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Die Stelle des Oberrabbiners wird ausgeschrieben

von Frank Diebel  02.01.2012 17:33 Uhr

Amtsinhaber: Lord Jonathan Sacks geht im September 2013 in Rente. Foto: dpa

Die Stelle des Oberrabbiners wird ausgeschrieben

von Frank Diebel  02.01.2012 17:33 Uhr

Eigentlich geht noch viel Zeit ins Land. Der britische Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks wird erst im September 2013 in Rente gehen, doch schon seit Monaten diskutiert man heftig über seine Nachfolge. Dieser Tage soll der Posten nun offiziell ausgeschrieben werden. Man hört, es gebe bereits eine Liste von Kandidaten, die in die Fußstapfen des heute 63‐Jährigen treten könnten. Die Gerüchteküche brodelt.

Zu den möglichen Kandidaten zählt unter anderem Rabbiner Ephraim Mirvis aus dem Londoner Stadtteil Finchley, ein Absolvent der renommierten Oxford University, dem immerhin eine reelle Chance eingeräumt wurde. Die israelische Presse spekulierte heftig darüber, ob der aschkenasische Oberrabbiner des Landes, Yonah Metzger, zu den Auserwählten zählen könnte. Auf der Webseite Totally Jewish hieß es gar, ein Mitglied der jüdischen Gemeinde »mit weitreichenden Verbindungen zum Königshof« habe Metzger den Posten bereits angeboten.

Stephen Pack, Präsident der United Synagogues, wies die Spekulationen zurück: »Ich war doch etwas geschockt von der Behauptung, dass zu diesem Zeitpunkt jemandem bereits ein Angebot gemacht worden sei«, sagte er. »Wir bemühen uns nach Kräften, den Prozess so transparent wie möglich zu gestalten und die bestmöglichen Kandidaten für die Rolle auszuwählen.« Niemand, der involviert sei, habe jemals ein solches Angebot unterbreitet oder werde das tun. Davon abgesehen räumte auch die Jerusalem Post Metzger kaum Chancen ein.

Flop Ein hoffnungsvoller Kandidat soll Rabbiner Jonathan Guttenberg aus Whitefield, einem Vorort von Manchester, gewesen sein – bis er sich selbst »zerstörte«, wie es in der Jerusalem Post hieß. Der Grund: Seine Initiative »Großes Zelt«, ein Versuch, die britischen Juden an einen Tisch zu bringen, um über Israel zu sprechen, erwies sich als Flop, nachdem Guttenberg Vertreter der Reformbewegung nicht eingeladen hatte.

Auf der Liste möglicher Nachfolger soll auch Südafrikas Oberrabbiner Warren Goldstein gestanden haben, obwohl er aufgrund seiner Anti‐Limmud‐Haltung bei Anhängern der Lernbewegung angeblich unbeliebt sein soll. Interessant ist die Schlussfolgerung einiger Kommentatoren, dass der einzige Nachfolger vielleicht nur Sacks selbst sein könne. Manche Beobachter fürchten, es stehe eine jahrelange Kampagne bevor, weil es keinen wirklich geeigneten Kandidaten gebe.

In Jahresfrist Doch Stephen Pack ist guter Dinge. Wie er Journalisten sagte, hofft man, innerhalb eines Jahres einen geeigneten Nachfolger zu finden. Zum ersten Mal wird die Stelle des Oberrabbiners sowohl in Großbritannien als auch im Ausland öffentlich ausgeschrieben.

Die Forderung von Rabbi Yitzchak Schochet, dem Vorsitzenden des amerikanischen rabbinischen Rates, den neuen Oberrabbiner von der Öffentlichkeit wählen zu lassen, wies man in England zurück: »Das hätte die Bandbreite der Kandidaten eingeschränkt«, erklärte Pack, »sehr wenige Spitzenrabbiner wollen eine Wahl und einen Wahlkampf über sich ergehen lassen. Und nach welchen Kriterien sollten sie ausgewählt werden? Ist es der Rabbiner, der die beste Predigt hält oder die beste halachische Entscheidung fällt? Wie soll man das festlegen? Das kann nicht funktionieren.«

profil Mehr als 100 Vertreter der United Hebrew Congregations und der United Synagogues sowie die Vorsitzenden der Verwaltungen von jüdischen Schulen haben vor einigen Wochen bei einem Treffen in der Central Synagogue in London das Stellenprofil erstellt: Man sucht einen »spirituellen Führer«, »einen religiösen Sprecher für das orthodoxe Judentum und alle Angelegenheiten, die die jüdische Gemeinde betreffen«; er soll ein »Fürsprecher Israels« sein, über »starke Überzeugungen und eine ausgeprägte emotionale Intelligenz« verfügen sowie eine »warme, freundliche und gewinnende Persönlichkeit« sein.

Verschiedene Repräsentanten wünschen sich, der neue Oberrabbiner solle sich besonders der jüdischen Erziehung und der interreligiösen Zusammenarbeit widmen. Viele haben sich dafür ausgesprochen, dass ein Brite die Nachfolge antreten soll. »Wir wollen keine totale Revolution«, betonte Pack, der neue Oberrabbiner könne die Rolle neu definieren, aber nicht fundamental verändern.

Werdegang In Sacks’ Fußstapfen zu treten, wird keine leichte Aufgabe sein. Der derzeitige Oberrabbiner, 1948 in London geboren und seit mehr als 20 Jahren im Amt, ist ein hoch angesehener Mann. Bevor er seinen Posten antrat, leitete er das Jews’ College und war Rabbiner der Golders Green und Marble Arch Synagogen. Sacks studierte an der renommierten Cambridge University, machte einen Abschluss in Philosophie und wurde am Londoner Kings’ College promoviert.

Sacks ist Gastprofessor an mehreren britischen, amerikanischen und israelischen Universitäten. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1995 den Jerusalem Prize für sein Engagement für die jüdische Diaspora und vergangenes Jahr den Ladislaus Laszt Ecumenical and Social Concern Award von der Ben‐Gurion‐Universität in Beer Sheva. Vor sechs Jahren schlug ihn Königin Elizabeth zum Ritter, seitdem sitzt er als Mitglied des englischen Hochadels im britischen Oberhaus.

Sacks ist auch in den Medien aktiv. Er liefert regelmäßig den Inhalt für die morgendliche Sendung »Thought for the Day« auf BBC Radio 4 und schreibt eine monatliche Kolumne für die Times. Außerdem hat Sacks 24 Bücher verfasst, die mit diversen Literaturpreisen ausgezeichnet wurden. Auf seinen Nachfolger wartet keine leichte Aufgabe, so viel steht fest.

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