeinde der Schweiz entwickelt – die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ). In diesem Jahr begeht sie ihren 150. Geburtstag. Dazu richtete sie im März ein Festwochenende aus, und im August stand ein feierliches Konzert auf dem Programm.

Zum Jubiläumsjahr gehören verschiedene Vorträge, und am 9. Dezember überträgt das Schweizer Fernsehen live einen Chanukka-Gottesdienst aus der Zürcher Synagoge Löwenstraße. Das Jubiläum fand ebenso Nieder- schlag in zahlreichen Medien des Landes. Vor allem beschäftigten sie sich mit dem neuen Aufsatzband Nicht irgendein anonymer Verein …, der die Geschichte der ICZ erzählt. Herausgegeben hat das Buch der Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität Basel, Alfred Bodenheimer.

konzept Die ICZ ist eine Art Vorzeigemodell – die Verkörperung der sogenannten Einheitsgemeinde; eine Gemeinde also, die in ihren Reihen sowohl orthodoxe als auch liberale Kreise aufnimmt und integriert. So war sie von Anfang an konzipiert, musste aber im Laufe der Zeit Abstriche an ihrer Rolle vornehmen. Sowohl orthodoxe als auch liberale Kreise brachen weg und gründeten eigene Gemeinden.

In Bodenheimers Buch liest man davon, wie ungern die jeweiligen ICZ-Verantwortlichen die beiden Flügel ziehen ließen – zumal die Diskussion in der Gemeinde über die religiöse Ausrichtung dadurch nicht kleiner wurde. Häufig wurde diese Diskussion an der Person des jeweiligen Gemeinderabbiners festgemacht – da unterscheidet sich die Zürcher Gemeinde nicht von anderen.

Der erste Rabbiner, den die ICZ 1868 anstellte, zählte ziemlich klar und deutlich zum sogenannten Reformflügel des Judentums. Der aus Posen stammende Moritz Levin hatte an der Uni Bern promoviert und war deswegen überhaupt erst in die Schweiz gekommen. Sein wissenschaftliches Interesse am Judentum war wohl mindestens so groß wie sein religiöses.

Als Rabbiner Levin nach zwei Jahren Zürich mit dem Ziel Berlin schon wieder verließ, änderte die Gemeinde die eine oder andere religiöse Praxis wieder in die orthodoxere Richtung ab.

schäfchen Die »Stellvertreter-Orthodoxie«, wie sie der heutige Co-Präsident der ICZ, André Bollag, nennt, zog sich durch die Diskussionen in vielen Gemeindeversammlungen, in denen es darum ging, einen neuen Rabbiner zu wählen. Gemeint ist damit, dass die jeweiligen geistigen Oberhäupter ihren Schäfchen ein vorbildliches religiöses Leben demonstrieren sollten, diese aber nicht unbedingt danach lebten.

Schon 1894 hieß es in einem Jahresbericht lakonisch: »Der Besuch des Gottesdienstes blieb in den gewohnten Grenzen. An den Hauptfeiertagen reichte der Raum kaum hin, am Schabbat war die Synagoge nur wenig gefüllt. Namentlich für den Freitagabend-Gottesdienst wäre eine regere Beteiligung wünschenswert.«

Hinzu kam, dass sich die ICZ spätestens seit den 80er-Jahren mit einem weiteren großen Problem herumschlagen musste: Die Synagoge stand längst nicht mehr dort, wo die Mehrheit der Mitglieder inzwischen lebte. In Zürich führte das zu der paradoxen Situation, dass die Gemeinde eine neue Synagoge bauen wollte, aber bei den Behörden auf absolut taube Ohren stieß: Die 1884 eröffnete und überaus markante Synagoge an der Löwenstraße in Bahnhofsnähe steht längst unter Denkmalschutz und darf nicht verändert werden.

Damit allerdings waren – und sind – alle Neubaupläne an einem anderen Ort auf Dauer blockiert. Für gesetzestreue Gemeindemitglieder heißt dies, dass sie am Schabbat und an den Feiertagen längere Strecken zurücklegen müssen.

integration Abgesehen von diesen Problemen spielte die ICZ aber stets ihre wichtige Rolle als Integrationsdrehscheibe, als Kulturort und nicht zuletzt auch als Vertretung der Zürcher Juden nach außen.

Die eigene Befindlichkeit spiegelte sich allerdings nicht zuletzt in der Beziehung der Gemeinde zum Staat Israel. Und da gab es große Veränderungen: Der Zurückhaltung gegenüber dem Zionismus bis zum Zweiten Weltkrieg folgte eine Periode der wohlwollenden Neutralität. So wurde bis 1956 der israelische Unabhängigkeitstag in der ICZ nicht offiziell gefeiert. Die Schweizer Juden fürchteten noch immer den Vorwurf der »doppelten Loyalität«. Doch dann wuchs die Unterstützung für den jüdischen Staat schnell und war auch unbestritten.

Eine Diskussion zum Zionismus im größeren Rahmen entstand dann erst wieder in den 90er-Jahren, als der ehemalige israelische Armeerabbiner Mordechai Piron nach Zürich kam – und sich teilweise dem Vorwurf ausgesetzt sah, er propagiere unter der Jugend allzu aktiv die Auswanderung nach Israel. Festgemacht wurde dies unter anderem an der Einführung der sefardischen Aussprache im Gottesdienst. Darüber und über viele andere Diskussionen in der Gemeinde informiert Bodenheimers Buch.

Alfred Bodenheimer (Hrsg.): »Nicht irgendein anonymer Verein …«. Eine Geschichte der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2012, 34 €

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