USA

Judoka, Pilotin, Spionage-Chefin

»Sie kann souverän über Literatur, Physik, Autos und Flugzeuge reden – weil sie mit alldem vertraut ist«: Präsident Joe Biden über Avril Haines Foto: Reuters

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Judoka, Pilotin, Spionage-Chefin

Avril Haines, die neue Direktorin der Nationalen Nachrichtendienste, blickt auf einen ungewöhnlichen Werdegang zurück

von Katja Ridderbusch  14.03.2021 09:17 Uhr

Wenn es zu den Qualitäten von Spionen gehört, auf ungewöhnlichsten Umwegen ans Ziel zu gelangen, dann ist Avril Haines die perfekte Wahl für das Amt. Die 51-Jährige ist neue Direktorin der Nationalen Nachrichtendienste, Director of National Intelligence, in den USA.

Sie koordiniert die Arbeit der 18 Geheimdienste in allen Fragen, die die nationale Sicherheit betreffen. Ein Schlüsselposten mit Kabinettsrang, 2004 von Präsident George W. Bush in Reaktion auf die Terroranschläge von 9/11 geschaffen. Avril Haines ist die erste Frau auf dieser Position. Der Senat bestätigte ihre Ernennung Ende Januar.

freigabe Ihre erste Amtshandlung: Sie veröffent­lichte einen Geheimdienstbericht, dessen Freigabe die Trump-Administration verweigert hatte. Demnach trägt der saudi-arabische Kronprinz Mohammed Bin Salman die Verantwortung für den brutalen Mord an dem saudischen Journalisten und Regimekritiker Jamal Khashoggi im Jahr 2018.

Die neue Geheimdienstchefin genießt das volle Vertrauen des US-Präsidenten. Haines sei »brillant und bescheiden«, sagte Joe Biden. »Sie kann souverän über Literatur, Physik, Autos und Flugzeuge reden – weil sie mit all diesen Dingen vertraut ist.«

Haines ist keine, die provoziert. Ihr Stil ist sachlich, gelassen und unaufgeregt.

Avril Haines ist eine Frau mit vielen Talenten. Ihr Lebenslauf ist so unkonventionell wie gewunden, so farbig wie schräg. Haines – drahtig, schulterlanges braunes Haar und mädchenhaft-spröde Ausstrahlung – wurde in New York City geboren. Ihre Mutter war Malerin, der Vater Professor für Biochemie am City College. Als Haines 15 war, starb die Mutter an einem Lungenleiden. Bis heute identifiziert sich Haines mit deren Judentum.

studium Nach der Schule reiste Haines für ein Jahr nach Japan, schrieb sich in Tokio an einer elitären Judo-Akademie ein, schloss ihre Ausbildung mit dem braunen Gürtel ab. Nach ihrer Rückkehr in die USA studierte sie Theoretische Physik an der University of Chicago. Neben dem Studium arbeitete sie in einer Autowerkstatt, reparierte Flugzeuge und nahm Flugstunden.

»Damals kaufte sie eine gebrauchte Cessna, baute eine neue Bordelektronik ein und versuchte, den Atlantik zu überqueren«, sagt David Priess, Buchautor und ehemaliger Mitarbeiter des US-Auslandsgeheimdienstes CIA. Doch sie musste in der Nähe von Neufundland notlanden.

Ihr Fluglehrer und Co-Pilot bei diesem Abenteuer war David Davighi. Die beiden wurden ein Paar, heirateten und zogen 1992 – nachdem Haines ihren Bachelor in Physik erworben hatte – nach Baltimore im US-Bundesstaat Maryland. Sie kauften im hippen Künstlerviertel Fell’s Point eine Bar, die nach einer Drogenrazzia hatte schließen müssen, bauten sie um und eröffneten einen unabhängigen Buchladen, den sie nach Haines’ verstorbener Mutter benannten: Adrian’s Book Café.

erfolg Der Buchladen gewann Kultstatus – vor allem wegen der Lesungen erotischer Literatur. »Manche Leute wollen etwas über Sex erfahren, ohne Sex zu haben. Andere suchen Anregungen für ihr monogames Eheleben« – so erklärte Haines damals lakonisch den Erfolg ihrer Erotika-Lesungen.

1998, mit 29 Jahren, nahm Haines an der Georgetown University in Washington ein Jurastudium auf, das sie drei Jahre später abschloss. Ihr Aufstieg in die höchsten Regierungskreise verlief rasant. Sie arbeitete als Rechtsberaterin im State Department, war im außenpolitischen Ausschuss des Senats tätig, wo sie den damaligen Vorsitzen traf: Senator Joe Biden aus Delaware.

Als der Vize von Präsident Barack Obama wurde, folgte ihm Haines ins Weiße Haus, arbeitete dort zunächst im Nationalen Sicherheitsrat. 2013 ernannte Obama Haines zur stellvertretenden Direktorin der CIA.

Kritik »Ihre Qualifikationen sind solide«, sagte Carol Rollie Flynn, Präsidentin des Foreign Policy Research Institute, einem Thinktank in Philadelphia, im US-Rundfunk NPR. »Sie ist klug, sie ist leistungsfähig, sie ist professionell, und sie ist eine nette Person.« Sie erwarte nicht, dass
Haines ihre Arbeit »mit viel Pathos oder Drama« machen werde, setzte Flynn hinzu.

Haines Stil ist sachlich, gelassen, unaufgeregt. Sie ist keine, die provoziert; dennoch hat sie in der Vergangenheit auch immer wieder Kritik auf sich gezogen. Zum Beispiel, als sie 2015 in ihrer Rolle als Vize-Chefin der CIA entschied, Angestellte der Agentur, die die Computer von Mitarbeitern des Geheimdienstausschusses im Senat gehackt hatten, nicht zu bestrafen.

Der Ausschuss arbeitete zu der Zeit an einem Bericht über fragwürdige Folterpraktiken der CIA. Haines habe »eine schwache Führungsfigur abgegeben«, sagt Daniel Jones, der damals in der Untersuchungskommission des Senats arbeitete.

senatsanhörung Bei der Senatsanhörung im Januar zur Bestätigung ihres Kabinettspostens fragte der demokratische Senator Martin Heinrich aus New Mexico Haines, ob sie Folter für eine legitime Verhörmethode halte. Sie verneinte.

Umstritten ist auch Haines’ Rolle bei den Drohnenangriffen, die die CIA unter der Obama-Administration besonders in Pakis­tan ausweitete – eine Strategie, an deren Entwicklung Haines beteiligt war. Einige amerikanische Juristen bezeichnen Obamas Drohnenkrieg – und die vermeintlich »gezielten Tötungen« von Terroristen, die auch zahlreiche zivile Opfer forderten – als einen Bruch des Völkerrechts.

Bei der Senatsanhörung ließ sich Haines kaum auf eindeutige Antworten festlegen. Gefragt nach ihrer Haltung zur Rolle Chinas betonte sie: Präsident Biden sehe China als einen globalen Wettbewerber. Peking sei »in einigen Fragen ein Gegner« der USA. Aber bei anderen Themen wie zum Beispiel dem Klimawandel »werden wir versuchen, mit China zu kooperieren«.

terrorgruppen Mehrere Demokraten fragten Haines auch, wie sie denn mit inländischen Terrorgruppen wie QAnon, die Verschwörungstheorien mit rechtsextremem Hintergrund im Internet verbreiten, umzugehen gedenke.

»Die Nachrichtendienste konzentrieren sich darauf, externe Bedrohungen zu identifizieren«, sagte Haines. Allerdings würden die Nachrichtendienste aufmerksam beobachten, wie ausländische Akteure QAnon und andere inneramerikanische Gruppen zu beeinflussen versuchten, sagte sie. Und dabei eng mit der Bundespolizei FBI und dem Ministerium für Heimatschutz zusammenarbeiten.

Was die Besetzung des höchsten US-Geheimdienstpostens mit Avril Haines für Israel bedeutet, ist noch unklar. »Sie neigt dazu, progressive und pragmatische Strategien zu verbinden«, schrieb die konservative »Jerusalem Post«. Und sie habe »eine insgesamt pro-israelische Haltung, für die auch Biden bekannt ist«.

israel Die finanzielle und militärische Unterstützung der USA für Israel dürfte auf einem hohen Niveau bleiben, schreibt die Zeitung weiter. Auch bei der Terrorbekämpfung und dem Austausch von Geheimdienstinformationen werde die Kooperation in Zukunft eng sein.

Im operativen Bereich könnte es jedoch Verschiebungen geben, vermutet das Blatt. Aktionen wie die Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani im Januar 2020, die die USA mit Unterstützung des Mossad durchführte, seien in Zukunft wohl nicht mehr möglich. Haines, eine Kennerin des internationalen Rechts, hatte die Rechtmäßigkeit der Operation angezweifelt.

Während ihres Physikstudiums arbeitete sie in einer Autowerkstatt und nahm Flugstunden.

Mit besonderem Interesse dürfte man in Israel auch beobachten, wie sich
Haines über die Zukunft des internationalen Atomabkommens mit dem Iran äußert. Biden hat bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert. Haines erklärte indes bei der Senatsanhörung: Die Biden-Administration sei »noch weit davon entfernt«, dem Atomabkommen wieder beizutreten.

Klar und unzweideutig äußerte sich Haines allein über die Rolle, die die US-Nachrichtendienste in der Zukunft spielen würden. Bidens Vorgänger Donald Trump hatte die Geheimdienst-Community als »passiv und naiv« verhöhnt und als Akteure eines »deep state« gebrandmarkt, ein Staat im Staat, der das demokratische Gemeinwesen unterwandere. Doch in den Nachrichtendiensten sei »kein Platz für Politik«, sagte Haines. »Wir müssen immer die Wahrheit im Angesicht der Macht sagen, auch wenn es unbequem ist.«

Bonn/Berlin

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